Mittwoch, 16. November 2016

Viersen: Gutachter räumt im Fall Luca Fehler ein

Die Polizei hat die Zeugenvernehmungen im Fall des getöteten Luca aus Dülken vorerst beendet. "Wir haben alle Zeugen aus dem Bereich der Familie und der Nachbarn gehört", erklärte Staatsanwalt Jürgen Linges.Dem Freund von Lucas Mutter wird vorgeworfen, das Kind getötet zu haben. Seit der Festnahme hat er sich nicht mehr zu den Vorwürfen geäußert. "Auch wenn der Tatverdächtige weiter schweigt, haben wir bisher keine Erkenntnisse, die ein neues Bild ergeben, auch nicht zu der Frage der Täterschaft", so der Staatsanwalt aus Mönchengladbach. Allerdings würde die Spurensicherung noch weiter arbeiten, zudem würden weitere rechtsmedizinische Gutachten erwartet.

Jugendamt hat mehrfach Bedenken vorgetragen

Laut Stadt Viersen seien auch die Mitarbeiterinnen der Kita, die Luca besuchte, des Jugendamtes und des Allgemeinen Sozialen Dienstes als Zeugen vernommen worden. "Das Jugendamt hat in diesem Fall alle Vorkehrungen getroffen", erklärte Erster Beigeordneter Paul Schrömbges auf Anfrage. Tragischerweise seien diese vergeblich gewesen. Mehrfach habe das Jugendamt seine Bedenken vor Gericht vorgetragen, doch der Junge sei immer wieder in die Obhut der Familie zurückgegeben worden. Das Jugendamt stand seit Juni 2013 mit der Familie in Kontakt, seit August 2015 gab es eine ambulante Betreuung. Luca hatte zudem Dritten gegenüber von Misshandlungen gesprochen.

Vor dem Familiengericht gab es zwei Anhörungen, einmal im Februar, einmal im April 2016. "Bei beiden Gelegenheiten hat die Mutter erklärt, dass ihr Freund nicht mehr in ihrem Haushalt lebe und dass sie sich von ihm getrennt habe", erklärte ein Gerichtssprecher. Dennoch habe das Gericht Handlungsbedarf gesehen: Es sollte eine Mutter-Kind-Therapie in der LVR-Klinik folgen.
Auch gab das Gericht ein Gutachten in Auftrag. Dieses sollte die Erziehungsfähigkeit der Mutter und eine mögliche Gefährdung durch den Lebensgefährten bewerten. Die Mutter sei als erziehungsfähig, der Lebensgefährte als nicht gefährlich eingestuft worden.

Gutachter räumt Fehler ein

Heute wisse man, dass diese Prognose in die falsche Richtung gegangen sei. Auch der Gutachter selbst räumt gegenüber unserer Redaktion ein, "die Beziehung des Paares und auch den Mann selbst vollkommen falsch eingeschätzt zu haben". Lucas Tod habe ihn vollkommen unvorbereitet getroffen.

Heute wisse man auch, so erklärte der Staatsanwalt, dass die Mutter die Auflage des Familiengerichts missachtet habe. Demnach habe der Stiefvater nicht mit Luca allein sein dürfen. Allerdings, so gibt ein Gerichtssprecher zu bedenken, seien derartige Auflagen nur bedingt zu überprüfen, etwa durch eine Kontaktperson der Familienhilfe, die die Familie regelmäßig aufsuche: "Eine völlige Überwachung einer solchen Auflage ist aber nicht gewährleistet."

Aufklärung über Rolle des Jugendamtes

Auch der Jugendhilfe-Ausschuss des Viersener Stadtrates hatte sich am Montagabend mit dem Fall Luca beschäftigt. Martina Maaßen, Vorsitzende der Bündnisgrünen, hatte Aufklärung über die Rolle des Viersener Jugendamtes gewünscht. Maaßen hätte sich insbesondere Informationen über den Verbleib von Lucas kleiner Schwester gewünscht, erklärte sie. Von der Stadt hätte sie erwartet, dass sie die Fraktionsvorsitzenden über einen solchen Fall informiert hätte.



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