Samstag, 19. März 2016

Rheinisch-Bergischen Kreis: "Der Wille des Kindes wird berücksichtigt." - Seit wann das den?

Vor vier Monaten ist Lilly einfach abgehauen. Seitdem ist die 15-Jährige obdachlos. Ziellos tingelt sie durchs Bergische Land. Wipperfürth, Hückeswagen und Bergisch Gladbach – mal hier, mal dort. Inzwischen sucht auch die Polizei nach der Minderjährigen.

Eine Geschichte voll Perspektivlosigkeit

Lilly will aber nicht gefunden werden, denn sie hat Angst. Angst vor dem Jugendamt. Angst, nie in ein normales Leben zu finden. Wir haben uns mit ihr getroffen und berichten über ihr Schicksal. Denn ihre Geschichte ist es wert, erzählt zu werden. Es ist eine Geschichte von Verzweiflung und Perspektivlosigkeit, mitten in einem reichen Land mit einem umfassenden Sozialsystem. Damit Lilly sich überhaupt mit uns traf, mussten wir ihr absolute Anonymität zusichern. Der Name Lilly ist ein Pseudonym.

Als sie ein Jahr alt war holte das Jugendamt sie das erste Mal aus ihrem Zuhause. Ihre Mutter, erzählt Lilly, hat Alkohol- und Drogenprobleme, ihre Tochter immer wieder geschlagen. In den letzten Jahren wurde Lilly hin- und hergeschickt. In Wohngruppen, Pflegefamilien und zwischendurch immer mal wieder nach Hause, wo ihre Mutter und weitere vier Geschwister wohnen.

Mit sieben Jahren, erzählt Lilly, war sie das erste Mal in einer Klinik in Köln. „Weil ich Selbstmordgedanken hatte“, sagt die 15-Jährige. Den drei Monaten Klinikaufenthalt in Köln folgten weitere. Zweimal, erzählt sie, hat sie versucht, sich das Leben zu nehmen. „Weil eh alles scheiße war und mein Leben kaputt ist“, sagt sie. Eine Drogenkarriere hat die 15-Jährige auch schon hinter sich. „Ich habe Teile genommen, Pep gezogen und Gras geraucht. Aus Frust“, sagt sie.


Die Versuche des Jugendamtes, Lilly über einen längeren Zeitraum unterzubringen, scheitern immer wieder. „Ich bin aus den Wohngruppen und von den Pflegefamilien abgehauen. Ich hab mich da nicht wohlgefühlt. Ich will da nicht wieder hin“, sagt sie.

Lilly geht schon lange nicht mehr zur Schule. „Ich glaube, das letzte Mal war 2014, als ich noch in einer Pflegefamilie war“, sagt sie. Dann ging es wieder zurück zu ihrer Mutter – und von dort aus in eine Jugendeinrichtung der Gotteshütte in Wipperfürth. „Weil meine Mama mich geschlagen hat“, sagt Lilly und versteckt sich noch ein bisschen mehr, in dem großen Kapuzenpullover, den sie trägt.
In der Einrichtung der Gotteshütte, erzählt Lilly, sollte sie nur übergangsweise bleiben und dann in eine geschlossene Wohngruppe geschickt werden. Lilly kann die ganzen Wohngruppen und Pflegefamilien nicht mehr sehen. Zu ihrer Mutter führe auch kein Weg mehr zurück. „Ich glaube, die will das gar nicht mehr, weil ich so viel Mist gemacht habe“, sagt die 15-Jährige.

Lilly wünscht sich dennoch, in einer Pflegefamilie in Hückeswagen oder Wipperfürth aufgenommen zu werden. „Ich will mein Leben auf die Reihe kriegen“, erklärt sie. Ewig wird sie nicht weglaufen können und Lilly weiß das auch. „Aber habe ich denn gar nichts zu sagen?“, fragt sie.

Laut Hannah Weisgerber, Sprecherin des Rheinisch-Bergischen Kreises, dessen Jugendamt für Lilly zuständig ist, hat sie das. „Der Wille des Kindes wird berücksichtigt“, sagt sie. Auch beim Thema geschlossene Einrichtung beschwichtigt Weisgerber: „Dazu braucht es einen richterlichen Beschluss und da ist in den letzten Jahren im Kreisgebiet keiner ausgestellt worden.“ Trotzdem bleibt der Wille der Eltern in den meisten Fällen entscheidend.

Lilly kennt eine Familie, die sie aufnehmen würde. In den nächsten Tagen will sie sich dem Jugendamt stellen, viel Hoffnung macht sie sich aber nicht. „Die werden mir nicht erlauben, in einer Familie zu bleiben. Die wollen mich in eine Einrichtung stecken. Und ich gehe in keine Einrichtung mehr“, sagt das Mädchen.

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