Freitag, 11. November 2016

Hamburg: Lara Mia und das Versagen des Jugendamtes

Die Mutter ist wieder in Freiheit. Sie hat ihre Strafe abgesessen. Drei Jahre war sie in Haft. So lange musste sie dafür büßen, dass sie ihre Tochter Lara Mia über Monate hungern ließ. Jessica R. war 19 Jahre alt, sie war überfordert, außerdem hat das Jugendamt auf verstörende Weise versagt. Eine Mitarbeiterin musste dafür 2.700 Euro Strafe zahlen, sie hat den kritischen Zustand des Babys nicht erkannt. So lässt sich die Geschichte bisher zusammenfassen, die Geschichte des qualvollen Todes von Lara Mia, neun Monate alt. 

Nun wird der Geschichte ein neues Kapitel hinzugefügt. Es sind sieben Jahre seit dem Tod des Mädchens vergangen, als Daniel C. sich auf die Anklagebank in Saal 378 des Hamburger Landgerichtes setzt. Er trägt einen blauen Kapuzenpulli mit weißer Aufschrift, dazu eine weite Jeans. Seine Haltung ist lässig, der Blick offen, gelegentlich lächelt er. Daniel C. ist heute 28 Jahre alt. Aus dem jungen Mann ist ein Erwachsener geworden. 

21 Jahre war Daniel C. alt, als er mit der Mutter von Lara Mia in Wilhelmsburg zusammenlebte. Als er tatenlos mit ansah, wie Lara Mia von Tag zu Tag dünner wurde, als er sie einfach ihrem Schicksal und schließlich dem Tod überließ. Weil er wegen seines Gesundheitszustandes als nicht verhandlungsfähig galt, muss er sich erst jetzt vor Gericht verantworten. Gegen das erste Urteil gegen ihn, neun Monate Jugendstrafe auf Bewährung, legte die Staatsanwaltschaft 2010 beim Bundesgerichtshof erfolgreich Revision ein. Sie verlangte ein Urteil wegen eines Tötungsdeliktes, nicht wegen gefährlicher Körperverletzung und Verletzung der Fürsorgepflicht. Es hat jedoch bis heute gedauert, bis das Verfahren gegen Daniel C. neu aufgerollt werden konnte. Jessica R. dagegen wurde bereits 2012 zu drei Jahren Haft verurteilt. 

Ab Oktober 2008 ließen Daniel C. und Jessica R. das Baby Lara Mia hungern. Am 10. oder 11. März 2009 starb das Mädchen. Es wog da noch 4,8 Kilogramm – das Doppelte ist für ein Kind dieses Alters normal. "Ich habe mich zu wenig gekümmert. Das hätte nicht passieren dürfen, dass sie zu dünn ist", sagte Daniel C. damals vor der Polizei. Das Protokoll der Vernehmung wird an diesem Donnerstagmorgen im Gerichtssaal verlesen. Daniel C. verweigert in diesem zweiten Prozess gegen ihn die Aussage.

Es ist kein Hamburger Phänomen

Zusammen mit der Mutter und ihrem Lebensgefährten geriet damals das Jugendamt ins Visier der Ermittler. Das hatte in Kontakt mit der jungen Mutter gestanden. Es war bekannt, dass Lara Mia in schwierigen Verhältnissen lebte. Jessica R. war erst 19 Jahre alt, als sie Mutter wurde. Vom Vater des Mädchens hatte sie sich schon in der Schwangerschaft getrennt. Sie stammte selbst aus einer zerrütteten Familie, Unterstützung hatte sie von dort keine zu erwarten. Mit ihren Schwestern war sie zerstritten. Als das Landgericht 2011 zum zweiten Mal ein Urteil gegen Jessica R. verkündete, raunte ihr Vater laut: "Die geht rein." Und ihre Schwestern lachten auf. 

Eine Woche vor Lara Mias Tod noch hatte eine Betreuerin vom Jugendamt Jessica R. besucht. Die Sozialarbeiterin hatte anschließend erklärt, Lara Mia sei wohlauf. 

http://www.zeit.de/hamburg/stadtleben/2016-11/lara-mia-mord-stiefvater-prozess-aussage 

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