Dienstag, 28. Juni 2016

Hamburg: Fall Tayler - Jugendamt schaute weg

Ein halbes Jahr nach dem Tod eines 13 Monate alten Kindes aus Altona-Nord hat die Staatsanwaltschaft Anklage gegen den bereits in Untersuchungshaft sitzenden Lebensgefährten der Mutter erhoben. Der Mann wird des Totschlags beschuldigt. Der 27-jährige Stiefvater soll den einjährigen Tayler so heftig geschüttelt haben, dass das Kind eine Woche später im Krankenhaus verstarb. Die Ermittlungen gegen die Mutter des Kindes hingegen wurden eingestellt. Die Ermittler sind sich sicher, dass sie Einkäufe erledigte, als ihr Freund das Kleinkind in ihrer Wohnung misshandelte.

Der 27-jährige Michael Q. war bereits Mitte April festgenommen worden, nachdem ihn ein weiteres rechtsmedizinisches Gutachten erheblich belastet hatte. Die feingewebliche Untersuchung hatte den Zeitpunkt der Tat minutengenau bestimmen können und den 27-Jährigen damit als einzig möglichen Täter bestimmt: Am 12. Dezember gegen 16.30 Uhr soll er das Kind "unter billigender Inkaufnahme tödlicher Verletzungen" so geschüttelt haben, dass es "klinische Symptome" zeigte, schreibt das Hamburger Abendblatt, das zuerst über die Anklage berichtete. 

Tayler habe daraufhin gekrampft und unter Atemnot gelitten. Q. selbst soll dann die Rettungskräfte der Feuerwehr gerufen haben. "Trotz aller sofortigen neurochirurgischen Eingriffe verstarb des Kind am 19. Dezember", zitiert die Sprecherin der Staatsanwaltschaft, Oberstaatsanwältin Nana Frombach, aus der Anklageschrift. Wie die rechtsmedizinische Untersuchung des Leichnams ergab, hatte das Kind durch das massive, heftige und gewaltsame Schütteln eine Hirnblutung erlitten. Die Polizei ermittelte daraufhin gegen die 23-jährige Mutter Jacqueline B. und Michael Q., die die Tat bestritten und sich gegenseitig beschuldigten.
Michael Q. hatte sich nach dem Tod des kleinen Jungen überaus unverfroren gezeigt: Wenige Tage nach der Tat war er zunächst in ein Flugzeug gestiegen und in den Urlaub nach Spanien aufgebrochen. Im Januar allerdings kehrte er nach Hamburg zurück. Die Ermittler hatten damals nicht ausgeschlossen, dass er sich dem Verfahren entziehen wollte. Am 17. April dann wurde er in seiner Wohnung in Schenefeld festgenommen und in die Untersuchungshaftanstalt am Holstenglacis gebracht. Dass er den Sohn seiner Lebensgefährtin zu Tode schüttelte, hat er bis heute nicht zugegeben. Das Motiv ist weiterhin unklar. Wann der Prozess gegen Michael Q. beginnen wird, steht noch nicht fest. Zunächst muss ein Richter über die Eröffnung des Hauptverfahrens entscheiden.

Warum wurde der Junge nicht aus der Familie genommen?

Ungeachtet der strafrechtlichen Ermittlungen gegen den 27-Jährigen, führt die Staatsanwaltschaft auch ein Vorermittlungsverfahren, das die Frage klären soll, ob sich im Fall Tayler auch Betreuer strafbar gemacht haben. Für die Familie zuständig war das Jugendamt Altona und die Kinder- und Jugendhilfe-Stiftung Rauhes Haus. Insbesondere soll geklärt werden, warum der Junge nicht aus der Familie genommen wurde, obwohl es bereits Anzeichen für Misshandlungen gegeben hatte. Die Jugendhilfeinspektion hatte in diesem Zusammenhang bereits das zuständige Jugendamt Altona kritisiert, es sei bei der Betreuung zu schweren Versäumnissen gekommen, hieß es in einem Bericht.
Mehrfach sollen kleine Verletzungen am Kopf des Kindes zwar von den Betreuern aufgenommen, allerdings nicht gemeldet worden sein. Schwerer wiegen die Vorwürfe gegen die Betreuer angesichts eines Schlüsselbeinbruchs, den der damals erst ein paar Monate alte Tayler im August vergangenen Jahres in der Familie erlitten hatte. Als die Mutter die Verletzung nicht glaubwürdig erklären konnte, wurden Tayler und sein Bruder zunächst in einer Pflegefamilie untergebracht. Im Oktober 2015 entschied das Jugendamt jedoch, dass die Söhne zur Mutter zurückkehren sollen, weil nicht nachgewiesen werden konnte, dass Tayler misshandelt worden war.

Gemeinsam mit der SPD und den Grünen will die Hamburger Linke bewirken, dass eine Enquete-Kommission zum Thema Kinderschutz einberufen wird. Sie soll ihre Arbeit schon nach der Sommerpause aufnehmen das Hamburger Unterstützungssystem für Kinder und deren Lebensbedingungen unter die Lupe nehmen. Die CDU hingegen kritisiert diesen Vorstoß als politisches Mittel, um die Diskussion hinauszuzögern. Sie setzt auf einen eigenen Bürgerschaftsantrag zur Neuregelung des Kinderschutzes. Nach zahlreichen Untersuchungsausschüssen seien die Schwachstellen und Versäumnisse doch bekannt, heißt es. Es gehe jetzt darum, Handlungslinien konsequent umzusetzen.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen