Donnerstag, 31. Dezember 2015

Schwerin: Kindesmissbrauch und das Jugendamt sah weg?

Bereits Monate bevor der faktische Leiter einer Schweriner Jugendeinrichtung wegen des Verdachts des vielfachen Kindesmissbrauchs im vergangenen August verhaftet wurde, gab es einen Hinweis darauf ans Schweriner Jugendamt. Im Januar sei über eine Vertrauensperson der Verdacht einer Mutter anonym an die Schweriner Behörde weitergeleitet worden, sagte die Rechtsanwältin Christine Habetha gestern gegenüber unserer Redaktion. Ihr sei keine Reaktion des Jugendamtes auf diesen Hinweis bekannt, so die Juristin. Sie wird sich für die Rechte von zwölf der 14 betroffenen Kinder vor Gericht als Vertreterin der Nebenklage einsetzen. Auch sie selbst schrieb inzwischen ans Jugendamt, bekam aber keine Antwort. 

Habetha hält es für dringend geboten, dass sich das Amt mit dem Verein im Stadtteil Mueßer Holz befasst. Da Vertraute des Beschuldigten dort weiterhin tätig seien, sei „nicht auszuschließen, dass Einfluss auf die betroffenen Kinder genommen wird, die möglicherweise vor Gericht als Zeugen aussagen müssen“. Der Verein werde allein von Ehrenamtlichen betrieben, die keine sozialpädagogische Ausbildung hätten. Auch gebe es kein pädagogisches Gesamt-Konzept. Habetha stellt allerdings nicht die Qualität der Vereinsarbeit grundsätzlich infrage. Die Schweriner Stadtverwaltung war gestern für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Der Verein hatte im August eingeräumt, dass er nicht als Träger der Jugendhilfe anerkannt ist.

Der Prozess gegen den 41 Jahre alten Peter B. wird am kommenden Dienstag vor der dritten Strafkammer des Schweriner Landgerichts eröffnet. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm schweren Kindesmissbrauch und die Vergewaltigung einiger seiner Opfer vor. Mehrmals zeigte er Kindern laut Anklage zudem Pornofilme. 
 
In der Zeit zwischen 2009 und seiner Verhaftung im August dieses Jahres soll er sich in 62 Fällen an Jungen im Alter zwischen sieben und 13 Jahren vergangen haben. Dabei nutzte er das Vertrauen aus, dass sie ihm als Leiter des Jugendklubs und dessen Tanzgruppe entgegenbrachten. Im Falle einer Verurteilung droht B. eine Freiheitsstrafe von bis zu 15 Jahren. Ob es weitere Übergriffe vor 2009 gab, ist noch nicht geklärt. Die Ermittlungen seien nicht abgeschlossen, so Habetha. 

Nach Angaben der Rechtsanwältin hat B. bislang kein so umfangreiches Geständnis abgelegt, dass es seinen Opfern erspart bleiben könnte, vor Gericht aussagen zu müssen. Es wäre aber „nicht hinnehmbar“, wenn B. damit „bis zur letzten Sekunde“ warte, um im Gegenzug im Rahmen eines sogenannten Deals zwischen Gericht, Staatsanwaltschaft und Verteidigung eine geringere Strafe in Aussicht gestellt zu bekommen. Ein Geständnis dürfe nicht „zur Handelsware verkommen“, sagte die Anwältin.

Peter B., der laut Rechtsanwältin Habetha ebenfalls über keine pädagogische Ausbildung verfügt, gehörte im Jahr 2000 zu den Gründern des Vereins, dessen Aktivitäten von den Jugendlichen des Stadtteils stark frequentiert werden. Eine Mutter sagte einst über den Verein: „Meine Kinder weiß ich hier gut aufgehoben.“ 

Im Sommer 2012 kaufte der Verein sogar einen heruntergekommenen Wohnblock, um mit dem Erlös aus der Vermietung der sanierten Wohnungen die Vereinsarbeit zu finanzieren. Angeblich zählen vor allem Vereinsmitglieder zu den Mietern. 

Stadt- und Landespolitiker machten sich immer wieder für den Verein stark – bis B. verhaftet wurde. Inzwischen sind fast alle Fotos, auf denen B. mit politischer Prominenz zu sehen ist, aus dem Internet verschwunden. 
 

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