Donnerstag, 6. Oktober 2016

Frankenthal: "Was hätte er denn tun sollen, wenn ein verzweifeltes zwölfjähriges Kind vor seiner Haustür steht und mit Selbstmord droht, wenn es wieder ins Heim muss? Es zurück in den Wald zu den Wölfen schicken?"

Wochenlang hat ein verschwundener Junge aus Lambrecht im Sommer 2014 Polizei, Staatsanwaltschaft und Jugendamt beschäftigt. Im Februar 2016 hat das Amtsgericht Neustadt den Rentner, der das Kind versteckt hatte, wegen Entziehung eines Minderjährigen zu einer Geldstrafe von 1250 Euro verurteilt. Dagegen hatten Staatsanwaltschaft und Verteidigung Rechtsmittel eingelegt. Das Landgericht Frankenthal hat die Berufung nun verworfen und damit das Urteil der ersten Instanz bestätigt. 

Freispruch gefordert

Verteidiger Michael Langhans (Donauwörth) kann bei seinem Mandanten kein strafbares Verhalten erkennen und fordert deshalb einen Freispruch für den 67-jährigen Christian W.: "Was hätte er denn tun sollen, wenn ein verzweifeltes zwölfjähriges Kind vor seiner Haustür steht und mit Selbstmord droht, wenn es wieder ins Heim muss? Es zurück in den Wald zu den Wölfen schicken?", fragt Langhans in seinem Plädoyer. Zudem habe sein Mandant ja nicht gewusst, wer das Sorgerecht für den Jungen hatte. W. sei ein mutiger Mensch, der aufgrund seiner eigenen Psychiatrie-Erfahrung erkannt habe, wie ernst es Max mit der Drohung gewesen sei. 

Staatsanwalt Torsten Lenz sieht das anders: "Der Angeklagte hat sich rücksichtslos verhalten und hat Max' Mutter großes Leid angetan. Sie wusste 168 Stunden lang nicht, ob ihr Kind noch lebt, und dann hat er sie drei Wochen im Unklaren gelassen, wo Max ist." Als ein Nachbar damit drohte, die Polizei einzuschalten, habe er Max nach Eisenberg zu Bekannten gebracht, was weit mehr sei, als dem Kind nur Unterschlupf zu gewähren. 

Strafverschärfend führt Lenz die Kosten für die Suchaktion mit Dutzenden Polizeibeamten, Feuerwehrleuten, elf Suchhunden und einem Hubschrauber an, die im sechsstelligen Bereich liegen und auf denen nun der Steuerzahler sitzenbleibe. Zunächst hatte bei der Berufungsverhandlung im Raum gestanden, dass Christian W. für die Einsatzkosten aufkommen muss. Gestern ließ das Polizeipräsidium Rheinpfalz aber mitteilen, dass es keine Forderungen für den besagten Einsatz geltend machen wird. 

Der Vorsitzende Richter Uwe Gau wertet das Verhalten des Rentners als "klaren Fall von Kindesentziehung". Die Frage, ob W. wusste, wer das Sorgerecht für Max hat, ist laut Gau "irrelevant". "Er wusste, dass er das Sorgerecht nicht hat und dass er ein fremdes Kind nicht einfach bei sich verstecken darf." Zudem könne die Kammer nicht nachvollziehen, woher Christian W. die Kompetenz genommen hat, sich um einen Zwölfjährigen zu kümmern, der mit Selbstmord droht und dringend Hilfe braucht.

Abgekartetes Spiel?

Nach der Urteilsbegründung betont Gau, dass es für ihn "ein ungewöhnliches Verfahren" war. So vermute die Kammer, dass die Sache ein abgekartetes Spiel zwischen W. und Max' Mutter gewesen sei, die schwere Vorwürfe gegen das Kinderheim erhebt. Immer wieder seien Misshandlungen thematisiert worden, die sich dort abgespielt haben sollen, obwohl die zuständige Staatsanwaltschaft in Landau keinerlei Hinweise für ein strafbares Verhalten festgestellt habe. 

Gau hat seinen Satz noch nicht zu Ende gesprochen, da erhebt sich im Saal lauter Protest, der zeigt, dass es wohl doch mehr war als eine Berufungsverhandlung. Ob die Parteien der Geschichte ein weiteres Kapitel in Form einer Revision hinzufügen, ist noch unklar. 

http://www.morgenweb.de/region/mannheimer-morgen/metropolregion/klarer-fall-von-kindesentziehung-1.2987602

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