Sie haben mir dreimal Haus und Existenz umgeworfen, mich von jedem Einstigen und Vergangenen gelöst und mit ihrer dramatischen Vehemenz ins Leere geschleudert, in das mir schon wohlbekannte „Ich weiß nicht wohin“. Aber ich beklage mich nicht; gerade der Heimatlose wird in einem neuen Sinne frei, und nur der mit nichts Verbundene braucht auf nichts mehr Rücksicht zu nehmen. So hoffe ich wenigstens eine Hauptbedingung jeder rechtschaffenen Zeitdarstellung erfüllen zu können: Aufrichtigkeit und Unbefangenheit.

Quelle: Stefan Zweig, Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers, Anaconda Verlag 2013, S. 9f.

http://www.ipetitions.com/petition/kinderrechtejetzt/


Dienstag, 27. Juni 2017

Mädchen stirbt in Obhut von Solinger Pflegefamilie - der Staatsanwalt ermittelt

Rund eine Woche, nachdem ein in einer Solinger Pflegefamilie untergebrachtes Kleinkind im Klinikum gestorben ist, herrscht weiterhin Entsetzen angesichts des Falls. Das zweijährige Mädchen war mit schweren Verletzungen, die es sich bei einem Sturz aus einem Hochstuhl zugezogen haben soll, ins Krankenhaus eingeliefert worden. Doch dort konnten die Ärzte der Kleinen zum Schluss nicht mehr helfen. Mittlerweile hat die Staatsanwaltschaft Wuppertal Ermittlungen zur Todesursache aufgenommen.

Das bestätigte am Mittwoch der bei der Behörde für Kapitaldelikte zuständige Oberstaatsanwalt Heribert Kaune-Gebhardt auf Anfrage unserer Redaktion. Es gelte nun, die genauen Umstände zu klären, die zum Tod der Zweijährigen geführt hätten, sagte Kaune-Gebhardt, der zudem betonte, staatsanwaltschaftliche Ermittlungen seien in einem Fall wie dem vorliegenden üblich. "Es ist normal, dass bei nicht feststehender Todesursache Untersuchungen durchgeführt werden", unterstrich Oberstaatsanwalt Kaune-Gebhardt.

Viele offene Fragen

Tatsächlich werfen der Tod des kleinen Mädchens, aber auch die Verletzungen am Körper des Kindes eine Reihe von unbeantworteten Fragen auf. "Beispielsweise muss geklärt werden, inwieweit die Verletzungen auch bei Wiederbelebungsversuchen entstanden sein könnten", hieß es am Mittwoch von der Staatsanwaltschaft, die parallel dazu weitere Spuren verfolgt.

Unstrittig ist bislang, dass das Mädchen, das aus Leverkusen stammt, im vergangenen Jahr vom Jugendamt Leverkusen aus seiner eigenen Familie genommen und in die Obhut der Solinger Pflegefamilie gegeben worden war. Dabei hätten die Pflegeeltern - wie bei allen Familien üblich, die sich um fremde Kinder kümmern - über eine Pflegeerlaubnis verfügt, die wiederum vom Solinger Jugendamt ausgestellt worden sei, sagte am Mittwoch die zuständige Leverkusener Jugendamtsleiterin Angela Hillen. Sie verwies darüber hinaus darauf, das Kleinkind sei seinerzeit in seinem eigenen familiären Umfeld "gefährdet" gewesen.

Aus diesem Grund wurde im Frühjahr 2016 der Sozialdienst Katholischer Frauen zum Vormund des Mädchens bestimmt. Und der Intensivpädagogische Dienst Bergisches Land vermittelte schließlich den Kontakt zu der Solinger Pflegefamilie, die seitdem im Monatsrhythmus immer wieder kontaktiert wurde.

Solinger Pflegefamilie erst kürzlich überprüft

Eine letzte Überprüfung fand erst vor wenigen Wochen statt. Im Mai wurde die Pflegefamilie noch einmal unter die Lupe genommen, weil es zuvor Hinweise auf eine Kindeswohlgefährdung gegeben hatte. "Diese Vorwürfe erwiesen sich allerdings als haltlos", betonte eine Sprecherin der Stadt Solingen am Mittwoch.

Das Jugendamt in der Klingenstadt selbst hatte keine Kinder in der Obhut der betreffenden Familie. Gleichwohl kommt es auch in Solingen vor, dass Kinder, die nicht länger in ihrem eigenen familiären Umfeld leben können, in anderen Städten untergebracht werden. "Dies kann zum einen daran liegen, dass es bei uns gerade keinen freien Platz gibt", sagte die Rathaus-Sprecherin, die weiter "fachliche Erwägungen nannte, die eine Unterbringung fernab des gewohnten Umfeldes in Einzelfällen angezeigt erscheinen lasse.

Wann mit Ergebnissen der augenblicklich laufenden Untersuchungen zum Tod des zweijährigen Mädchens zu rechnen ist, bleibt abzuwarten. Oberstaatsanwalt Kaune-Gebhardt stellte in diesem Zusammenhang klar, die anstehenden Ermittlungen seien durchaus umfangreich.
Quelle: RP

Samstag, 17. Juni 2017

Witten: keine ordnungsgemäße Prüfung der Verwendung von Mitteln

Jeder Cent, der in die Kinder- und Jugendarbeit fließt, muss belegt werden. Oder doch nicht? Bei Kontrollen durchs Wittener Jugendamt hapert es.
Es geht um eine sechsstellige Summe für die Jugendförderung und mangelhafte Verwendungsbelege. Den Trägern von Jugendzentren oder Cliquentreffs wird nicht vorgeworfen, Geld auf den Kopf gehauen zu haben. Kritisiert wird das Jugendamt, nicht genau hingeschaut zu haben.
Es geht um die Jahre 2011 bis 2015, auf die sich die städtischen Rechnungsprüfer beziehen. In der Vorlage zum Fachausschuss am letzten Dienstag heißt es: „Neben formalen Unstimmigkeiten musste insbesondere festgestellt werden, dass die Prüfung der ordnungsgemäßen Verwendung der Zuschüsse durch das Fachamt nicht in ausreichendem Maße erfolgte.“
Ganz konkret heißt es dann: „Zum Teil fehlen Verwendungsnachweise vollständig, in der überwiegenden Zahl der Fälle existieren keine Belege für die Ausgaben oder wurden nicht vorgelegt.“

Lange Krankenstände im Jugendamt

Sozialdezernent Frank Schweppe wies in der Sitzung des Rechnungsprüfungsausschusses auf lange Krankenstände in der zuständigen Abteilung hin. Er betonte, dass die mangelhafte Prüfung im Vordergrund steht und keinesfalls eine mögliche Zweckentfremdung von Geldern. „Es gibt Nachbesserungsbedarf bei der Überprüfung“, sagt Abteilungsleiterin Ursula Fama am Rande.

Jährlich fließen aus der Jugendförderung rund 1,5 Millionen Euro, auch in die Jugendkulturarbeit. Begünstigte sind zum Beispiel die drei Jugendzentren und die Kinder- und Klickentreffs. Nach konkreten Summen hatte auch CDU-Fraktionschef Klaus Noske gefragt.
Sinngemäß sagte er, dass dies nicht ganz unwichtig sei, um zu wissen, in welcher Intensität man sich mit einem solchen Vorgang auseinandersetzen müsse. Noske fragte auch nach dem Inhalt von Verträgen der Stadt mit Trägern der Jugendhilfe.

Kämmerer: Wir müssen das in Ordnung bringen

Kämmerer Matthias Kleinschmidt sagte, dass die Jugendzentren ein festes Budget . Für dessen Überprüfung hätten die Mitarbeiter „aus ihrer Funktion heraus“ eine besondere Verantwortung,gemeint war das Jugendamt. Kleinschmidt versicherte: „Wir müssen das in Ordnung bringen.“
Ursula Weiß von der Linkspartei fragte nach einer möglichen Personalerhöhung, was Bürgermeisterin Sonja Leidemann mit einem deutlichen Hinweis auf das Haushaltssicherungskonzept aber zurückwies.
Das Fachamt hat zugesagt, soweit möglich die fehlenden Verwendungsnachweise nachzufordern, ergänzende Erklärungen einzuholen und die Träger künftig regelmäßiger zu überprüfen. Verwendungsnachweise will es zeitnah anfordern.

https://www.waz.de/staedte/witten/rechnungspruefer-erteilen-wittener-jugendamt-rueffel-id210910387.html 

Samstag, 10. Juni 2017

In der Geinsheimer Grundschule nicht willkommen?

Lina Marie ist ein aufgewecktes, sieben Jahre altes Mädchen. Fröhlich läuft sie in der Wohnung umher, spielt mit ihrem 16 Monate alten Bruder. Doch Lina Marie ist anders als andere Mädchen. Sie ist an Diabetes erkrankt, muss regelmäßig Insulin gespritzt bekommen. Zudem leidet sie noch an Asperger-Autismus. Das merkt man ihr aber nur in besonderen Situationen an. Wenn sie sich überfordert fühlt, wird sie aggressiv. Gegen die Mutter, gegen den Bruder, und bis vor einigen Wochen auch gegen Mitschüler oder Lehrkräfte. Deshalb wurde sie von der Geinsheimer Grundschule verwiesen, die eigentlich Fachkräfte für solche Fälle hat und für Inklusion stehen sollte.
Mutter Nina Wittmann hat beim Autismusverband Hilfe gesucht. Der hat ihr geraten, umgehend einen Anwalt einzuschalten. „Meine Tochter kann für ihr Verhalten doch nichts, sie ist krank“, sagt die alleinerziehende Mutter.

Vor ein paar Tagen gab es ein Gespräch mit Vertretern des Jugendamts, einer Schulpsychologin und Lehrkräften. Nun soll Lina Marie womöglich in eine Spezialschule nach Offenbach gehen. Für die Mutter keine gute Lösung. Denn bisher ist sie immer morgens in die Schule gefahren, um ihrer Tochter eine Spritze gegen Diabetes zu geben. Wie soll sie das machen, wenn die Tochter in Offenbach ist?

An der Schule sei ihr tägliches Erscheinen widerwillig aufgenommen worden. Sie solle eine vollautomatische Insulinpumpe besorgen, sei ihr gesagt worden.

Nina Wittmann hadert aber auch mit dem Jugendamt. Sechs Wochen habe sie nach der Diagnose Asperger-Autismus auf einen Termin beim Jugendamt warten müssen. Jetzt hänge sie in der Luft und wisse nicht, wann die Tochter wieder in eine Schule gehen könne. „Warum werden kranke Kinder so behandelt?“

Nina Wittmann ist überzeugt, dass ihre Tochter bei fachgerechter Betreuung in einer normalen Schule bleiben könnte. Das Mädchen sei zum Beispiel Mitglied beim Jugend-Rot-Kreuz in Biebesheim und habe während der Übungsstunden, weil sie richtig betreut werde, keinerlei Ausfälle.

An der Geinsheimer Grundschule habe man wohl gar nicht die Absicht gehabt, ihre Tochter lange zu behalten. Schon bei der Einschulung sei ihr angedeutet worden, wegen der Diabetes-Erkrankung werde die Tochter wohl nicht lange an der Schule bleiben können. In den vergangenen Wochen sei ihr die Schulleitung aus dem Weg gegangen. Die Rektorin habe nicht mit ihre reden wollen. 

Wittmann spricht von anderen Eltern mit verhaltensauffälligen Kindern, denen es ähnlich ging. „Die wollen solche Kinder offenbar nicht im normalen Schulbetrieb haben“. Warum Lina Marie Wittmann nicht mehr in die Geinsheimer Grundschule gehen darf, hätte diese Zeitung gern erfahren. Doch die Schulleitung reagierte nicht auf eine Bitte um Rückruf. Das Jugendamt des Kreises ist nach Aussagen der Pressestelle mit der Sache befasst und sei bemüht, „alles zu einem guten Ende zu bringen“.


Sonntag, 4. Juni 2017

Alltag für Kinder aus binationalen Ehen

Eine Konfrontation mit dem deutschen Jugendamt hatte Christiane P. nicht erwartet, als sie mit ihrem Lebensgefährten und der gemeinsamem Tochter in ein Dorf bei Kehl zog. Wie manch andere Straßburger Familie lockte die günstige Miete. Dann trennte sich das Paar. Christiane P. zog mit dem Kind nach Straßburg zurück. "Ich hatte nie auf dem Land leben wollen", sagt sie heute. Ein Streit begann: Der Vater beantragte das Sorgerecht für die Tochter bei den deutschen Behörden – die Mutter bei den französischen.

Ein Kehler Richter ordnete schließlich ein geteiltes Sorgerecht an. Die Regelung habe mit einem abwechselnden Aufenthalt des Kindes einigermaßen funktioniert, berichtet P. – bis ihre Tochter, heute sieben Jahre alt, im Jahr 2016 eingeschult werden sollte. Sie will, dass ihre Tochter in Straßburg zur Schule geht. "Sie ist Französin, sie soll in Frankreich die Schule besuchen." Die Eltern trafen sich erneut vor Gericht, wieder in Kehl, der Vater setzte sich durch. Christiane P. sieht ihr Kind deshalb nur noch jedes zweite Wochenende und in einem Teil der Ferien. Ihr Ex-Partner halte sich oft nicht an Absprachen, klagt sie, immer wieder komme es vor, dass sie ihre Tochter nicht wie abgemacht zu sich holen könne.

Die Geschichte sei dramatisch, eher nicht alltäglich, kommentiert ein leitender Mitarbeiter des Jugendamtes im Ortenaukreis, der anonym bleiben möchte. Dennoch sei der Fall beispielhaft dafür, wie der grenzüberschreitende Aspekt im Bereich Kinderschutz in den Fokus gerückt ist. "Tatsächlich nehmen am Oberrhein seit Jahren die Fälle zu, in denen beide Länder involviert sind", sagt die Sozialwissenschaftlerin Sibylle Fischer von der Evangelischen Hochschule Freiburg.

Sie gehört zum Autorenteam eines Handbuchs zum Thema, an dem die Straßburger Hochschule für Soziale Arbeit (Estes), der Departementsrat Bas-Rhin und der Ortenaukreis mitgewirkt haben. Ausgehend von Erfahrungen der Behörden hatte sich diese Kooperation offenbar aufgedrängt. Viele Fälle zeigen: Sozialarbeiter und Richter müssen besser verstehen, wie auf der anderen Rheinseite gearbeitet wird. Im "Vademecum für einen grenzüberschreitenden Kinderschutz" finden sich neben Adressen, einem zweisprachigen Glossar und Handlungshilfen etliche Beispiele.

So das eines Dreijährigen, der mit seiner Mutter aus dem Raum Freiburg nach Frankreich gezogen war. Der Vater wendete sich an das deutsche Jugendamt, dass nachforschen wollte, ob es dem Kind gut gehe und Kontakt mit den französischen Behörden aufzunehmen versuchte. Kümmerlicher Ausgangspunkt: die Faxnummer eines französischen Amtes.

Das Handbuch soll auch verhindern, dass nationale Behörden isoliert und ohne Dolmetscher entscheiden. Christiane P. war zum Beispiel mit dem Besuch einer Gutachterin des deutschen Jugendamtes konfrontiert, die, berichtet sie, "in etwa so gut Französisch sprach wie ich Deutsch". Sie schildert einen weiteren Termin beim Jugendamt, bei dem letztlich der Vater ihrer Tochter, der zwar Franzose, aber zweisprachig ist, gedolmetscht hat.

Christiane P. ließ nicht locker. Inzwischen gibt es einen neuen Kontakt bei den Behörden. Sie fasst Hoffnung. "Man hat mir versprochen, meinen Fall zu prüfen", sagt sie, "und einen neuen Sachbearbeiter mit meinem Fall zu beauftragen."


Die Broschüre im Netz: http://mehr.bz/vademecum

http://www.badische-zeitung.de/suedwest-1/kinderschutz-ueber-den-rhein-hinweg--137651701.html

Donnerstag, 1. Juni 2017

Lörrach: Der Kindeswille findet keine Berücksichtigung

Eine Familie nimmt die 13-jährige Freundin ihrer Tochter zu sich und möchte ihre Pflegefamilie werden. Die Mutter des Mädchens ist einverstanden. Der Pflege- und Adoptivkinderdienst (PAD) des Landratsamts aber sagt, die Familie eigne sich nicht.

Bleiben darf das Mädchen trotzdem, die Familie bekommt aber kein Pflegegeld und muss schauen, wo sie bleibt. Einen Hilfeplan für das Mädchen, von dem das Amt glaubt, es habe einen „hohen erzieherischen Bedarf“, gibt es nicht.

Emilia* ist 13 Jahre alt und lebt seit dem 17. Januar zusammen mit ihren gleichaltrigen Zwillingsfreundinnen, deren Mutter Carmen P.* und ihrem Lebensgefährten Roland W.* (* Namen geändert) im Landkreis Lörrach. Sie kennt die Familie, war schon oft auch mehrere Tage lang zu Besuch, geht mit den Mädchen zur Schule. Von ihrer leiblichen Mutter wollte sie weg, seit sie zwölf war, erzählt Emilia: „Früher habe ich überlegt, einfach abzuhauen.“ Stattdessen schmiedeten die Mädchen einen Plan: Emilia sollte bei ihnen wohnen. „Ich habe meinen Töchtern immer beigebracht, dass man Menschen helfen soll, die Hilfe brauchen“, sagt Carmen P.; Emilia zog ein.

Ständiger Kontakt zum Jugendamt

Die Familie berichtet, sie habe sofort Polizei und Jugendamt informiert, Kontakt zur Mutter aufgenommen und sie gebeten, die Sachen des Mädchens herauszugeben: drei Einkaufstüten voll Kleidung und ein kaputtes Fahrrad. Sie wollten eine Vollmacht von der Mutter bekommen, gingen mit dem Kind zum Arzt, ließen es impfen – einen Impfpass hatte Emilia nicht. Über all das hätten sie das Jugendamt laufend informiert, sagt Roland W., die Anträge für eine Anerkennung als Pflegefamilie ausgefüllt.

Der erste Termin mit dem PAD war für den 23. Februar angesetzt, fand jedoch erst am 25. März statt. Dass es zwei Monate bis zum ersten Besuch bei dem Mädchen dauerte, lag Birgit Junk zufolge an einem Krankheitsfall. Die Teamleiterin des PAD sagte, eine Vertretung habe man nicht gehabt. Fünf Minuten habe sich die Mitarbeiterin des PAD während des zweistündigen Termins mit Emilia unterhalten, so Carmen P.
Am 6. April wurde das Paar in einem Gespräch im Landratsamt über das Ergebnis informiert: Sie würden nicht als geeignet angesehen, „dem erwartbar hohen Bedarf des Kindes gerecht zu werden“, geht aus dem Gesprächsprotokoll hervor. In der Familie gebe es Pubertäts- und Erziehungsprobleme. Die Kooperationsbereitschaft der Familie werde als fraglich angesehen. Und die Rolle von Roland W. in der Familie sei „undurchschaubar“. Die Familie räumt ein, dass es zu Eifersüchtelein zwischen den Mädchen gekommen sei. Doch die Sache sei schnell geklärt gewesen. Roland W. ist in Österreich gemeldet – wo seine Eltern leben. Um das notwendige erweiterte Führungszeugnis zu bekommen, hätte er nach Wien reisen müssen. Die Mitarbeiterin des PAD habe ihm aber versprochen, es auf dem Behördenweg einzuholen – was nicht geschah. Das Paar ist nicht verheiratet, der IT-Ingenieur ist beruflich immer wieder ein paar Wochen weg. Carmen P. ist selbständig, arbeitet zu Hause: „Wenn die Mädchen von der Schule kommen, bin ich da.“

Schulnoten sind besser geworden

Wie kommt es zu der Einschätzung des „hohen Bedarfs“, wenn der PAD nur einmal das Mädchen gesehen hat? In der Regel würden mehrere Beratungsgespräche mit den leiblichen Eltern geführt, ein Diagnosebogen ausgefüllt, sagt Sozialdezernentin Elke Zimmermann-Fiscella: „Ich gehe davon aus, dass das erfolgt ist.“ Zum konkreten Fall will sie sich nicht äußern, beruft sich auf den Datenschutz. Seit Emilia bei der Familie wohnt, sind ihre Schulnoten besser geworden. Sie habe sich von einem verwahrlosten, einsamen und traurigen Mädchen zu einem entwickelt, das glücklich wirke, bescheinigt die Sozialarbeiterin von Emilias Schule: „Der Kindeswille ist eindeutig und sollte berücksichtigt werden.“
Doch am Tag der Absage – so schildert es die Familie – seien Vertreter des Jugendamtes in der Schule aufgetaucht, um das Mädchen aus dem Unterricht heraus zu einer Bereitschaftspflegefamilie zu bringen. Emilia weigerte sich. „Wir wissen nicht, ob es tatsächlich so war“, sagt Elke Zimmermann-Fiscella. Für die Klärung der langfristigen Perspektive sei ein Kind in der Bereitschaftspflege eben am besten untergebracht, dort gebe es pädagogische Profis: „Manchmal ist es schwierig, wenn ein Kind sich wohl fühlt, aber der Bedarf ein anderer ist.“ Die Kinder seien in der neuen Familie erst einmal angepasst und würden „ihr Päckchen erst später auspacken“, sagt Birgit Junk. „Da kann eine Bereitschaftspflegefamilie helfen.“

Hohe Kriterien für Pflegefamilien

Für Pflegefamilien gebe es hohe Eignungskriterien, sagt Elke Zimmermann-Fiscella. Es brauche die Mitwirkungsbereitschaft der Familie, das Einlassen auf das Verfahren, so Junk. Der Kommunikationsstil sei sehr wichtig. Zudem benötige man eben alle Unterlagen. Trotz der Bedenken des Landratsamtes kann Emilia in der Familie bleiben. „Das heißt nicht, dass es in der Familie grundsätzlich schlecht ist“, sagt die Dezernentin. Das Kind sei versorgt, und es sei die Entscheidung der sorgeberechtigten Mutter, wo es lebt. Ein „informelles Pflegeverhältnis“ nennt sich das. Die Familie stünde in Kontakt mit dem Jugendamt. So lange das keine Gefährdung erkennen könne, müsse es nicht handeln.
Eine solche Lösung sei auch ohne Erlaubnis zur Vollzeitpflege möglich. Die ist nach dem Sozialgesetzbuch verpflichtend, wenn jemand ein Kind länger als acht Wochen bei sich aufnehmen will. Das Landratsamt interpretiert es so, dass das nur für anerkannte Pflegefamilien gelte. Roland W. jedoch ist sicher, dass es für alle Familien in solchen Situationen gilt. Zudem gibt es keine Hilfe zur Erziehung vom PAD. Selbstverständlich könnte die Familie bei Bedarf die Jugendhilfe und des Jugendamtes in Anspruch nehmen. Während anerkannte Pflegeeltern für ein Mädchen in Emilias Alter 938 Euro Pflegegeld bekommen würden, muss die Familie schauen, wo sie bleibt. Der Unterhalt zwischen den Familien müsse privat geregelt werden, so Zimmermann-Fiscella, der PAD könne da nur beraten.
Die Kosten, die ihnen in den ersten Monaten entstanden sind, wurden pauschal erstattet. Roland W. sagt, von Anfang an sei klar gewesen, dass das Mädchen keine Einnahmen habe. Zuerst habe die Mutter noch das Kindergeld überwiesen, seit April aber auch das nicht mehr. Eine Mitarbeiterin des Jugendamts habe ihr gesagt, sie müsse das nicht, so W. Und seit Anfang April ist laut W. die Mutter, die zwei weitere Kinder hat, nicht mehr auffindbar. Wenn das so sei, müsse das Jugendamt andere nahe Verwandte suchen und das Familiengericht einschalten, sagt Landratsamtsprecher Torben Pahl. Ist es so? Keine Angaben, Datenschutz, lautet die Antwort.
Roland W. und Carmen P. wollen sich mit der jetzigen Situation nicht abfinden, zumal die rechtliche Lage sehr unklar ist. Emilia soll bleiben, sie wollen als Pflegefamilie anerkannt werden und kündigen rechtliche Schritte gegen das Landratsamt an. Allerdings fehle immer noch ein klagefähiger Bescheid. Zudem hätten sie noch nicht einmal Akteneinsicht erhalten. Das Paar stellt sich auf einen erbitterten Rechtsstreit ein. Warum das Ganze? Die Antwort ist lapidar. Um einem Mädchen zu helfen, das Hilfe braucht.