Sonntag, 19. Juni 2016

Augsburg: das Jugendamt hat nichts bemerkt - Baby fast verhungert...

Das Leben des kleinen Kevin* hing am seidenen Faden. Das Baby wurde von seiner Mutter so vernachlässigt, dass es mit acht Monaten stark unterernährt war und an einer schweren Virusinfektion litt. Am 4. Mai 2015 ordnete das Jugendamt an, dass der Junge sofort in die Kinderklinik muss. Lange hätte er sonst wohl nicht mehr überlebt. Gegen die Mutter des Jungen, Sindy P., beginnt nächste Woche ein Prozess. Sie ist wegen versuchten Mordes angeklagt. Doch der Fall wirft auch die Frage auf: Hätte das Jugendamt nicht früher reagieren und ihr das Baby wegnehmen müssen?

Dass Sindy P., 29, nicht gerade eine vorbildliche Mutter ist, wusste man beim Amt schon länger. Als der kleine Kevin im September 2014 zu Welt kommt, ist er das fünfte Kind von insgesamt vier Vätern. Zwei ältere Söhne, 2006 und 2007 geboren, sind da laut Anklage wegen „Aufsichtspflichtverletzungen“ bereits zum Vater gegeben worden. Auch eine intensive Betreuung durch pädagogische Fachkräfte ist zeitweise schon vom Jugendamt angeordnet worden. Sie dauerte von Januar bis Mai 2014. Bislang unklar ist, wie eng die Betreuung und die Kontrolle nach Kevins Geburt im Herbst 2014 ausgefallen sind. Der Neugeborene und zwei Geschwister, 2010 und 2013 geboren, leben zu der Zeit bei der Mutter. In einer Wohnung für Obdachlose im Bärenkeller.

Drei Besuche bei der Mutter

Mitarbeiter eines vom Amt beauftragten Dienstleisters sind nach Kevins Geburt offenbar noch insgesamt drei Mal bei der Mutter. Es handelt sich um eine sogenannte Nachsorge – nach der Phase der intensiven Betreuung im Frühjahr 2014. Nach einer sehr engmaschigen Betreuung klingt das aber eher nicht. Eine Mitarbeiterin des Dienstleisters war zuletzt am 21. April bei der Mutter. Also rund zwei Wochen, bevor das Baby in einem lebensbedrohlichen Zustand in die Klinik kam.

Hätte die Mitarbeiterin bei diesem Besuch im April nicht etwas bemerken müssen? Die Frau konfrontiert die Mutter bei dem Termin zumindest damit, dass es Hinweise gebe, ihr Kinder seien „sehr dünn“ und oft alleine, weil Sindy P. lieber feiern gehe. Die Betreuerin wirft bei dem Besuch offenbar auch einen Blick in ein abgedunkeltes Zimmer, in dem der kleine Kevin liegt und offensichtlich schläft. Die Mitarbeiterin ermahnt die Mutter, sich um die Kinder zu kümmern. Sie sieht aber keinen Anlass dafür, dass Kevin sofort von der Mutter weg in eine Klinik muss. Das geschieht erst am 4. Mai, als eine Fachkraft des Jugendamts die Familie aufsucht, um die Situation zu überprüfen.

Zwei Verfahren eingestellt

Die Staatsanwaltschaft hat in dem Fall zeitweise auch gegen zwei Verantwortliche des pädagogischen Dienstleisters ermittelt. Allerdings sind die Verfahren inzwischen eingestellt worden, sagt Matthias Nickolai, der Sprecher der Staatsanwaltschaft, auf Anfrage. In einem Fall wegen „erwiesener Unschuld“, im zweiten Fall, weil die Ermittler zumindest kein strafbares Fehlverhalten erkennen konnten.

Beim Jugendamt schweigt man zu den Einzelheiten des Falls – aus Datenschutzgründen. Fehler sind aus Sicht des Amtes aber keine gemacht worden. Amtsleiterin Sabine Nölke-Schaufler sagt auf Anfrage: „Nur durch das umsichtige, konsequente und fachlich richtige Verhalten der sozialpädagogischen Fachkraft unseres Amtes konnte der Tod dieses Kindes verhindert werden.“ Es sei im Einzelfall immer eine Abwägung, ob man Kinder, die in problematischen Verhältnissen leben, noch bei der Mutter lassen könne – oder ob man sie ihr wegnehmen muss. Dafür gebe es allerdings „verbindliche Leitfäden“.

Tod des Kindes verhindert

Der Tod des Jungen wurde durch das Einschreiten des Amtes verhindert. Den Ermittlungen zufolge war das aber knapp. Es ging dem Kind laut eines Gutachtens so schlecht, dass auch in der Klinik die Gefahr für sein Leben nicht sofort gebannt war. Wochenlang musste der Junge behandelt werden. Er wog nur 3950 Gramm – normal sind nach acht Monaten gut sieben bis zehn Kilo. Auch die beiden anderen Kinder, die bei der Mutter lebten, mussten einige Zeit stationär in einem Krankenhaus behandelt werden.

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass Sindy P. den möglichen Tod ihres Babys bewusst in Kauf genommen hat. Deshalb auch der Vorwurf des versuchten Mordes. Die Verteidigerin der Mutter, Anwältin Cornelia McCready, hält diesen Vorwurf dagegen für überzogen. Wie das Jugendamt und die vom Amt beauftragten pädagogischen Fachkräfte in dem Fall agierten, wird wohl auch im Prozess zur Sprache kommen. Sie sind teilweise als Zeugen geladen. Prozessauftakt vor dem Landgericht ist am Dienstag. Vier Prozesstage sind angesetzt. *Name geändert

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Baby fast verhungert: Der Fall wirft Fragen auf - weiter lesen auf Augsburger-Allgemeine: http://www.augsburger-allgemeine.de/augsburg/Baby-fast-verhungert-Der-Fall-wirft-Fragen-auf-id38154757.html

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Baby fast verhungert: Der Fall wirft Fragen auf - weiter lesen auf Augsburger-Allgemeine: http://www.augsburger-allgemeine.de/augsburg/Baby-fast-verhungert-Der-Fall-wirft-Fragen-auf-id38154757.html

Kommentare:

  1. Ich wollte mal herzlichen Dank sagen für die vielen Fälle, die Sie hier dokumentieren und für die klaren Worte. Solche Webseiten geben anderen Leuten viel Mut, mehr zu protestieren. Ich selbst habe schon an 4 Demos in Bayern teilgenommen und ein Dutzend Ein-Mann-Demos in Frankfurt und Umgebung veranstaltet.

    Kleiner Tipp: Erzählen Sie öfter und an prominenterer Stelle davon, dass ihre Tochter bereits als kleines Baby 9 Monate im Krankenhaus lag und auch was sie hatte. Ihre Tochter sieht als Mädchen auf den Fotos schon sehr blass und müde aus, dann erklärt das auch ihre Bindungsunfähigkeit und ihre Wut auf Sie besser. Vielleicht schildern Sie auch mehr,wie schwer es Ihnen damals fiel, ihr Baby nicht bei sich zu haben.

    Ich freue mich auf viele weitere Posts von Ihnen!



    Meiner Meinung nach ist das Problem, dass sich Menschen auf dem Autismusspektrum zu Jura und Justiz und zu Psychologie und Psychatrie besonders hingezogen fühlen, ihnen aber der gesunde Menschenverstand abgeht. Außerdem zieht es sie in den Kinderschutzbereich, weil sie irgendwen für die eigenen Probleme mit kognitiver Empathie verantwortlich machen wollen. Deshalb werden leider auch Asperger-Familien leichter Opfer.

    Ich glaube, dass wir mit dieser Erkärung in der Öffentlichkeit viel weiterkommen als ohne richtige Erklärung. In der zweiten Ebene geht es auch vielen um Geld und oder um den Wunsch, ein Kind zu haben, oder vor den Mitmenschen gut dazustehen. Aber die Hauptmorivation der Entscheider ist schon ihre Angststörung, ihre Unsicherheit und ihr Wunsch, Menschen zu dämonisieren für das, was man ihnen angetan hat oder für das was sie glauben, dass man ihnen angetan hat, weil sie ja so depressiv sind und solche Probleme haben ihre Gefühle auszudrücken, und es ja irgendwie vom Elternhaus kommen muss.

    Viele Grüße,

    Eva Martin

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    1. Liebe Frau Martin,

      vielen Dank für Ihre Worte. Ich hätte es nicht besser ausdrücken können, denn Sie haben absolut recht.

      Was meine Tochter nun angeht dürfen sie mir glauben, dass alle Beteiligten Personen genau über den Sachverhalt informiert wurden.

      Es interessiert sie nicht.

      Liebe Grüße

      Birgit Wichmann

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