Sonntag, 12. Juni 2016

Flörsheim: Warum griff das Jugendamt bei dieser Kindeswohlgefährdung so spät ein?

Am 21. April eskalierte in Flörsheim eine Entwicklung, die Jahre zuvor ihren Anfang genommen hatte, wie Mütter der „Main-Spitze“ berichten und die Stadtverwaltung jetzt auf Anfrage bestätigt hat. An jenem Donnerstag wartete das Team des Schulkinderhauses nach Schulschluss vergeblich auf ein neun Jahre altes Mädchen. Alsbald wurde die Polizei eingeschaltet, Beamte machten sich auf die Suche.

Nach vielen Stunden ergebnisloser Recherche gab eine Mitschülerin am frühen Abend den entscheidenden Hinweis. Gefragt, wo jenes Mädchen wohl hingehe, wenn es Kummer habe, verwies die Freundin auf einen Feldweg. Genau dort wurde die Vermisste dann auch gefunden. Sie hatte zu diesem Zeitpunkt bereits eine lange Leidensgeschichte hinter sich.

Immer wieder und in jüngerer Zeit vermehrt hatten Schulkameraden und deren Mütter bemerkt, dass es diesem Kind, nennen wir es M., nicht gut ging, so schlecht wie der um ein Jahr jüngeren Schwester, nennen wir sie S. Schon vor Jahren, als die beiden Mädchen noch einen Kindergarten besuchten, hatte die Mutter dort wegen „schlimmer Auftritte“ Hausverbot erhalten. Neuerdings teilten Klassenkameraden mit den beiden Schwestern Pausenbrot, nachdem sie erfahren hatten, dass die Mädchen wiederholt aus Hunger Gras und Sand kauten.

„Am Elternsprechtag bin ich in der Schule auf eine weinende Lehrerin gestoßen“, berichtet eine Mutter. „Nach dem Grund gefragt, hat sie mir erklärt, dass sie die eben gegangene Stiefmutter von M. und S. einfach nicht länger ertragen kann.“ Eine weitere Begebenheit zeigt, in welcher Atmosphäre die Mädchen, die daheim bei Strafe nicht an den Kühlschrank durften und wohl desöfteren Hunger hatten, lebten: Die ältere Tochter sah von einem Fenster der Wohnung aus mit an, wie ihre Freundinnen unten im Park mit einer Lehrerin picknickten. Anrufe dieser Lehrerin bei der Mutter, das Kind doch zu den anderen zu lassen, seien von der Frau barsch zurückgewiesen worden. Die ganze Zeit über habe M. am Fenster gestanden und nur zuschauen können, wie es anderen Kindern gut geht.
Laut Beobachtungen der Mütter erging es dem jüngeren Bruder der Mädchen weitaus besser. Als leibliches Kind der Frau habe der Junge eine krasse Bevorzugung erfahren. Welche Wirkung es auch immer auf ihn haben müsse, zu erleben, dass es offenbar Kinder erster und Kinder zweiter Klasse gibt. Begleitung zur Schule und wieder nach Hause, auch davon hatten seine Halbschwestern laut Beobachtung anderer Eltern selbst in seinem Alter nur träumen können.

„Eindeutige Gefährdung“

Kurzgeschorene Haare, verwilderte Fingernägel: Auch was die besorgten Mütter von Mitschülern über den äußeren Zustand der Mädchen berichten, klingt wie ein böses Märchen. Auf Anfrage bestätigte Sozialdezernent Sven Hess jetzt, man habe „die eindeutige Gefährdung des Kindeswohls“ beenden können, im Sinne der Kinder erfolgreich das Jugendamt des Main-Taunus-Kreises eingeschaltet. Noch am Tag ihrer Flucht wurde S. aus der Familie herausgenommen, inzwischen gilt dies auch für M. Offenbar sind sie allerdings nicht gemeinsam untergebracht. S. kam zunächst zu einer Pflegefamilie in einer anderen Stadt, inzwischen soll sie in einem Heim leben.

M. wurde laut Beobachtung der Eltern von Mitschülern nicht auch gleich aus der Familie genommen. Es heißt, dies sei erst nach einem Krankenhaus-Aufenthalt geschehen. Sie habe zuvor wieder aus Hunger Gras und Sand gegessen. Die Kreisverwaltung, in deren Verantwortung das Jugendamt steht, wollte gegenüber dieser Zeitung keine Aussagen dazu machen und verwies auf datenschutzrechtliche Gründe.

Einige der Mütter, die der Redaktion über diesen Fall berichteten, erzählten von einem weiteren Kind, das sie auf einem bereits ähnlichen Weg sehen wie die hier beschriebenen Mädchen. Eine Mutter berichtet, sie sei beim Jugendamt in Hofheim barsch zurückgewiesen worden: „Nun halten Sie mal die Füße still.“ 


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