Mittwoch, 25. Mai 2016

Grevesmühlen: die Fehlentscheidung eines Jugendamtsmitarbeiters und die Folgen für einen Dreijährigen

Katastrophale Zustände im Jugendamt von Nordwestmecklenburg: In einem anonymen Brief schildert eine Mitarbeiterin des Amtes die Bedingungen, die in der Behörde herrschen. Die Kolleginnen seien überlastet, die Hilferufe der Fachdienstleiterin würden überhört. Allein vier Stellen seien nicht besetzt, vier Kollegen hätten bei ihrem Arbeitgeber über eine zu hohe Arbeitsbelastung geklagt und diese dort offiziell angezeigt.

Welche dramatischen Folgen die Überlastung hat, zeigt der Fall vom 13. Mai. In Grevesmühlen wurde ein dreieinhalbjähriger Junge, der aus einem Heim in Schwerin entlassen und zu seinem Vater gebracht worden war, mit dem Rettungswagen abgeholt. Das Kind war vom Vater schwer misshandelt worden, der Junge war so vernachlässigt worden, dass er unterernährt und dehydriert war. Seitdem liegt der Junge im Wismarer Krankenhaus, sein Zustand hat sich nach Angaben der Jugendamtsmitarbeiterin stabilisiert.

Welche seelischen Schäden der Vorfall angerichtet hat, lässt sich derzeit nicht abschätzen. Die Polizei bestätigte am Dienstag, dass gegen die Betreuungspersonen, der Junge lebte bei seinem 31-jährigen Vater und dessen Lebensgefährtin, ermittelt wird. Der Vorwurf: Misshandlung von Schutzbefohlenen.

Das Fazit der Behörden heute: Das Kind hätte niemals bei seinem Vater untergebracht werden dürfen.

Das Jugendamt, beziehungsweise die zuständigen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, hatten offenbar die Situation falsch eingeschätzt. Grund, so heißt es in dem anonymen Schreiben, sei die permanente Überbelastung. Weiter: „Eine Situation wie in den Berliner und Hamburger Jugendämtern sei absehbar.“ Dort hatte es in den vergangenen Jahren immer wieder Fälle von vernachlässigten und misshandelten Kindern gegeben, weil die Ämter völlig überlastet sind.

Thema wird die Situation im Nordwestmecklenburger Jugendamt auf der nächsten Sitzung des Jugendhilfeausschusses sein. Am 8. Juni tagt das Gremium in Wismar. Die Vorsitzende des Ausschusses, Judith Keller, zeigte sich am Dienstag schockiert von den Ereignissen. „Ich weiß, dass die personelle Situation im Jugendamt nicht optimal ist. Alle Stellen sind ausgeschrieben, aber es gibt im Moment einfach keine Sozialpädagogen auf dem Markt.“

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen