Sie haben mir dreimal Haus und Existenz umgeworfen, mich von jedem Einstigen und Vergangenen gelöst und mit ihrer dramatischen Vehemenz ins Leere geschleudert, in das mir schon wohlbekannte „Ich weiß nicht wohin“. Aber ich beklage mich nicht; gerade der Heimatlose wird in einem neuen Sinne frei, und nur der mit nichts Verbundene braucht auf nichts mehr Rücksicht zu nehmen. So hoffe ich wenigstens eine Hauptbedingung jeder rechtschaffenen Zeitdarstellung erfüllen zu können: Aufrichtigkeit und Unbefangenheit.

Quelle: Stefan Zweig, Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers, Anaconda Verlag 2013, S. 9f.

http://www.ipetitions.com/petition/kinderrechtejetzt/


Sonntag, 21. Mai 2017

Berlin: ein Vater verhält sich wie ein Vater bei einer Inobhutnahme, schließlich stellt die Inobutnahme eines Neugeborenen eine Menschenrechtsverletzung dar

Weil sich ein Vater der Inobhutnahme durch das Jugendamt widersetzen wollte, kam es am Freitagnachmittag in Marzahn zu einer handfesten Auseinandersetzung mit der Polizei. 

Wie die Polizei mitteilte, rannte der 30 -Jährige gegen 15.45 Uhr mit dem Neugeborenen aus einer Arztpraxis am Blumberger Damm. Zuvor hatte er sich geweigert, einer Mitarbeiterin des Jugendamtes das Baby zu übergeben. Bei der Flucht sprühte er der Frau Pfefferspray ins Gesicht.

Rangelei mit der Polizei auf offener Straße

Der Flüchtende rannte ohne Rücksicht auf den Verkehr über die Kreuzung Blumberger Damm/Zinndorfer Straße und drückte den Säugling fest an sich. Alarmierte Polizisten umstellten den 30-Jährigen, der auf Ansprache nicht reagierte. Als die Beamten auf den Mann zugingen, setzte er sein Reizgas auch gegen zwei Polizisten ein, zwei weitere Beamte wurden bei der Auseinandersetzung gebissen.

Letztendlich brachten die Ordnungshüter den Renitenten zu Boden und das Kind in Sicherheit. Das kleine Mädchen kam zur stationären Beobachtung in eine Klinik, die Jugendamt-Mitarbeiterin musste ambulant in einer Augenklinik behandelt werden.

Hintergründe noch unklar

Der 30-Jährige wurde vorläufig festgenommen. Nach einer erkennungsdienstlichen Behandlung kam er wieder auf freien Fuß. Ihn erwarten weitere Ermittlungen wegen gefährlicher Körperverletzung, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte und Verstoß gegen das Waffengesetz.
Warum das Jugendamt ihm das Kind wegnehmen wollte, ist noch unklar. Auch über den Gesundheitszustand des Neugeborenen ist noch nichts bekannt.

http://www.bz-berlin.de/berlin/marzahn-hellersdorf/flucht-vor-dem-jugendamt-marzahner-vater-will-sein-baby-nicht-hergeben

Donnerstag, 18. Mai 2017

NRW: "Entweder du spurst, oder wir machen dich obdachlos".

In meinem Job habe ich täglich mit jungen Menschen zu tun, die aus den verschiedensten Gründen ihr Leben auf der Straße fristen: Drogenabhängigkeit, psychische Probleme, kein festes Einkommen, ein zerrüttetes Elternhaus - nicht selten kommen all diese Faktoren zusammen. 

Das Problem, dass tausende Jugendliche in Deutschland betrifft: Obdachlosigkeit. Wie viele Menschen unter 21 Jahren tatsächlich auf deutschen Straßen unterwegs sind, kann man unmöglich genau sagen.

 
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Das Einzige, was wir Streetworker klar sagen können: Es werden jedes Jahr mehr. 

 Sicher, es gibt staatliche Einrichtungen, die eigentlich verhindern sollten, dass Jugendliche überhaupt auf der Straße landen - doch das Jugendamt ist in vielen Fällen eher ein Hindernis, als eine Hilfe. Denn oft machen es sich die Verantwortlichen sehr leicht.

Auf der Straße zu landen ist hier nicht schwer

Für mich ist das Ganze ein systematisches Versagen. Finanzminister Schäuble erfreut sich an der "schwarzen Null", während in den Jugendämtern an jeder Ecke gesparrt wird. 

Denn die wesentlichen Dinge, die ein junger Mensch braucht, der eine tragische Vergangenheit und so gut wie keine Zukunft hat, sind: ein Zuhause, ein Arbeitsplatz und ein sicheres soziales Umfeld.
Ist das nicht gegeben, landet man auf der Straße oder bei Freunden auf der Couch. So einfach ist das.
Doch wer mit 18 Jahren dem Jugendamt nicht beweisen kann, dass er sein Leben im Griff hat, der landet vom Regen in der Traufe - und damit oft bei uns Streetworkern. 

Andersrum sieht es übrigens genau so aus. Wer scheinbar "fit" genug ist, der fliegt genauso schnell aus der Jugendhilfe. Auch wenn man gerade erst wieder auf die Beine gekommen ist. 

Entweder sieht man keinen pädagogischen Bedarf mehr oder der Klient ist angeblich nicht "mitwirkungsbereit". Irgendwo dazwischen gibt es eine kleine Lücke die man mit seinen Problemen, Verhalten und Argumenten treffen muss. Nur dann geht die Hilfe weiter.

Jugendliche werden sich selbst überlassen

Im Klartext heißt das: Sieht das Jugendamt nach dem Erreichen der Volljährigkeit keinen zwingenden Grund mehr, einen jungen Menschen mit akuten Maßnahmen zu unterstützen, werden sie sich selbst überlassen. Rechtlich ist das machbar, moralisch allerdings fragwürdig. 

Vor einigen Jahren begleitete ich den Fall eines jungen Mädchens. Emily* war als Teenager Opfer von sexuellen Übergriffen geworden und gelangte über das Internet an einen Zuhälter, der sie an ein Bordell verkaufte. 

Emily war 18 Jahre alt, als der Polizei es gelang sie zu befreien. Die Beamten brachten sie zu uns und wir halfen ihr, über das Jugendamt eine Wohngruppe zu finden. Zum ersten Mal seit vielen Jahren konnte Emily zur Ruhe kommen und sich Gedanken über ihre Zukunft machen. Sie begann eine Ausbildung als Hotelfachfrau. 

Doch nach nur einem halben Jahr in der Wohngruppe kam der Schock: Das Jugendamt sah keinerlei Verpflichtung mehr sie zu unterstützen. Emily war zu diesem Zeitpunkt 18 Jahre alt geworden. Sie sollte aus dem betreuten Wohnen raus und sich eine eigene Wohnung suchen. 

Plötzlich fühlte sich das Amt nicht mehr zuständig und verwies auf ihre Kollegen vom Jobcenter. Diese sollten sich von nun an um Emily kümmern. Doch auch die Beamten dort fühlten sich nicht für die Auszubildende zuständig und es kam, was kommen musste: Emily wurde von Amt zu Amt geschickt. Es schien, also wollte ihr keiner so richtig helfen. Das junge Mädchen drohte auf der Straße zu landen.

Zurück in den Teufelskreis

Fälle wie dieser sind in Nordrhein-Westfalen leider keine Seltenheit. Selbst wenn es dem Jugendamt gelingt junge Menschen an einen Ausbildung zu vermitteln - ihre Geduld mit denselbigen ist viel zu kurzlebig. 

Das sind häufig Jugendliche, die aufgrund ihrer Vergangenheit an Schulangst, Legasthenie und schwere Sozialphobien leiden. Man kann von ihnen nicht erwarten, dass sie sich sofort wieder perfekt in den Alltag der deutschen Leistungsgesellschaft integrieren. 

Es gibt zwar sehr viele junge Erwachsene, denen wir erfolgreich eine Ausbildung und eine Wohngruppe über das Jugendamt vermitteln konnten. Aber gleichermaßen gibt es Viele, die nach ein, zwei Jahren zu uns zurückkamen und gesagt haben: "Ich habe es nicht geschafft, das Amt hat mich fallen gelassen". Dann wohnen sie wieder bei Freunden auf der Couch, übernachten draußen im Freien, greifen erneut zu Drogen und Alkohol und der Teufelskreis beginnt von vorne. 

Alles, weil das Jugendamt und die Jobcenter so schlecht miteinander kommunizieren. Wer monatelang von Amt zu Amt geschoben wird, gibt meistens irgendwann auf. 

Wenn ich mit den Beamten über einen Klienten spreche, dann muss ich sehr vorsichtig sein und besonders intensiv argumentieren. Dabei sollte das Amt ganz andere Antennen auf dem Kopf haben und verstehen, wer wirklich hilfsbedürftig ist.

Bei uns landen die, die allein gelassen werden

Doch die staatlichen Einrichtungen machen das Problem häufig nicht wirklich besser. Klar, es gibt auch Beamte, die Jugendliche mit 18 Jahren einen weiteren Antrag auf Jugendhilfe stellen lassen und sie somit Hilfe bis 21 Jahre erhalten. Doch diese Menschen landen halt nicht bei uns Streetworkern.

Bei uns landen die, die sich allein gelassen fühlen; die, die kaum jemanden vertrauen, weil sie zu oft enttäuscht wurden; die, die vom Jugendamt weggeschickt wurden und nun nach irgendeiner Möglichkeit suchen, um wieder ein normales Leben zu führen. 

Die Stadt Hamburg geht das Problem effektiver an. Dort sitzen Jobcenter und Jugendamt an einem Tisch.In der Hansestadt ist es gar nicht möglich, die Klienten einfach so von A nach B zu schieben, denn die Beamten besprechen gemeinsam, was das Beste für den Jugendlichen ist. 

Alle Fälle von Menschen unter 25 Jahren, werden in diesem Teil des Jobcenters miteinander bearbeitet. Genau so ein Modell brauchen wir in Nordrhein-Westfalen auch. Es wird dringend Zeit die Institutionen miteinander zu vernetzen, damit die Jugendlichen nicht verloren gehen.

Wir brauchen mehr sozialen Wohnraum

Außerdem muss das Bundesland dafür sorgen, dass weniger Menschen überhaupt auf die Hilfe der Ämter angewiesen sind. Die Politiker müssen aufhören, den sozialen Wohnungsbau zu vernachlässigen. Wir brauchen mehr Wohnraum! 

Und zwar nicht irgendwelche Sozial-Ghettos sondern dezentralisierte und bezahlbare Mietwohnungen. Wo und wie diese gebaut werden, darüber hätte die SPD in Nordrhein-Westfalen vielleicht mal diskutieren sollen. Nicht über abstrakte Worthülsen wie "soziale Gerechtigkeit". 

Es ist ein Unding, dass man hilfsbedürftigen Jugendlichen mit 18 die Pistole auf die Brust drückt und ihnen sagt: "Entweder du spurst, oder wir machen dich obdachlos".

Das gilt besonders für die Jobcenter. Bei den kleinsten Verstößen gegen ihre Auflagen, wird den Jugendlichen schon ihre Miete gestrichen. Das muss aufhören! Solange sich daran nichts ändert, werden wir nie leistungsbereite junge Menschen großziehen können. 

Emily konnte mit unserer Hilfe übrigens noch ein WG-Zimmer finden. Da sie in ihrer Ausbildung nicht genügend Geld verdiente, übernahm unser Verein Off Road Kids die Miete und die Kaution.



Freitag, 5. Mai 2017

Medebach: Jugendamtsmitarbeiterin verurteilt wegen fahrlässige Tötung und fahrlässige Körperverletzung durch Unterlassen

Hätten Sie die Kinder angeschaut, wäre der Tod nicht eingetreten.“ So hatte es Amtsrichter Ralf Fischer der Mitarbeiterin des Jugendamtes im Sauerland im Laufe des Prozesses klar gemacht. Jetzt bekam die 29-Jährige eine Bewährungsstrafe für die Mitschuld am Tod des kleinen Anakin und am Hungerleiden seiner noch kleineren Schwester. Sie war in letzter Minuten von Ärzten gerettet worden.

Die Betreuerin des Jugendamtes nahm das Urteil von sechs Monaten auf Bewährung bewegungslos hin. Damals, als sie vom Tod Anakins gehört hatte, habe sie einen Schock erlitten, hatte sie vor Gericht erzählt. Sie hatte die Familie des kleinen Anakin zu betreuen und auf das Wohl der Kinder zu achten. Dazu hatte schon das Jugendamt am früheren Wohnort der Familie im sächsischen Vogtland den Kollegen am neuen Wohnort eindringlich geraten.

Nach Ansicht des Gerichts hat die Betreuerin aber nur oberflächlich kontrolliert. „Sie hat überhaupt nicht hingeschaut“, sagte Richter Fischer. Der Junge wurde nur zwei Jahre alt. Am Ende wog er noch ganze 6,5 Kilogramm.

Drei Wochen bevor Ärzte die beiden Kinder zu Gesicht bekamen, war die Mitarbeiterin des Jugendamtes bei der Mutter von neun Kindern gewesen, offiziell wegen Auffälligkeiten des Ältesten in der Schule. Bemerkt hat sie bei dem angekleideten Mädchen nichts, wie sie vor Gericht schilderte. Nach Anakin sah sie gar nicht, er schlief bei dem Besuch.

„Die Kinder zu entkleiden, kann nicht ernsthaft erwogen werden“, sagte ihr Anwalt in seinem Plädoyer. Er sieht Grenzen für die Arbeit der Jugendämter, zumal sich die Familie abgeschottet habe. Dass Familien genau kontrolliert werden, sei Wunschdenken. Es müssten neue Strategien entwickelt werden.

Dass solche Betreuungen schwierig seien, hatte schon der Chef des Jugendamtes als Zeuge betont. Die Jugendämter müssten erst einmal einen Fuß in die Tür bekommen und Vertrauen aufbauen. Dass der Jugendamtsleiter das Vorgehen in solchen Fällen prinzipiell nicht ändern wolle, hält das Gericht für gefährlich.

Besser gemacht hat es offensichtlich das Jugendamt des sächsischen Vogtlandkreises. Die Mitarbeiter standen der Familie auf den Füßen und kontrollierten alles genau. Sie gingen zu zweit zu der Familie.
Am neuen Wohnort in Winterberg im Sauerland sah die angeklagte Jugendamts-Mitarbeiterin die Familie nur selten, weil sie häufig nicht anzutreffen war. Wenn sie bei der Familie war, machte sie wohl nicht die entscheidenden Beobachtungen. Die Mutter hatte es dem Jugendamt und der in Bezug auf Kindeswohlgefährdung weitgehend unerfahrenen Mitarbeiterin auch nicht leicht gemacht. Sie war kaum anzutreffen und schottete sich ab.

Anfang 2014 brachte die Mutter ihren bis auf die Knochen abgemagerten Sohn mit einer Magen-Darm-Infektion in eine Klinik. Dort starb der Kleine einen Tag später. Das Mädchen konnten die Ärzte retten. Die Mutter habe behauptet, ihre Kinder würden nicht gerne essen. Eine spätere Pflegemutter des Mädchens schilderte einen anderen Eindruck. Sie habe ordentlich aus der Flasche getrunken und sich gut entwickelt.


Samstag, 29. April 2017

Medebach: "..... habe aber schnell gemerkt, die Frau war sehr behördenerfahren und wusste, was sie uns zeigen und was sie sagen musste."

Beim zweiten Prozesstag gegen eine Mitarbeiterin des HSK-Jugendamtes ging es darum, ob sie den Zustand der Kinder hätte erkennen können.
 
„Das Mädchen hatte kaum noch Tränen.“ Diese Aussage einer 39-jährigen Kinderärztin macht betroffen. Gestern ist der zweite Verhandlungstag und es ist der Tag der Ärzte und Polizeibeamten. Vor dem Medebacher Amtsgericht muss sich nach wie vor eine 29-jährige Mitarbeiterin des HSK-Jugendamtes verantworten. Sie soll bei der Kontrolle einer neunköpfigen Familie im Raum Winterberg nicht oft und genau genug hingeschaut haben, so der Vorwurf der Staatsanwaltschaft.

Ein zweijähriger Junge verhungerte, seine neun Monate alte Schwester entkam dem Hungertod nur knapp. Gegen die inzwischen zehnfache Mutter wird gesondert vor dem Landgericht verhandelt. Die Sozialarbeiterin ist hingegen wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung angeklagt. Die Frage, die das Gericht gestern zu klären versucht: Hätte die 29-Jährige mit bloßem Auge erkennen können, in welchem Zustand sich die Kinder befanden, wenn sie genau hingeschaut hätte. Und die rhetorische Frage des Verteidigers: War es überhaupt die rechtliche Pflicht seiner Mandantin, dies zu tun? Hatte sie eine sogenannte Garantenstellung?

Die Notfallärztin

Der verstorbene Anakin und seine Schwester Serenity müssen im Februar 2014 in einem erbarmungswürdigen Zustand gewesen sein. Die aufnehmende Kinderärztin (39), die das kleine Mädchen bei der Notfallaufnahme in Hüsten behandelte: „Sie war sehr abgemagert, hatte stehende Hautfalten, eine ängstlichen Blick, keinerlei Abwehrreaktionen beim Anlegen einer Venenzugangs. So ein abgemagertes Kind habe ich in meiner Berufslaufbahn noch nicht gesehen.“ Alle seien geschockt gewesen. Das ganze Ausmaß des Zustandes sei ihr und dem Pflegepersonal erst bewusst geworden, als das Kind ausgezogen war. „Als es am nächsten Tag die Flasche bekam, hat es getrunken wie ein Weltmeister.“ Die Mutter hatte im ersten Verfahren immer wieder behauptet, das Kind habe keine Nahrung aufnehmen wollen.

Der Klinikarzt

Ähnlich hat der damalige Chefarzt (65) der Kinderklinik den Zustand der Geschwister in Erinnerung: „Für das Mädchen war es Rettung in allerletzter Sekunde. Als der Junge zu uns kam, war er völlig schlapp, leblos, komatös. Er wog im Alter von zwei Jahren 6,5 Kilo und war damit lebensbedrohlich unterernährt.“ Auf die schwierige Frage von Richter Ralf Fischer, ab wann ein medizinischer Laie diesen Zustand hätte erkennen müssen, kann auch der Kinderarzt keine verbindliche Aussage machen. Nur so viel: „Ich denke, dass da Kind nie in seinem Leben gelaufen ist. Hätte man es im Herbst gesehen, hätte einem zumindest auffallen müssen, dass da etwas im Argen ist.“ Anakin stirbt im Frühjahr 2014.

Immerhin ist die Mutter etwa zehn Wochen vor dem Tod ihres Sohnes bzw. dem Zusammenbruch der Tochter bei einer Kinderärztin gewesen. Die Medizinerin hatte aber damals nur das Mädchen untersucht, das nach Durchfall wund war (Windel-Dermatitis), ansonsten aber „unauffällig“ gewesen sei. Der Junge sei „nur so mit dabei gewesen“ und habe in Winterkleidung in seinem Kinderwagen gesessen. Sie habe ihn nicht untersucht, kaum gesehen, da es um ihn bei dem Termin nicht gegangen sei.

Die Polizei

Nach dem Tod des Jungen rückt die Polizei bei der Mutter im Raum Winterberg an. Der heute pensionierte Beamte (66): „Der Zustand des Hauses war akzeptabel. Ich war überrascht über Menge und Qualität der Lebensmittel. Das war schon gewaltig. Ich habe aber schnell gemerkt, die Frau war sehr behördenerfahren und wusste, was sie uns zeigen und was sie sagen musste. Ich glaube, die Lebensmittel waren nur zum Vorzeigen dort.“ Im Rahmen der Vernehmung habe sie eine Fassade aufgebaut und sich immer wieder in Lügen verstrickt.

Der Verteidiger

Anwalt Thomas Mörsberger reibt sich an der Formulierung „hätte man nicht genauer hinsehen müssen?“. Denn genau dieses „man“ mache deutlich, dass ständig unterstellt werde, die Verantwortung sei auf jemand anderen übergegangen. Letztlich sei doch wohl die Mutter in der Pflicht gewesen. Jugendarbeit bestehe aus einem breiten Spektrum an Aufgaben, aber auch aus Grenzen von Möglichkeiten. „Kontrolle ist nicht identisch mit Eingriffsbefugnis. Jeder Sozialarbeiter muss gut überlegen, welche Karte er ausspielt, um sich nicht den Zugang zu einer Familie zu verbauen.“

Der Richter

Immer wieder zitiert Richter Fischer die Handlungsempfehlungen, die das Jugendamt des Vogtlandkreises (wo die Familie vorher wohnte) dem HSK mit auf den Weg gegeben hatte. Demnach brauchte diese Problemfamilie Unterstützung auf allen Ebenen. Fischer: „Wenn man all die Vorkenntnisse hat und sieht dann so ein Kind, kommt da nicht auch einem medizinischen Laien die Erkenntnis, da muss ich was tun?“

Der Staatsanwalt

Klaus Neulken, Staatsanwalt, möchte sich nicht mit der generellen Frage der Jugendarbeit beschäftigen. Für ihn ist klar: Der Vogtlandkreis hat sehr genau hingeschaut und gute Arbeit geleistet. Wäre das hier fortgesetzt worden, hätte Schlimmeres verhindert werden können. Der Verteidiger: „Deshalb ist die Familie ja auch von dort weggezogen.“ Neulken: „Ja, in einen Kreis, wo man offenbar nicht ausreichend verhindert, dass Kinder vernachlässigt werden.“ 

http://www.wp.de/staedte/altkreis-brilon/geschwister-waren-in-einem-erbarmungswuerdigen-zustand-id210386871.html 


Montag, 24. April 2017

Jugendamt: Die Zeit schafft Fakten...... und diese Fakten kosten mehr als zehn Milliarden Euro

Jugendämter müssen lösungsorientiert arbeiten im Interesse des Kindeswohls, der natürlichen Eltern und der Staatskasse
 
Wie das bei den natürlichen Eltern ankommt, wenn ihnen gesagt wird, sie gefährden das Kindeswohl, kann jeder Mensch mit ein bisschen Empathie sich vorstellen, insbesondere wenn die Eltern das Jugendamt um Hilfe gebeten hatten. Wir begleiten und recherchieren noch zwei weitere ähnlich gelagerte Fälle von Mitgliedern. Die Strukturen sind ähnlich, allerdings zeigen sich die Jugendämter in N und F kommunikativer. Ebenso wird der Umgang ständig erweitert. 

Wir haben nicht Eltern gewählt, die sich nicht kooperationsbereit oder einsichtig zeigen, dass sie Defizite haben, die aufzuarbeiten gilt. Vielmehr tun sie etwas, gehen in Therapie und wollen "liefern". Aber in allen drei Fällen, sind die Strukturen ähnlich: Die Zeit schafft Fakten, die Kinder haben einen neuen Lebensmittelpunkt gefunden und dort wird das Kindeswohl durch das Jugendamt dann angesiedelt. 

Vergleicht man den Output, der da produziert wird, so stellt man fest, er ist teuer, ineffizient, in keinem Fall effizient. Da sitzen mehrere Mitarbeiterinnen - es sind ja meist nur Mitarbeiterinnen - und beschäftigen sich letztlich autoritär mit Beurteilungen, füllen Formulare aus, in denen nur noch abgehakt, angekreuzt werden muss - und dann von mehreren unterschrieben, so dass alles abgesichert ist nach Außen. Das Ganze mag der Bürokratie Genüge tun, den betroffenen Eltern und der Staatskasse nicht. 

Das ganze Handeln ist teuer und ineffizient. Bürokratie und Pflegeeltern haben ihren Preis, es sind bundesweit inzwischen über zehn Milliarden, die dafür ausgegeben werden. - Effizient wäre, wenn mit den Eltern vor Ort handlungsorientiert, motivierend gearbeitet werden würde, lösungsorientiert, so dass die natürlichen Eltern mit "ihren" Kindern nach einer gewissen Zeit in die "Unabhängigkeit" entlassen werden können. - Faktisch wird das jugendamtliche Kindeswohl autoritär verwaltet. Aber darüber möchte man nicht gerne konkret sprechen, könne man aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht sprechen, auch dann nicht, wenn die betroffenen Eltern ausdrücklich von der Schweigepflicht entbunden haben. 

Es stellt sich die Frage, wollen das die Damen des Jugendamtes überhaupt, die natürlichen Eltern fit machen? Ist die Rückführung überhaupt ein Ziel? Oder ist es das Ziel die vom Jugendamt erwählten Pflegeeltern zu schützen, zu fördern, zu verschweigen, dass diese gar nicht so selten die Kinder wieder weiterreichen, wenn es schwierig wird oder die Kinder - natürlich ganz im Sinne des Kindeswohls - mal unter zwei Eltern aufgeteilt werden. 

Die leiblichen Eltern gilt es zu vertrösten, sie hinzuhalten und zu warten, bis sie sich beim Hinterherlaufen und Domestizieren des Amtsschimmels die Hacken abgelaufen haben und früher oder später resignieren. 

Die Situation ist tatsächlich kafkaesk, man bekommt niemand so recht zu fassen, Verantwortung wird weitergeschoben. Wenn das Jugendamt in C empfiehlt, dass die Eltern "ihre Erziehungsfähigkeit erneut in einem familiengerichtlichen Verfahren überprüfen" lassen müssen, um die Kinder zurückzubekommen, dann wissen sie genau, wie die Entscheidung dort notgedrungen ausfallen wird. Schließlich ist der Richter auf ihr Urteil angewiesen, ebenso die Pflegeeltern um die Pfründe zu sichern. Auch der Gutachter, der möglicherweise beauftragt wird, schwebt nicht wie eine Deus ex Machina ein. An wen sollen sich Betroffene wenden, wer entscheidet letztlich? - Die Zeit schafft Fakten.