Dienstag, 13. Oktober 2015

BRD: „Heimkinder sind schlechter dran als Hartz-IV-Kinder“ - Verein hilft seit über zehn Jahren Kindern in Heimen

Ein Verein macht sich für Heimkinder stark – und stößt dabei immer wieder an Grenzen. An bürokratische, aber auch an die in den Köpfen. 

970 Euro jährlich; 2,65 Euro am Tag: So viel gibt der Staat Heimkindern an „Taschengeld“. Davon werden Kleidung, Schuhe, Bücher, Süßigkeiten, Vereinsbeiträge und Kommunions- oder Konfirmationsunterricht, Ausflüge, Schullandheim, Nachhilfe und Hygieneartikel gezahlt. Die Pauschale von 3,40 Euro für das tägliche Essen und Getränke gehen extra. 

„Sie haben gar nichts“ 
 
„Diese Kinder haben gar nichts“, sagt Nicola D’Atri, Vereinsvorsitzender von Perspektiven. Heimkinder seien schlechter dran als jedes Hartz-IV-Kind – schließlich gäbe es für die noch Fördertöpfe, etwa für Nachhilfe und Vereinsbeiträge. Leidenschaftlich setzt er sich für die Belange von Heimkindern ein. Will ein Sprachrohr sein für die Jüngsten unserer Gesellschaft. Für diejenigen, die keine Lobby haben, für die sich kaum jemand interessiert und starkmacht. 

D’Atri hat dafür ganz persönliche Gründe: Er war selbst Heimkind, hat die Kurve gekriegt, ist nun erfolgreicher Geschäftsmann in der Versicherungsbranche. „Ich will was zurückgeben“, sagt er.
Dass die Umstände für Heimkinder sich seit seiner eigenen Zeit in einer Unterkunft kaum gebessert haben, merkte er am achten Geburtstag seiner Tochter vor über zehn Jahren. Sie hatte einen Jungen aus dem Walburgisheim zur Feier geladen. „Der stand da und hatte zwei verschiedene Gummistiefel und Socken an“, erinnert sich D’Atri. 

"Wir überreichen keine pressewirksamen Schecks"
 
Das gab den Ausschlag. Seitdem sammelt er Gelder auf Charity-Veranstaltungen, stellt Tombolas auf die Beine und gründete einen Verein. Das Walburgisheim in Feucht, das Raumerhaus der Rummelsberger und ein Heim in Parsberg erhalten Unterstützung. 

100.000 Euro sollen es allein in den vergangenen vier Jahren gewesen sein. Mit dem Geld verfährt der Verein anders als es oft üblich ist. „Wir überreichen keine pressewirksamen Schecks“, sagt Schatzmeisterin Margit Forster. Stattdessen wollen sie gezielt helfen und Möglichkeiten offenbaren, für die vom Staat kein Geld vorgesehen ist. 

Geld ganz gezielt ausgeben 
 
Sie haken nach, was mit ihrem Geld passiert. „Wenn wir aufs Tableau kommen, freut sich kein Mensch“, sagt D’Atri und meint damit vor allem die Mitarbeiter der Einrichtungen. Diese stellen Anträge beim Verein für konkrete Dinge, etwa Nachhilfe, eine spezielle Creme oder die Fahrt ins Schullandheim. Das macht Arbeit – auch weil die Bürokratie viele unwägbare Hürden bereithält. 

D’Atri und seine Kollegen prüfen den Antrag und lassen sich nach der Bewilligung die Rechnung zeigen. „Wir geben Geld ganz konkret für jedes Kind, nicht für Kokolores-Maßnahmen“, bringt es der Versicherungsmakler auf den Punkt. 

Ein Fahrrad für jeden 
 
Mit einem Radiosender hat der Verein schon Fahrräder gesammelt – die sind nicht im Budget der Regierung enthalten. Mit Thomas Pirner von der Kreishandwerkskammer arbeitet Perspektiven eng zusammen, um den jungen Menschen eine Ausbildung zu vermitteln. Die Mitglieder haben auch schon Kinder bei sich aufgenommen. Die Rate der Jugendlichen mit Schulabschluss ist gestiegen, seit der Verein mitmischt, sagt zweiter Vorsitzender Stefan Oppermann. Ein junger Mann machte erst eine Lehre bei den Feuchter Gemeindewerken und studiert nun Wasserbauingenieur. 

Erfolge und Niederlagen
 
Doch auch bittere Erfahrungen mussten die Mitglieder schon machen: Ein 14-Jähriger war aus dem Heim geflogen. Die Mutter arbeitete als Prostituierte, ihr Freund und Zuhälter schickte den Jungen auf den Strich. D’Atri holte den Jugendlichen zu sich nach Hause. 

Die Mutter zeigte ihn daraufhin wegen Kindesentführung an – der Junge musste zurück zu ihr. „Mittlerweile sitzt er im Gefängnis“, sagt D’Atri und klingt verzweifelt angesichts der Aufgaben, denen er sich mit seinem Verein jeden Tag aufs Neue stellt. 

Perspektiven e.V., Raiffeisenbank Altdorf-Feucht, IBAN: DE89 7606 9440 0001 1685 25, BIC: GENODEF1FEC




Kommentare

Perspektiven, Schwarzenbruck, 12.10.2015 12:11:
Unser Beitrag sollte auch authentisch sein und dafür herzlichen Dank an den Boten! Grundlage unseres Vereins Perspektiven e.V. ist es seit Jahren ausschließlich lokal & regional vor Ort zu agieren. Das Glück oder Unglück eines Lebens hängt nun mal schon lange sehr deutlich davon ab, in welchem Land dieser Erde man geboren wird und darüberhinaus aber 'unter welchen sozialen Umständen' man in jedem Land auf das Leben vorbereitet wird. Dies kann eben auch innerhalb Deutschland sehr schwierig werden. Kindern aus sozial benachteiligten Familien eine Perspektive geben zu können, ist unser Ziel. Wenn dies in enger Kooperation mit den Heimträgern, den Jugendämtern und natürlich der Politik (und hier sollte in der Tat auch auf diese Umstände ein größeres Augenmerk geworfen werden)ohne allzu große bürokratische Hemmschwellen erfolgen kann/könnte, dann wäre viel gewonnen. NUR Kinder - aber eben ALLE Kinder dieses Landes/ dieser Welt sind die Zukunft. Und damit sollten wir alle sorgfältiger umgehen. Nähere Informationen über Perspektiven e.V. unter www.perspektiven-ev.com. 
 
analyst, Analytica, 11.10.2015 07:12:
DANKE für diesen authentisch geschriebenen Artikel ! Was werde ich immer wieder gescholten, wenn ich beim zur Zeit so oft gehörten Satz "wir schaffen das" darauf hinweise, dass in Deutschland schon bisher Vieles nicht "geschafft" wurde ? Die genannten Beträge von 3,40 Euro für Essen und 2,65 Euro für Selbstverständlichkeiten des Lebens sind schockierend im Vergleich zu den Beträgen, die für andere Dinge in diesem Lande völlig konzeptlos aus dem Fenster geschaufelt werden. McGyver bringt es gleich im ersten Staz auf den Punkt. Ich kannte zwar bisher nicht den hier genannten Verein, aber andere, vergleichbare Fälle und bin schon lange wütend, wie in unserem Land mit Menschen, die NICHTS für ihr Schicksal können, umgegangen wird. Dickes Lob an die Aktiven des Vereins "Perspektiven" - und viel Erfolg für die weitere Tätigkeit. Möge der Artikel dazu beitragen, das Thema aus der "Tabu-Ecke" zu holen ! 
 
schlosser, Lauf, 10.10.2015 17:50:
Den Kommentar von McGyver ist eigentlich nichts hinzuzufügen.Man sieht hier eindeutig was Behinderte wert sind in der Politik.NICHTS! Die Hauptsache ist, man hat nichts damit zutun. Da fliesen Milliarden, in ein totes Objekt, aber für die Behinderten hat man nur ein Taschengeld übrig. Eine Schande für ein reiches Land.Eine Schande sonst nichts! 
 
McGyver, Schwarzenbruck, 10.10.2015 15:22:
Der Artikel hat mich traurig und wütend zugleich gemacht. Er zeigt uns allen was der Mensch und insbesondere Kinder hierzulande wert sind. Überall wird von der Politik das Geld zum Fenster hinaus geschmissen für sinnlose Projekte. Leute die sich für Kinder engagieren, werden durch einen riesigen bürokratischen Berg den man vor ihnen auftürmt in ihrer Arbeit für die Kinder auch noch ausgebremst. Für mich ist das ein Totalversagen der Politik und jede Politikerinnen und Politiker sollte sich schämen. Ich appelliere dringend an das Gewissen der Politikerinnen und Politiker(Falls sie überhaupt ein Gewissen haben) hier dringend diesen unhaltbaren Zustand zu ändern. An dieser Stelle möchte ich auch den "Boten" für diesen Bericht danken! Bitte bleiben Sie an dem Thema dran, auch wäre etwas mehr Hintergrund Information nicht schlecht, insbesondere wäre interessant wer hierfür zuständig ist. 
 

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