Freitag, 18. Dezember 2015

"Gutes Benehmen" als Währung in deutschen Kinderheimen, nicht gestern, sondern heute

Erziehung mit "harter Hand"?

Nur die Taten einzelner, sadistische Erzieher oder steckt mehr dahinter? Die fragwürdige Pädagogik der 50er- und 60er-Jahre, oft als "schwarze Pädagogik" bezeichnet, ist wieder salonfähig geworden, sagen Experten gegenüber Panorama 3. Professor Michael Lindenberg, Leiter der evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit in Hamburg, kritisiert, dass man in den Einrichtungen und Jugendämtern immer häufiger der Auffassung sei, schwer erziehbaren Jugendlichen nur noch mit der "harten Hand" begegnen zu können.

"Diese Kinder und Jugendlichen kommen in die Einrichtung, die in aller Regel als letzte Chance gilt. Hier sind sie Kinder, die Schwierigkeiten machen und so sieht man sich legitimiert mit Härte und Strafe zu reagieren", so Lindenberg.

Demnach sind derzeit 1.626 Hamburger Kinder in 500 auswärtigen Einrichtungen untergebracht. 78 Einrichtungen erlauben in den ersten zwei bis acht Wochen keine Besuche bei der "Herkunftsfamilie". In Einzelfällen würden auch Wochenendbesuche bei der Familie als Konsequenz für "unerlaubtes Verhalten" gestrichen. 42 Einrichtungen arbeiten nach einem Phasen- oder Stufenmodell, 115 Heime sehen ein System vor, das Verhalten mit Plus- und Minuspunkten belohnt oder bestraft und acht Heime haben gar einen "Timeout-Raum", in dem Kinder und Jugendliche für eine Zeit lang isoliert untergebracht werden.

Solche Konzepte begünstigten den Machtmissbrauch seitens der Erzieher, sagt der Kriminologe und Sozialarbeitswissenschaftler Timm Kunstreich. "Es gibt dort eine systematische Schaffung von Situationen, in denen es für richtig gehalten wird, den anderen körperlich oder seelisch zu malträtieren und zu quälen."

Anfangs wird den Kindern praktisch jedes Recht aberkannt. Sie werden abgeschottet, gehen nicht zur Schule, der Tagesablauf ist minutiös geplant, Freizeit ist nicht vorgesehen. "Diese Vorschriften werden in der Regel als belastend und entwürdigend empfunden, weil sie die Bewegungsfreiheit, die Kommunikation und die sozialen Kontakte einschränken, Genussmittel verbieten, die Wahl der Kleidung reglementieren oder andere Schikanen erfinden die als pädagogisch notwendige Strukturierung getarnt werden", heißt es zu solchen Konzepten in einem Aufsatz des Arbeitskreises kritischer Sozialpädagogen.

Mit "gutem Benehmen" müssen sich die Kinder alles erarbeiten - vom Shampoo bis zum Kino-Besuch. Sie können dann Stufen mit mehr Freiheiten erklimmen und in gemäßigtere Wohneinrichtungen umziehen. Verhalten sich die Kinder nicht nach den Regeln, werden sie bestraft, verlieren bereits erreichte Stufen. Der Arbeitskreis hält solche Modelle für unvereinbar mit der UN-Kinderrechtskonvention, die ausdrücklich vorsieht, dass die Willensäußerungen der Kinder gemäß ihres Alters zu berücksichtigen sind. "Das ist Dressur, das hat nichts mit Erziehung zu tun", sagt Kriminologe und Sozialarbeitswissenschaftler Timm Kunstreich über diese Art von Konzepten. "Da interessiert mich nur, dass das Verhalten, das ich haben möchte, kommt. Das ist genau so wie ein Hund, der übers Stöckchen springt, der gleiche Mechanismus." Er schätzt, dass etwa die Hälfte der großen Einrichtungen in Deutschland mittlerweile mit dem Stufen-Vollzug arbeitet.

Für Prof. Michael Lindenberg ist die Sache klar: "Jetzt in diesem Augenblick werden irgendwo in Deutschland Kinder isoliert, ihnen wird irgendwo das Essen entzogen, irgendwo wird gerade ein Kind ausgezogen und unterliegt einer Leibesvisitation, jetzt im Augenblick passiert das, und wir müssen uns fragen, wollen wir das wirklich, wollen wir sie wirklich so behandeln."


 

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