Mittwoch, 5. Oktober 2016

Bayreuth: Kind seit 30 Jahre verschwunden - keine Behörde interessierte der Junge!

Es ist ein Fall, der einen erschreckt und fassungslos macht. Über Jahrzehnte hinweg sollen die Eltern in einem Ortsteil von Hollfeld (Landkreis Bayreuth) ihren eigenen Sohn von der Außenwelt isoliert haben. In der Nachbarschaft war das ganze wohl bekannt, aber niemand verständigte die Behörden. Bis jetzt. Denn nun endlich bekam die Polizei einen Hinweis aus der Bevölkerung auf das Schicksal des 43-Jährigen.

Die Beamten handelten zusammen mit einem Notarzt. Am 21. September holten sie den Mann aus dem eigenen Elternhaus. Von "Befreiung" wolle er aber nicht sprechen, sagte Stadter. "Vielleicht wollte der Mann das auch so." Die Polizei gehe von einer Zeit zwischen 20 und 30 Jahren aus, in denen der Mann isoliert bei seinen Eltern gelebt habe. Verängstigt soll er gewesen sein, als er abgeholt wurde. Und in einem schlimmen Zustand habe er sich befunden. Polizeisprecher Jürgen Stadter deutet das nur an: "Er machte einen sehr verwahrlosten Eindruck. Es ist unwahrscheinlich, dass er diesen Zustand solange über die Jahre hätte aushalten können."

Die Eltern des Mannes waren anscheinend aufgrund ihres hohen Alters mit dessen Betreuung überfordert gewesen.

Kind 30 Jahre verschwunden

Jetzt wird gegen beide von der Kripo ermittelt. Denn es gebe Indizien, dass sie ihr Kind etwa 30 Jahre von der Öffentlichkeit isoliert hatten. Die Frage wird nun sein, wie das strafrechtlich zu werten sein wird. In Frage komme etwa eine Körperverletzung durch Unterlassung oder im schlimmeren Fall sogar eine Anklage wegen Freiheitsberaubung.

Aber warum kam es überhaupt soweit? Und aus welchem Grund haben Vater und Mutter ihr Kind in den eigenen vier Wänden wie ein böses Geheimnis verborgen? Hier stehen die Ermittlungen der Polizei noch am Anfang. Stadter sagt: "Wir wissen noch nicht genau, seit wann der Mann dort ohne ständigen Kontakt zur Außenwelt war und wie konkret das aussah - ob er zum Beispiel die Möglichkeit gehabt hätte, das Anwesen zu verlassen. Die Kripo wird in den kommenden Tagen umfangreiche Gespräche und Vernehmungen durchführen, um klären zu können, wer hier verantwortlich ist."

Stadter bestätigt Ermittlungen in Behörden wie dem Rathaus in Hollfeld oder dem Jugendamt. Denn es sei wohl erwiesen, dass der Mann als Kind zunächst als "schulfähig" eingestuft worden sei. Wenig später wurde das in "nicht schulfähig" abgeändert. Doch keine Behörde interessierte der Junge, niemand erkundigte sich nach einer Betreuung. Mit 16 Jahren bekam er auch keinen Personalausweis. Wieder kein Nachfragen. Karin Barwisch, die Bürgermeisterin von Hollfeld, sagt dazu: "Ich habe von dem Fall gehört und nun muss alles ermittelt werden. In einer Gemeinde mit 5000 Einwohnern bekommt man nur schwer alles mit. Ich habe aber nie zuvor davon erfahren."

Ist der Mann geistig beeinträchtigt?

Ob der Mann geistig beeinträchtigt ist, das klären derzeit Psychiater in einem Bezirksklinikum. Doch wie berechtigt sind die Fragen nach einem Versagen des Behörden-Apparates? 2009 sorgte der Fall eines Mädchens für Schlagzeilen. Das 13 Jahre alte Kind aus Brandenburg hatte nie eine Schule besucht. Und keiner Behörde war das aufgefallen, weil die Eltern es einsperrten. Rasch wurden damals auch Vorwürfe gegen das Jugendamt laut. Der Landrat sprach in diesem Zusammenhang von einem schweren Fehlverhalten in der Behörde.

Anelia Sheljaskow ist Juristin des Jugendamtes im Landkreis Bayreuth. Sie zweifelt, ob es nach all den Jahren noch Akten aus der Zeit des Mannes aus Hollfeld als Junge gebe. "Wir müssen das prüfen." Ihrer Erfahrung nach sei ein solcher Vorfall heute nicht mehr möglich. "Jetzt gibt es frühzeitig Hilfsangebote, wenn Kinder als nicht schulfähig eingestuft werden. Das Jugendamt bekommt viele Meldungen aus dem Umfeld oder sogar Eltern bitten um ein Gespräch", so Sheljaskow.

Der Fall um den 43-jährigen Mann aus dem Kreis Bayreuth geht selbst routinierten Polizisten nahe. Jürgen Stadter nachdenklich: "Glücklicherweise kommen solche Einsätze in Oberfranken so gut wie nie vor. Es handelt sich hier wohl um eine familiäre Tragödie."  dpa
 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen