Samstag, 19. September 2015

Verdacht auf Kindeswohlgefährdung in Netphen

Drakonische Strafen, Demütigungen und Psychoterror. Davon berichtet eine junge Frau, die zwei Jahre lang in dem Jugendheim in Netphen gelebt hat, aus dem das Jugendamt vergangene Woche 22 Kinder in Obhut nahm. Die heute 29-Jährige gibt uns einen Einblick in das Innenleben der Einrichtung.

Die heute 29-jährige Frau war im Jahr 2000 freiwillig in die Einrichtung gegangen, weil sie mit ihren Eltern nicht mehr klar kam. Doch der Entschluss erwies sich für die damals 13-Jährige offenbar als schwerer Fehler. Im Heim habe Drill geherrscht, die Kinder seien gedemütigt worden: "Dazu zählte stundenlanges Sitzen am Tisch als Strafe", erzählte die ehemalige Heimbewohnerin dem WDR. Sie nahm damals Reißaus und flüchtete zurück zu ihren Eltern. Die glaubten ihr allerdings nicht und brachten sie zurück ins Heim. Die drakonische Strafe für ihren Ausreißversuch: Sie habe eine Woche lang allein in einem Zimmer ausharren müssen.

"Niemand hat mir geglaubt"

Alle Versuche der jungen Frau, ihre Eltern oder Mitarbeiter des Jugendamtes auf die Situation aufmerksam zu machen, schlugen lange Zeit fehl. "Niemand hat mir geglaubt", erzählt die Zeugin. Die Heimleitung habe ständig Druck auf die Schutzbefohlenen ausgeübt und eine Drohkulisse aufgebaut. "Wer etwas erzählt, kommt in die Psychiatrie", sollen die Erzieher gesagt haben. 

Es haben sich auch ehemalige Bewohner gemeldet, die gute Erfahrungen in dem Kinderheim gemacht hatten. Die 29jährige und eine weitere Zeugin erzählen von einer Zwei-Klassen-Kindergesellschaft in dem Heim. Manche der Schutzbefohlenen seien von der Heimleitung als gut beurteilt worden und hätten Zuwendung erfahren. Die andere Gruppe soll regelmäßig psychisch misshandelt worden sein. 

Für die 29-Jährige endete der Psychoterror erst nach zwei Jahren. Ein Lehrer, ein Freund und ihre Eltern holten sie 2002 aus dem Heim. Sie leidet heute noch psychisch unter den Folgen.
Die Heimleiterin war für eine Stellungnahme zu den Vorwürfen nicht erreichbar. Die Staatsanwaltschaft in Siegen ermittelt wegen des Verdachts auf Körperverletzung. Deswegen will sich auch das damals für die junge Frau zuständige Jugendamt beim Kreis Marburg-Biedenkopf nicht äußern. 



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