Donnerstag, 15. Oktober 2015

Jugendamt des Kreises Breisgau-Hochschwarzwald - Amtspflichtverletzung im Fall Alessio?

Der Stiefvater war es. Aber das haben ja viele schon vorher gewusst, und sie waren sich sicher, dass sie es mit einem üblen Kinderschläger, ja einem Mörder zu tun hätten. Doch auch in Lenzkirch ist die Wirklichkeit nicht so einfach gebaut. Der Prozess hat Einblicke in das Innenleben einer Familie gewährt, in der alle das Beste wollten – und am Ende steht das Schlimmste, der Tod eines kleinen Kindes.

Da kamen zwei Erwachsene zusammen, die jeder für sich kaum bestehen konnten aufgrund ihrer Kindheitsgeschichte mit gewalttätigen Müttern und vergewaltigenden Vätern, beide einsam und liebebedürftig – und glaubten, endlich auf der Sonnenseite des Lebens zu sein. Doch sie sind je an sich selbst und aneinander gescheitert. Und dazwischen zwei Kinder, die unter diesen Rahmenbedingungen leiden mussten.

Nicht der richtige Ort für Alessio
 
Mit Alessio zudem ein Junge, der in seiner Entwicklung zurückgeblieben war, der in den letzten beiden Jahren seines kurzen Lebens überall mit seinen Handlungen und Ungeschicklichkeiten anstieß: im Bauernhof, der unter solchen Umständen zur permanenten Verletzungsgefahr werden musste; an den unflexiblen, von Überforderung mitgeprägten Ordnungsvorstellungen seines Stiefvaters, die mit einer gewissen Gewaltbereitschaft verbunden waren; an der Lebensuntüchtigkeit seiner psychisch labilen Mutter.

Das Gericht hat in seinem Urteil bei den meisten Verletzungen offengelassen, ob sie aus Unfällen resultierten oder Misshandlungen – das weiß niemand außer den direkt Beteiligten. Doch eine grundsätzliche Aussage ist möglich: Alessios Kindeswohl war auf dem Lenzkircher Hof akut gefährdet – ohne damit irgendeine Person zu beschuldigen.

Fürsorge war geboten

Deshalb haben die Ärzte der Freiburger Unikinderklinik Alarm geschlagen, deshalb hat die Staatsanwaltschaft nach Abschluss ihrer Ermittlungen gegen den Stiefvater präventiven Schutz des Kindes gefordert. Fürsorge war geboten, und die konnte damals nur eine Instanz wahrnehmen – das Jugendamt des Kreises Breisgau-Hochschwarzwald.

Doch das hat diesen Auftrag nur höchst unzureichend erfüllt. Darum ist der Tod des kleinen Alessio nicht nur ein Kriminalfall. Denn die Rolle des Jugendamtes wäre auch dann kritikwürdig, wenn er an jenem 16. Januar nicht die Treppe hinuntergestürzt und von seinem Stiefvater geschlagen worden wäre, sondern ihn im Stall eine Kuh zu Tode getreten hätte – wie er ja schon zuvor von einem Kalb verletzt worden war.

Datenschutz als Schutzschild

Nun werden die Entscheidungen des Jugendamts im Auftrag des Kreistags von einem Gutachter durchleuchtet – hoffentlich in der notwendigen Helligkeit. Die Spitze des Landratsamtes hat sich schnell ins Schneckenhaus zurückgezogen – "wir haben keine Fehler gemacht". Nachfragen wurden mit dem Verweis auf den Datenschutz abgewimmelt; ein Argument, das nach diesem Strafprozess nur mehr ein böser Witz ist, weil dort alle Lebensdetails von Stiefvater, Kindsmutter und Kindern öffentlich ausgebreitet wurden.

Zwei Mal war Alessio in die Kinderklinik gekommen, beide Male ohne letzte Klärung der Ursachen für seine Verletzungen. Das zweite Mal waren sie so schwer, dass die Ärzte für die Zukunft um sein Leben fürchteten. Hätte nicht allein dieser Zustand des Dreijährigen fürsorgliches Handeln erfordert, ungeachtet von Schuldzuweisungen?

Dass beide Elternteile nicht fürsorglich waren, war offensichtlich genug. Doch das Jugendamt hat das Kind in die Familie zurückgeschoben. Deshalb muss der Fall Alessio noch einmal vor Gericht – als Fall von Amtspflichtverletzung durch jene, die beauftragt sind, sich um das Wohl von Kindern zu kümmern. Denn was Alessio schon vor seinem Tod widerfahren ist, muss jedem Kind erspart werden. 

6 Jahre Haft für den Stiefvater!
 

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