Samstag, 8. Oktober 2016

„Fragwürdig ist zum Beispiel, warum in Fällen, in denen keine Kindeswohlgefährdung festgestellt wurde, trotzdem über 1600 Kinder aus den Familien genommen wurden“

Die Zahlen klingen alarmierend. 20.800 akute Kindeswohlgefährdungen haben deutsche Jugendämter im vergangenen Jahr festgestellt, ein Anstieg von 11,7 Prozent im Vergleich zu 2014. Dazu knapp 24.000 latente Gefährdungen des Kindeswohls, ein Plus von 7,9 Prozent. In 43.200 Fällen wurde zumindest ein „Hilfe- und Unterstützungsbedarf“ attestiert. Das ist die Bilanz, die deutsche Jugendämter aus den insgesamt 129.000 Verfahren gezogen haben, die 2015 zur Einschätzung der Gefährdung des Kindeswohls angestrengt wurden. Zahlen, hinter denen sich häufig unermessliches Leid verbirgt: Vernachlässigung, psychische und körperliche Misshandlung, sexuelle Gewalt.

Die Zahlen zeigen aber auch: Deutschland ist wachsamer geworden für die Belange seiner schwächsten Bürger. „Es ist das Kevin-Syndrom“, sagt Heinrich Schürmann, Sprecher des Deutschen Familiengerichtstages, der „Welt“. Der zweijährige Junge aus Bremen, der vor zehn Jahren zu Tode misshandelt bei seinem Ziehvater im Kühlschrank gefunden wurde, wurde zum Synonym für das Versagen der Behörden. Das Jugendamt hatte die Vormundschaft über den Jungen – und konnte das Drama dennoch nicht verhindern. „Dieser Fall hat dafür gesorgt, dass die Jugendämter sensibilisiert sind und schneller intervenieren“, so Schürmann. Und intervenieren, das bedeutet in vielen Fällen die Herausnahme der Kinder aus der Familie und ihre Unterbringung in Heimen oder Pflegefamilien. Rund 9500 der akut gefährdeten Kinder wurden 2015 „fremdplatziert“, wie es in der Amtssprache heißt.

Doch nicht nur Misshandlung oder Vernachlässigung sind Gründe für die Inobhutnahme von Kindern durch das Jugendamt. Auch die Überforderung eines Elternteils, Beziehungsprobleme, Drogenprobleme oder schulische Schwierigkeiten können Gründe sein, warum sie vorübergehend in eine Pflegefamilie, ein Heim oder eine betreute Einrichtung wechseln – oft sogar auf eigenen Wunsch oder im Einvernehmen mit den Eltern. Insgesamt wurden 2015 über 35.000 Kinder und Jugendliche vom Jugendamt langfristig oder vorübergehend in Obhut genommen – die zahlreichen minderjährigen Flüchtlinge nicht eingerechnet.
Besonders schwierig aber sind die Fälle, in denen Eltern sich dagegen wehren, ihr Kind aus der Hand zu geben – und klagen. „Die früheren Verfahren waren für uns immer sehr klar und eindeutig“, sagt Schürmann. „Jetzt bewegen wir uns oft in Grenzbereichen, quasi auf Messers Schneide: Hätte der Familie noch durch Unterstützungsmaßnahmen geholfen werden können? Oder ist die Entscheidung, das Kind in eine Pflegefamilie gegeben zu haben, richtig?“ Nach Sozialgesetzbuch ist das Jugendamt befugt, eine solche Maßnahme anzuordnen – wenn die Eltern nicht aus freien Stücken einwilligen, können sie vor Gericht ziehen. Nicht selten aber würden Eltern auch massiv unter Druck gesetzt zu kooperieren, klagen Experten. Zudem häuften sich Fälle, in denen Eltern jahrelang erfolglos um die Rückkehr ihrer Kinder kämpfen oder ihnen die Kinder teils aus nicht klar definierten Gründen weggenommen werden.

„Fragwürdig ist zum Beispiel, warum in Fällen, in denen keine Kindeswohlgefährdung festgestellt wurde, trotzdem über 1600 Kinder aus den Familien genommen wurden“, meint der familienpolitische Sprecher der Unionsfraktion, Marcus Weinberg. In seinem Büro häufen sich die Beschwerden Betroffener.

„Ich erhalte als Abgeordneter viele Zuschriften und Anrufe von zutiefst verzweifelten Eltern und Großeltern, die ihr Kind nicht mehr zurückbekommen“, sagt Weinberg. Oft werde es mit Zustimmung der Eltern in eine Pflegefamilie oder in ein Heim gegeben, weil sie sich kurzfristig, zum Beispiel wegen einer Depression, nicht selbst kümmern konnten. „Dabei wurde ihnen zugesagt, dass das Kind wieder zurückkommt, wenn es ihnen besser geht. Kaum war das Kind fremduntergebracht, wurde aber vom Jugendamt der Kontakt zwischen Kind und Eltern unterbunden, und das Kind kam auch nach der Verbesserung der Situation nicht mehr zu den Eltern zurück“, sagt Weinberg.

Auch Kinderpsychologen, Ärzte, Sozialarbeiter und Eltern hätten ihm schon ihr Herz ausgeschüttet und gesagt: „Hier stimmt etwas nicht. Es werden Kinder aus Familien genommen, die zwar nicht perfekt funktionieren, aber für das Kind ist die Herausnahme und der Kontaktabbruch eine reine Katastrophe.“ Der CDU-Politiker ist besorgt, dass Jugendämter und Familiengerichte teilweise zu schnell entschieden, die Kinder aus den Familien zu nehmen. Weinberg berichtet über die Zuschrift einer Mutter: Ein „gesundes, normales, glückliches Kind“ sei ihre Tochter gewesen, bevor man sie ihr weggenommen hätte, nun sei sie ein Fall für die Psychotherapie. „Ich werde nicht eher ruhen, bis meinem Kind Gerechtigkeit widerfahren ist und diese Praktiken der Jugendämter unterbunden werden, indem eine unabhängige Kontrollinstanz eingesetzt wird.“

Nachzuprüfen, wer in solchen Fällen recht hat oder was schiefgelaufen ist, ist für Außenstehende äußerst schwierig. Trotzdem findet Weinberg es auffallend, dass jugendamtliche Entscheidungen selbst bei Inobhutnahmen nicht systematisch und regelmäßig von den Familiengerichten überprüft werden. Der Unionsfraktion sei es wichtig, dass bei Kindeswohlgefährdung „nicht das richtige Maß verloren geht“. Weder Angst, bei einem Fehler an den Pranger gestellt zu werden, noch Heimplätze, die besetzt sein müssen, dürften die Entscheidung beeinflussen, ob ein Kind aus der Familie genommen wird. Es gebe Fälle, da könne dem Kind nur noch geholfen werden, wenn es vorläufig keinen Kontakt mehr zu seinen Eltern habe. Bei diesen klaren Fällen von Kindeswohlgefährdung müsse der Staat „unverzüglich handeln“, meint Weinberg. Dennoch habe die Mehrzahl der Kinder, auch die vernachlässigten, ein tiefes Bedürfnis nach Kontakt zu ihren leiblichen Eltern. „Kinder brauchen Eltern – und der Staat muss alles dafür tun, sie ihnen zu erhalten und bei Hilfebedarf zu unterstützen.“ Nie dürfe das grundsätzliche Ziel aufgegeben werden, „Eltern wieder in die Lage zu versetzen, sich verantwortungsvoll um ihre Kinder zu kümmern und Kinder und Eltern wieder zusammenzubringen“.

Was aber, wenn der Wunsch der leiblichen Eltern dem Kindeswohl entgegensteht? Was, wenn gefährdete Kinder drohen zerrieben zu werden im Konflikt zwischen erziehungsunfähigen Eltern und einer Pflegefamilie, die für sie vielleicht erstmals ein Hort der Verlässlichkeit ist? Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) hat angekündigt, die Rechte der betroffenen Kinder zu stärken. Noch in diesem Jahr ist ein Entwurf für ein Gesetz geplant, mit dem sich die Situation für Pflegekinder und ihre Familien bessern soll. „Kinder brauchen Verlässlichkeit. Sie müssen wissen, wo sie herkommen und wo sie hingehören“, sagt Schwesig. Besonders schlimm finde sie die Fälle, „in denen Pflegekinder zurück in ihre Familien müssen und dort wiederholt Gewalt erleben bis hin zum Tod. Das darf nicht passieren!“ Die Ministerin folgt einem Gutachten des Wissenschaftlichen Beirats für Familienfragen, das sich für eine Aufwertung der rechtlichen Position von Pflegefamilien einsetzt.
Der Union ist es hingegen auch wichtig, die Zusammenführung mit den leiblichen Eltern nicht aus den Augen zu verlieren. Weinberg pocht darauf, dass die Eltern während der Fremdunterbringung ernst gemeinte Hilfsangebote erhalten, damit sie an ihrer Erziehungsfähigkeit arbeiten. Der CDU-Politiker beklagt: „In der Realität ist es zurzeit so, dass sich niemand mehr um die Eltern kümmert, wenn das Kind einmal aus der Familie genommen wurde.“

https://www.welt.de/print/die_welt/politik/article158605657/Laesst-das-Kevin-Syndrom-Jugendaemter-ueberreagieren.html

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