Freitag, 11. März 2016

Chemnitz/Freiberg: Jugendamt wird über Mißhandlungen informiert und unternimmt nichts

Vor dem Landgericht Chemnitz haben am dritten Prozesstag im Misshandlungsprozess um ein Freiberger Mädchen mehrere Zeugen dem Jugendamt des Landkreises schwere Vorwürfe gemacht. Vor Gericht berichtete gestern unter anderem die Großmutter des Mädchens, bei der sich das Kind des Öfteren aufgehalten hatte, von zahlreichen blauen Flecken, die sie erstmals im Dezember 2014 bei ihrer Enkelin entdeckt habe. Sie und ihr Freund hätten das für nicht normal gehalten und sich entschlossen, das Jugendamt zu informieren. Das Kind habe dort alles erzählt, was es erleidet haben soll. So auch, dass es geschlagen und im finsteren Keller eingesperrt worden sei.

Alle, die beim Gespräch mit dem Jugendamt zugegen waren, seien fassungslos gewesen, sagte die Großmutter. Etwas unternommen habe aber niemand. Ihr Sohn, der Vater des Kindes, habe sie noch nach Prozessbeginn bedroht, sagte die Frau weiter. Er werde schnell aggressiv und gewalttätig, wenn jemand auf einer ihm missliebigen Haltung beharre. Abschließend gab sie zu Protokoll, ihrer Enkelin wäre viel Leid erspart geblieben, wenn das Jugendamt richtig reagiert hätte.

Eine Schwester des angeklagten Vaters berichtete von dessen Strafaktionen gegen das kleine Mädchen, bei denen sie anwesend war. Einmal habe es zehn Minuten lang auf dem Boden knien und einen Stock kerzengerade nach oben halten müssen. Ein anderes Mal sei sie aus nichtigem Anlass von ihm zu Boden ge- schlagen und dann mit den Schuhen gegen die Beine und den Unterleib getreten worden. Vor Schreck und aus Angst vor ihrem Bruder habe sie nicht eingreifen können.

In einer von ihrem Verteidiger verlesenen Erklärung übte auch die angeklagte Lebensgefährtin der Tante Kritik am Jugendamt. Kurz vor Weihnachten 2014 sei sie nach wiederholten Misshandlungen des Mädchens durch die Eltern mit ihm zur Polizei gegangen, um Anzeige zu erstatten. Das Jugendamt habe gegenüber der Polizei geäußert, es gebe keine freie Pflegestelle für das Kind. Sie habe den Eindruck gewonnen, dass man sich so kurz vor den Feiertagen nicht um die Sache kümmern wolle. Im Übrigen wies sie die gegen sie gerichteten Tatvorwürfe zurück. Nie habe sie die Kleine geschlagen, sie sei nicht gewalttätig. Vielmehr sei sie die Erste gewesen, die bemerkt habe, wie mit dem Kind umgegangen wurde. Deshalb habe sie ja die Polizei eingeschaltet.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen