Freitag, 7. Oktober 2016

Cham: Rückführung in's Grauen

Eine Siebenjährige hat beim Telefonat mit ihrer leiblichen Mutter darum gebeten, zurück ins Heim zu dürfen. Da gingen die Alarmglocken der zum damaligen Zeitpunkt in Therapie befindlichen Frau an, sagte sie am Donnerstag vor dem Amtsgericht Cham aus. Richter Wolfgang Voit verhandelte dort eine Misshandlung Schutzbefohlener gegen die Stiefmutter des Kindes. Bereits vor einem Jahr fand ein Prozess dazu statt. Doch ein in Auftrag gegebenes Gutachten zur Glaubwürdigkeitsprüfung des Mädchens machte eine Neuauflage nötig.

Auf der Anklagebank saßen der leibliche Vater und die Stiefmutter. Über einen Zeitraum von drei Monaten schlugen sie die Kleine "grün und blau", stellte Voit fest. Daran würden die Beweisbilder vom geschundenen Körper des Mädchens keine Zweifel lassen. Für ihn stand am Ende einer tagfüllenden Beweisaufnahme fest, wer diese "massiven Verletzungen" verursacht hat. Der bereits einschlägig vorbestraften Stiefmutter des Kindes legte er eine Haftstrafe von einem Jahr und zehn Monaten auf. Ihr Mann kommt mit einer siebenmonatigen Bewährungsstrafe und einer Geldauflage davon. An die Kindernothilfe soll er 2 000 Euro zahlen, damit wenigstens diese Kinder etwas davon hätten - wenn schon seine Tochter aufgrund fehlender Bezugspersonen leer ausginge.

Die Mama im Krankenhaus, erst beim Opa untergebracht und mit fünf Jahren ins Kinderheim: So liest sich der bisherige Lebenslauf des Kindes. Daher hatte das Jugendamt einen Plan: Ein Jahr vor den Misshandlungen wollte es das Mädchen in ein idyllisches, intaktes Familienleben bringen. Die Behörde bereitete die Rückführung zum leiblichen Vater vor.

Der lebt mit seiner Frau und vier gemeinsamen Kindern im Altlandkreis Kötzting. Das Amt wusste von der Verurteilung der Frau, die ihre leibliche Tochter mit dem Kochlöffel schlug. Doch die Behörde war überzeugt: Der Vater könne sein Kind schützen. Und so kam das Opfer im Juni 2014 in die Familie. Übereinstimmend sagten Zeugen aus, wie glücklich das Kind war.

Doch während des dreimonatigen Aufenthalts stellten Mitarbeiter des Jugendamts, die leibliche Mutter und andere Bekannte fest: Das Kind verändert sich. Immer stiller sei es geworden. Die Mutter und das Jugendamt sorgen sich. Doch noch unternimmt niemand was. Es hätten ja auch nur Anpassungsschwierigkeiten sein können, so die Behördenvertreter. Doch die Wesensänderung hatte einen anderen Grund.

Den stellte eine 26-jährige Mitarbeiterin des Jugendamts beim Hausbesuch fest. Sie berichtete vom verletzten und offensichtlich verwahrlosten Kind. Dieses hatte so gar nichts mit dem Mädchen zu tun, das wenige Wochen zuvor in die Familie zurückgeführt wurde. Die Mitarbeiterin alarmierte die Polizei und nahm das Kind aus der Familie, brachte es zurück ins Kinderheim. Zur Freude der Kleinen.

Nach und nach berichtete das Mädchen, was ihr widerfuhr. Immer, wenn ihre Stiefschwester etwas angestellt habe, habe sie es ihr in die Schuhe geschoben. Daraufhin habe die Stiefmutter sie mit dem Kochlöffel oder mit der Hand geprügelt. Auch der Papa habe mal hingelangt.

Blaue Flecken am ganzen Körper und Einblutungen, ein Veilchen, schmierige und infizierte Wunden, Beulen am Kopf, Striemen am Rücken und Hintern und eine insgesamt "schmuddelige" Erscheinung: Das führte ein Kinderarzt im Zeugenstand aus.

Er war der Erste, der das Mädchen untersuchte, nachdem es vom Jugendamt aus der Familie geholt worden war. Es gab Einlassungen, wonach die Verletzungen verschiedene Ursachen hätten. Ein zu enger Pulli scheuerte den Hals auf. Blaue Flecken und Beulen verursachte ein Treppensturz. Verletzungen am Ohrläppchen entstanden durch Komplikationen beim Ohrlochstechen. Doch Kinderarzt und gerichtsmedizinisches Gutachten sahen das anders.

Der Richter führte das Gutachten aus. Jede der Verletzungen kam Einzeln zur Verlesung. Das Ergebnis: Überwiegend lassen sich diese auf stumpfe Gewalt und Stockschläge zurückführen.

Zwei Jahre und zwei Monate wollte die Strafverfolgung die Stiefmutter hinter Gittern sehen. Beim nicht vorbestraften Vater hingegen sah sie die Möglichkeit auf eine achtmonatige Bewährungsstrafe noch gegeben.

Jeweils Freispruch aus Mangel an Beweisen beantragten die Anwälte. Die Angeklagten schwiegen während des gesamten Prozesses.

http://www.idowa.de/inhalt.cham-blaue-flecken-am-ganzen-koerper.04e89795-f28c-4135-8335-fae231f8c293.html

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