Sonntag, 7. August 2016

Neustadt/Brandenburg: Jugendamt verklagt wegen Verweigerung der Unterstützung

Diane Unkert (52) aus der Neustadt setzt alles daran, dass ihre Tochter Melanie (14) trotz Hörschädigung und starken Lern-und Konzentrationsschwächen die Oberschule schafft und einen Beruf erlernen kann. Die Verkäuferin arbeitet Extrastunden, um 265 Euro Lernförderung im Monat aufzubringen. Denn das Jugendamt zahlt seit 2014 nicht mehr dafür. Der Streit um die richtige Hilfe fürs Kind ist vor Gericht gelandet.
Ein Leben mit Hartz IV, diese Perspektive finden Diane und Gerhardt Unkert aus der Neustadt einfach nur abschreckend. Für das Ehepaar bedeutet ein anständiger Schulabschluss und eine Berufsausbildung ihres Kindes vielleicht noch mehr als für andere Familien.
Zu viel Leid und Schmerz haben die beiden Brandenburger erfahren. Ihr ältester Sohn Christian ist inzwischen über 30 Jahre alt, er ist so schwerwiegend behindert, dass nur ein Heim die aufwendige Pflege bewältigen kann. Der 1989 geborene zweite Sohn Matthias war schwer herzkrank, die Familie verlor ihn 1992 im Alter von drei Jahren, weil er eine Operation nicht überlebte.

Schreckliches Schicksal: Adoptiv-Sohn ertrank im Hotelpool

Das Paar entschloss sich nach großer Trauer, ein Kind zu adoptieren. Der eine Woche alte Stephan kam kurz vor Weihnachten 1993 in die Familie. Alles schien sich zum Besseren zu wenden, bis der sechs Jahre alte Junge kurz vor der Einschulung an einem betreuten Badeausflug am Urlaubsort Djerba teilnahm und kein Betreuer bemerkte wie er im Hotelpool ertrank.
Melanie war im August 2002 erst einige Monate alt, als Familie Unkert sie zu sich nahm und später adoptierte. Sie ist ein freundliches Mädchen, aber nicht unkompliziert. Unter anderem hat das Mädchen sogenannte Teilleistungsstörungen. Rechnen, lesen und schreiben fallen ihr schwer. Die Schülerin ist häufig überfordert und unsicher. Eine Therapeutin arbeitet mit ihr an ihren sozialen Beeinträchtigungen.

Eingliederungshilfe wird Tochter Melanie verweigert

Doch Vater, Mutter und Tochter haben ein Ziel vor Augen: Dass die Neuntklässlerin den Abschluss an der Nicolaischule schafft und dann ihren Weg geht. Den Eltern ist klar, dass ihr Kind das Ziel nicht ohne Hilfe von außen erreichen kann. Viele Jahre lang gewährte das Jugendamt sogenannte Eingliederungshilfe, damit die hörgeschädigte Melanie gefördert wird, gerade auch in Mathematik.
Doch seit Januar 2014 hält das Jugendamt die Eingliederungshilfe, speziell die Mathe-Förderung, nicht mehr für sinnvoll und lehnt die Finanzierung ab. Diane Unkert war entsetzt, als das Amt ihr empfahl, Melanie auf eine Schule für Hörgeschädigte nach Potsdam zu schicken, auf die das Kind nicht gehen möchte und dessen Besuch den Staat viel Fahrgeld kosten würde.

Lehrerin glaubt an Schulabschluss mit Förderung

Melanie, die gut und geschickt mit Holz arbeitet, geht im Großen und Ganzen gern auf die Nicolaischule in ihrer Heimatstadt. Schulleiterin, Lehrerinnen und andere bemühen sich um Integration und Inklusion, in Melanies Fall insofern erfolgreich, als sie den Sprung in die 9. Klasse geschafft hat.
Nach Einschätzung ihrer Klassenlehrerin Karin Treffehn kann Melanie den Schulabschluss mit Förderung vor allem im Rechnen erreichen. Die Oberschule gebe Hilfestellungen, doch die Möglichkeiten seien begrenzt. Melanie benötige daher Förderung außerhalb, damit sie in den Fächern Deutsch und Mathematik bestehen kann.

Hilferuf auf Brandenburg von Ministerium ans Jugendamt geleitet

Die Klassenlehrerin ist befremdet, dass das Amt diese Unterstützung trotz entsprechender Stellungnahmen der Schule nicht gewährt. So hält auch Sonderpädagogin Heinath eine zusätzliche Förderung wegen der Dyskalkulie (Rechenschwäche) und Lese-Rechtschreib-Schwäche für „zwingend notwendig“ und eine Umschulung Melanies für gar nicht förderlich im Hinblick auf die Persönlichkeitsentwicklung der 14-Jährigen.
Diane Unkert versucht seit geraumer Zeit die städtische Förderung vor dem Verwaltungsgericht einzuklagen, doch sie wartet noch immer auf den klärenden Gerichtsprozess. Sie hat ans Bildungs- und Jugendministerium geschrieben, doch von dort wurde der Hilferuf aus Brandenburg ans Jugendamt geleitet.

Juristische Hürden müssen überwunden werden

Das städtischen Amt würde gern Stellung beziehen, doch wegen des laufenden Rechtsstreits müssten erst juristsche Hürden überwunden werden, teilt Fachbereichsleiterin Kerstin Schöbe mit. Sie versichert, dass das Jugendamt natürlich helfen wolle. Unterschiedliche Auffassungen gebe es aber darüber, welche Art von Hilfe für das Kind am besten ist.
Diane Unkert will Melanies Schullaufbahn ebenso wenig gefährden wie die Lehrstelle, die sie danach in Aussicht hat. Lesen und Schreiben büffelt die Mutter selbst mit ihrer Tochter. Bei Mathematik traut sie sich das nicht zu und bezahlt die 245 Euro an das Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche aus eigener Tasche. Dafür geht die Verkäuferin noch mehr Stunden arbeiten. 

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