Sonntag, 11. Oktober 2015

Freiburg: Fall Alessio - Jugendamt naiv?

Ich wollte nur Gutes für die Kinder", stammelte der 33 Jahre alte Angeklagte kaum verständlich ins Mikrofon. Sein Schlusswort im Prozess könnte nach allen gehörten Aussagen wohl für alle gelten, die mit Alessio zu Lebzeiten zu tun hatten: Niemand war ihm übel gesonnen. Alle wollten Gutes für ihn. Seine Mutter, sein Stiefvater - der Angeklagte -, das Jugendamt. Dennoch ist der Dreijährige tot.
Mit den Plädoyers von Staatsanwalt, Nebenklage und Verteidigung ging am Dienstag der Prozess um den Tod Alessios Anfang des Jahres in Lenzkirch in seine entscheidende Phase. Die Staatsanwaltschaft ist bereits vom Vorwurf des Totschlags abgerückt: Für Körperverletzung mit Todesfolge sowie schwere Misshandlung in zwei Fällen forderte sie acht Jahre und drei Monate Haftstrafe für den Angeklagten.

Hinter dem schrecklichen Ereignis am 16. Januar im Wohnhaus des Lenzkircher Bauernhofs stand keine Tötungsabsicht. Davon zeigte sich Staatsanwalt Klaus Hoffmann am Ende der Verhandlung überzeugt. Vielmehr sei der Angeklagte "hilflos und überfordert" gewesen: Die Lebensgefährtin auf nicht absehbare Zeit in der Klinik, mit Alessio und dessen Schwester Emilia, noch ein Baby, allein, im Stall 140 Kühe - und da stürzt der Dreijährige die steile Treppe im Haus hinunter, liegt leblos am Boden. Was da im Kopf des Angeklagten zusammengekommen sein mag?

Der Angeklagte hat dem Dreijährigen nach eigener Aussage bis zu vier Mal mit der Faust in den Bauch geschlagen. Daran ist das Kind wenig später in einer Kinderarztpraxis in Titisee-Neustadt gestorben. Für diese Schläge, von denen der 33-Jährige nicht gewusst haben will, wie gefährlich sie waren, hat er vor Gericht keine überzeugende Erklärung zu bieten.

Dennoch ließ Staatsanwalt Hoffmann den Vorwurf des Totschlags fallen. Er plädierte "nur" auf Körperverletzung mit Todesfolge sowie schwere Misshandlung in zwei Fällen. Und trotzdem waren der Verteidigerin Eva Kanngießer die geforderten acht Jahre und drei Monate entschieden zu viel: "Vier Jahre sind mehr als genug." Ihr Mandant sei schon jetzt gestraft genug: Er sei stark suizidgefährdet, habe seine wirtschaftliche Existenz verloren, und nun gebe es sogar Drohungen, sein Hof werde angezündet, wenn er sich nach Lenzkirch zurücktrauen sollte. Für sie sei Alessios Tod weniger ein Kriminalfall als eine "klassische Tragödie" - mit tödlichem Ausgang.

In den Aussagen der Zeugen, Ärzte und Sachverständigen wurde in den sechs Verhandlungstagen vor dem Landgericht - wenn auch abgestuft - immer wieder betont, dass sich letztlich alle ums Wohl der Kinder sorgten. Dabei blieben die Zeugen untereinander aber widersprüchlich. Oder Alessios Mutter, die in sich widersprüchliche Aussagen traf: Vor der Polizei hatte sie ihren Lebensgefährten stark belastet, in ihrer (nichtöffentlichen) Aussage vor Gericht vieles wieder zurückgenommen oder relativiert. Ihre Anwältin Katja Ravat begründete das mit einer Borderline-Störung.

Die Anwältin brachte in ihrem Plädoyer zudem das Jugendamt Breisgau-Hochschwarzwald mit Worten wie "unprofessionell" und "naiv" ins Spiel: Unkritisch sei man den Wünschen der Eltern gefolgt, statt insbesondere der Ambivalenz ihrer Mandantin nachzugehen.

Zudem habe das Jugendamt seine eigenen Forderungen, etwa nach regelmäßigen Kinderarztbesuchen oder der Fortdauer der Familienhilfe, nicht durchgesetzt. Das hätte das Amt insbesondere aufgrund der zahlreichen festgestellten Verletzungen an Alessios Körper - blaue Flecke, Blutergüsse, innere Blutungen - ihrer Auffassung nach tun müssen.

Das Landgericht hatte niemanden aus der Behörde als Zeugen geladen. Wie am Rande zu erfahren war, hatte sich etwa der Sachbearbeiter auf sein Zeugnisverweigerungsrecht berufen. Denn auch gegen ihn wird ermittelt. Doch bislang ist laut Staatsanwaltschaft noch unklar, ob Vertreter des Jugendamts je vor Gericht kommen - auch nach diesem Strafprozess. Am kommenden Mittwoch (14. Oktober) soll das Urteil gefällt werden.

Inobhutnahme von Kindern

Gesetzliche Regelung Kinder und Jugendliche aus Familien in schweren Krisen werden bei "dringender Gefahr für das Wohl" des Minderjährigen vom Jugendamt oder der Polizei in eine sichere Umgebung (Obhut) geholt. Das ist im Sozialgesetzbuch geregelt.

Anlässe Grund für eine Inobhutnahme kann eine nicht ausreichende Versorgung sein oder dass Eltern schwer drogen- oder alkoholkrank sind; aber auch Misshandlungen und sexueller Missbrauch. Bisweilen äußern aber auch überforderte Eltern den Wunsch.

Vorgehen Bei konkreten Hinweisen gehen in der Regel zwei Mitarbeiter des Jugendamtes in die Familie und entscheiden, ob das Kind in Obhut muss. Stimmen die Eltern nicht zu, entscheidet ein Gericht, ob die Kinder in Obhut genommen werden.

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