Mittwoch, 3. Februar 2016

Fall Allessio: Fehler beim Jugendamt und strafrechtliche Ermittlungen gegen Sachbearbeiter

Ein gutes Jahr nach dem gewaltsamen Tod des dreijährigen Alessio im Schwarzwald hat ein unabhängiger Gutachter dem zuständigen Jugendamt Fehler und Versäumnisse attestiert. Der Fall zeige Handlungsbedarf, sagte der Sachverständige Heinz Kindler in seinem Abschlussbericht am Dienstag in Freiburg. Die Jugendhilfe brauche Verbesserungen. Das Jugendamt müsse künftig Kooperationen suchen mit Kinder- und Jugendmedizinern sowie mit Juristen der Familiengerichte. Zudem sollte die Behörde personell besser ausgestattet werden. Auch externe Anbieter der Jugendhilfe sollten stärker einbezogen werden. So ließen sich Fälle von schwerer Misshandlung von Kindern besser einschätzen.

Falsche Einschätzung der Behörde

Das Jugendamt steht seit dem Tod des Jungen in der Kritik. Es soll Warnungen ignoriert und Alessio unzureichend geschützt haben. Bereits Mitte 2013 hatten Mediziner Hinweise auf Kindesmisshandlung. Doch das Jugendamt ließ den Jungen in der Familie. Dort starb er.
Die Behörde habe die Gefährdung des Jungen mit der Zeit falsch eingeschätzt, sagte der Experte vom Deutschen Jugendinstitut in München. Zudem sei die Führung des Amtes zu wenig in den Fall eingebunden gewesen, das Qualitätsmanagement habe versagt. Solche Fehler seien im deutschen Kinderschutzsystem aber keine Einzelfälle, von einem kompletten Behördenversagen könne nicht gesprochen werden. Konkrete Lehren müsse der für das Amt zuständige Landkreis ziehen.

Parallel laufen noch strafrechtliche Ermittlungen gegen einen Sachbearbeiter im Jugendamt. Nach Alessios Tod hatten mehrere Bürger Anzeige erstattet. Abschließende Ergebnisse gebe es noch nicht, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft. Ermittlungen gegen Alessios Mutter hatte die Behörde vor zwei Monaten eingestellt.

http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.gutachter-im-fall-alessio-auch-jugendamt-hat-fehler-gemacht.2e3a5fa6-039d-4b78-9dd8-c94fc5a3f9e7.html

Manches Kreistagsmitglied war enttäuscht von den watteweichen Formulierungen, mit denen der Münchner Psychologe Heinz Kindler über die Bearbeitung des Falls Alessio im Jugendamt des Kreises Breisgau-Hochschwarzwald urteilte.

Dies hat freilich auch mit Vorsicht zu tun: Wie Kindler sagte, unterscheide sich das Vorgehen in diesem Fall nicht von dem vieler anderer Jugendämter. Wer wollte da also von Fehlern reden – zumal dieses juristisch ein heikler Begriff ist.

Dennoch darf man in Klartext wenden, was Kindler leicht verschwurbelt sagt: Die Selbstkontrolle des Jugendamts, organisiert in Beratungsgremien, hat nicht funktioniert, die Zusammenarbeit mit anderen Organisationen des Kinderschutzes ist stark unterbelichtet, den Mitarbeitern fehlt es an Selbstbewusstsein, um die Interessen des Kindeswohls gegen eigensüchtige Eltern und vor Familiengerichten durchfechten zu wollen, an der Leitungsebene ist der Fall Alessio vorbeigegangen – und es herrscht Personalmangel in diesem Amt.

http://www.badische-zeitung.de/kommentare-1/gutachter-packt-seine-kritik-in-watte--116990326.html

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