Freitag, 27. Mai 2016

Meschede: Jugendamt - Hilfe die bei einem Dreizehnjährigen nicht ankommt

Tim* (13) ist außer Kontrolle. Seine Eltern wissen nicht mehr weiter. Der Junge reißt ständig aus, er stiehlt und ist aggressiv. Seine Eltern sind machtlos. Sie haben Angst, dass noch Schlimmeres passieren könnte. Seit Jahren bitten sie die Behörden um Hilfe. Das Jugendamt bietet Maßnahme um Maßnahme an - sie alle haben keinen Erfolg.

Zuletzt bedrohte Tim ein anderes Kind mit einem Messer. Er machte Schlagzeilen, weil er daheim und aus der Verwandtschaft ein Auto klaute, um auf Spritztour zu gehen. Die letzte Fahrt endete vor einer Leitplanke. Seit sechs Jahren bereitet der Sohn den Eltern zunehmend Kummer. Dabei ist er aufgewachsen in einer ganz normalen Familie, er hat eine kleine Schwester, die so lebt und sich verhält wie alle Mädchen in dem Alter. Tim ist anders, aber nicht dumm.
Eltern verzweifelt: "Würden sogar das Sorgerecht abgeben"

Seine Mutter und sein Vater sind davon überzeugt, dass nur noch eine drastische Maßnahme helfen kann: eine Unterbringung in einer geschlossenen Jugendeinrichtung. Sie haben um diesen Schritt gebeten, mehrfach. „Wir würden inzwischen sogar das Sorgerecht abgeben“, sagt die Mutter. Dieser Fall klingt paradox: Meistens protestieren Eltern massiv gegen das Jugendamt, wenn es ihnen ein Kind wegnehmen will. Hier wird um genau diesen Einschnitt gebeten - doch die Gesetze lassen es nicht zu. Denn die Eltern arbeiten aktiv mit dem Jugendamt zusammen. Sie gefährden eben nicht „das Kindeswohl“, wie es im Familienrecht heißt. Im Gegenteil: Sie sorgen sich um ihren Sohn und kämpfen um seine ­Zukunft. Dadurch sind sie nach den geltenden Regelungen gute ­Eltern. Ihnen kann man kein Kind wegnehmen.

Stattdessen folgt eine erfolglose Maßnahme auf die nächste. Erst eine sozialpädagogische Familien-Hilfe. Es folgen Aufenthalte in Tagesgruppen, in Einrichtungen der Heimerziehung und der ambulanten Psychiatrie. Doch irgendwann kommt der Moment, da haut Tim immer wieder ab. Offensichtlich hat er die Gespräche mit Sozialarbeitern und Psychologen satt.
Amtsgericht lehnt zwangsweise Unterbringung von Kind ab

In ihrer Verzweiflung hatten die Eltern zuletzt einen Antrag auf zwangsweise Unterbringung in einer Jugendeinrichtung gestellt. Doch auch diese Hoffnung zerschlug sich. Das Amtsgericht Meschede lehnte den Antrag ab. Dem Gericht fehlte ein psychiatrisches Gutachten, das eine zwangsweise Unterbringung als zwingend ansieht. Stattdessen setzen alle Experten weiter auf ambulante Maßnahmen – selbst wenn bisher alle Therapeuten gescheitert sind.

Beim Jugendamt des Hochsauerlandkreises ist das Thema präsent. „Auch wir können ihn nicht einsperren lassen, das wäre Freiheitsentzug“, sagt Pressesprecher Martin Reuther. Nach den letzten Eskapaden des 13-Jährigen plant die Behörde einen Aufenthalt zur Diagnostik in der LWL-Klinik in Marsberg. Danach soll eine „individuelle pädagogische Maßnahme in einer relativ kleinen Gruppe“ folgen - eine, bei der ein erneutes Weglaufen schwierig ist.
13-Jähriger ist seit Tagen verschwunden

Solche Projekte sind teuer. Für Tim allerdings könnte es die letzte Chance sein. Nächsten Monat wird er 14 Jahre alt, dann wird er strafmündig. Dann droht der Jugendknast - und eine Abwärtsspirale, vor der seine Eltern furchtbare Angst haben. Sie hoffen auf Hilfe in letzter Sekunde.

Erst einmal müsste der junge Mescheder aber gefunden werden. Nach seiner letzten Autofahrt war er in einer Krisengruppe in Olsberg untergebracht. Er ist direkt am nächsten Tag abgehauen. Bis heute ist er verschwunden.


http://www.derwesten.de/staedte/nachrichten-aus-meschede-eslohe-bestwig-und-schmallenberg/eltern-von-crash-kid-senden-hilferuf-an-jugendamt-id11857891.html
Tim* (13) ist außer Kontrolle. Seine Eltern wissen nicht mehr weiter. Der Junge reißt ständig aus, er stiehlt und ist aggressiv. Seine Eltern sind machtlos. Sie haben Angst, dass noch Schlimmeres passieren könnte. Seit Jahren bitten sie die Behörden um Hilfe. Das Jugendamt bietet Maßnahme um Maßnahme an - sie alle haben keinen Erfolg.

Zuletzt bedrohte Tim ein anderes Kind mit einem Messer. Er machte Schlagzeilen, weil er daheim und aus der Verwandtschaft ein Auto klaute, um auf Spritztour zu gehen. Die letzte Fahrt endete vor einer Leitplanke. Seit sechs Jahren bereitet der Sohn den Eltern zunehmend Kummer. Dabei ist er aufgewachsen in einer ganz normalen Familie, er hat eine kleine Schwester, die so lebt und sich verhält wie alle Mädchen in dem Alter. Tim ist anders, aber nicht dumm.
Eltern verzweifelt: "Würden sogar das Sorgerecht abgeben"

Seine Mutter und sein Vater sind davon überzeugt, dass nur noch eine drastische Maßnahme helfen kann: eine Unterbringung in einer geschlossenen Jugendeinrichtung. Sie haben um diesen Schritt gebeten, mehrfach. „Wir würden inzwischen sogar das Sorgerecht abgeben“, sagt die Mutter. Dieser Fall klingt paradox: Meistens protestieren Eltern massiv gegen das Jugendamt, wenn es ihnen ein Kind wegnehmen will. Hier wird um genau diesen Einschnitt gebeten - doch die Gesetze lassen es nicht zu. Denn die Eltern arbeiten aktiv mit dem Jugendamt zusammen. Sie gefährden eben nicht „das Kindeswohl“, wie es im Familienrecht heißt. Im Gegenteil: Sie sorgen sich um ihren Sohn und kämpfen um seine ­Zukunft. Dadurch sind sie nach den geltenden Regelungen gute ­Eltern. Ihnen kann man kein Kind wegnehmen.

Stattdessen folgt eine erfolglose Maßnahme auf die nächste. Erst eine sozialpädagogische Familien-Hilfe. Es folgen Aufenthalte in Tagesgruppen, in Einrichtungen der Heimerziehung und der ambulanten Psychiatrie. Doch irgendwann kommt der Moment, da haut Tim immer wieder ab. Offensichtlich hat er die Gespräche mit Sozialarbeitern und Psychologen satt.
Amtsgericht lehnt zwangsweise Unterbringung von Kind ab

In ihrer Verzweiflung hatten die Eltern zuletzt einen Antrag auf zwangsweise Unterbringung in einer Jugendeinrichtung gestellt. Doch auch diese Hoffnung zerschlug sich. Das Amtsgericht Meschede lehnte den Antrag ab. Dem Gericht fehlte ein psychiatrisches Gutachten, das eine zwangsweise Unterbringung als zwingend ansieht. Stattdessen setzen alle Experten weiter auf ambulante Maßnahmen – selbst wenn bisher alle Therapeuten gescheitert sind.

Beim Jugendamt des Hochsauerlandkreises ist das Thema präsent. „Auch wir können ihn nicht einsperren lassen, das wäre Freiheitsentzug“, sagt Pressesprecher Martin Reuther. Nach den letzten Eskapaden des 13-Jährigen plant die Behörde einen Aufenthalt zur Diagnostik in der LWL-Klinik in Marsberg. Danach soll eine „individuelle pädagogische Maßnahme in einer relativ kleinen Gruppe“ folgen - eine, bei der ein erneutes Weglaufen schwierig ist.
13-Jähriger ist seit Tagen verschwunden

Solche Projekte sind teuer. Für Tim allerdings könnte es die letzte Chance sein. Nächsten Monat wird er 14 Jahre alt, dann wird er strafmündig. Dann droht der Jugendknast - und eine Abwärtsspirale, vor der seine Eltern furchtbare Angst haben. Sie hoffen auf Hilfe in letzter Sekunde.

Erst einmal müsste der junge Mescheder aber gefunden werden. Nach seiner letzten Autofahrt war er in einer Krisengruppe in Olsberg untergebracht. Er ist direkt am nächsten Tag abgehauen. Bis heute ist er verschwunden.

Eltern von "Crash-Kid" senden Hilferuf an Jugendamt | WAZ.de - Lesen Sie mehr auf:
http://www.derwesten.de/staedte/nachrichten-aus-meschede-eslohe-bestwig-und-schmallenberg/eltern-von-crash-kid-senden-hilferuf-an-jugendamt-id11857891.html#plx391731005

Donnerstag, 26. Mai 2016

Grevesmühlen: Staatsanwaltschaft Schwerin bestätigt Ermittlungen - Jugendamt in Grevesmühlen in der Kritik

Im Fall der mutmaßlichen Kindesmisshandlung in Grevesmühlen geraten der zuständige Landkreis Nordwestmecklenburg und das Jugendamt unter Druck. Die Kreistagsfraktionen von CDU und Linken verlangen von Landrätin Kerstin Weiss (SPD) Aufklärung zu den Hintergründen des Vorfalls. Es gibt bereits erste Forderungen nach einem Sonderausschuss des Kreistags.

Hausdurchsuchung beim Paar

Der dreijährige Junge wurde offenbar vom eigenen Vater stark vernachlässigt, das Kind war abgemagert und auch verletzt. Gegen den 31-Jährigen Mann wird ermittelt. Auf NDR-Anfrage teilte die Schweriner Staatsanwaltschaft mit, dass jetzt auch gegen seine Partnerin Ermittlungen laufen. Beamte durchsuchten am Mittwoch die gemeinsame Wohnung in Grevesmühlen. Das Paar stellte freiwillig Beweismittel - wie beispielsweise Fotos des Jungen - zur Verfügung. Die Staatsanwaltschaft teilte weiter mit: "Wir prüfen, ob strafrechtliches Verhalten Dritter vorgelegen hat". Das könnte bedeuten, dass auch das Jugendamt in den Fokus der Ermittler rückt. 

Warum handelte das Jugendamt so spät?

Das Jugendamt des Landkreises betreute die Familie seit Anfang 2016 - zu dem Zeitpunkt kam der Junge nach einem Heimaufenthalt in Schwerin zum leiblichen Vater nach Grevesmühlen. Die Mitarbeiter des Amtes erfuhren von dem schlimmen Gesundheitszustand des Jungen erst, als der Vater am Freitag vor Pfingsten (13. Mai) mit seinem Sohn auf dem Amt erschien und offenbar um Beratung bat. Der schlechte Allgemeinzustand des Kindes erforderte nach Angaben des Landkreises eine sofortige Einweisung ins Krankenhaus. Fraglich ist vor allem, warum das Jugendamt von sich aus zuletzt Ende April in Kontakt mit der Familie stand und warum der Zustand des Jungen sich bis zum Freitag vor Pfingsten so rapide verschlechtert hatte. Möglicherweise sind Anzeichen einer Misshandlung im April übersehen worden. Der Landkreis teilte dagegen mit, es habe bis Ende April keine Hinweise auf eine Kindswohlgefährdung gegeben.

CDU und Linke im Kreistag verlangen Aufklärung

Thomas Grote, Chef der CDU-Fraktion im Kreistag, reicht das nicht. Er kritisierte auf Anfrage des NDR, dass der Vorfall erst am Mittwoch durch NDR-Berichte bekannt wurde. Die Landrätin hätte von sich aus viel früher über diesen gravierenden Fall informieren müssen, beispielsweise in der vergangenen Woche im Kreistag. Grote fordert, die Vorgänge lückenlos aufzuklären - möglicherweise gebe es andere, ähnliche Fälle, von denen niemand etwas wisse. Grothe brachte auch einen Sonderausschuss ins Spiel. Auch die Linksabgeordnete im Kreistag, Simone Oldenburg, verlangt eine Untersuchung im Jugendamt, auch sie kritisiert auf Anfrage des NDR die Informationspolitik der Landrätin. Möglicherweise wäre der Fall ohne Hinweise an die Medien unter den Teppich gekehrt worden, so Oldenburg. An diesem Freitag will Landrätin Weiss im Kreisausschuss Stellung nehmen.

Kind wird wohl keine Schäden davontragen

Auf eine schriftliche Anfrage, ließ die Verwaltungschefin am Mittwochabend mitteilen, dass der Junge bei Pflegeeltern untergebracht sei. Nach den bisherigen medizinischen Erkenntnissen habe das Kind keine bleibenden Schäden davongetragen. Das Jugendamt gebe aus Datenschutzgründen grundsätzlich keine Informationen zu Einzelfällen an die Öffentlichkeit, heißt es zur Begründung, warum nicht umgehend über den Fall informiert wurde.

Mittwoch, 25. Mai 2016

Grevesmühlen: die Fehlentscheidung eines Jugendamtsmitarbeiters und die Folgen für einen Dreijährigen

Katastrophale Zustände im Jugendamt von Nordwestmecklenburg: In einem anonymen Brief schildert eine Mitarbeiterin des Amtes die Bedingungen, die in der Behörde herrschen. Die Kolleginnen seien überlastet, die Hilferufe der Fachdienstleiterin würden überhört. Allein vier Stellen seien nicht besetzt, vier Kollegen hätten bei ihrem Arbeitgeber über eine zu hohe Arbeitsbelastung geklagt und diese dort offiziell angezeigt.

Welche dramatischen Folgen die Überlastung hat, zeigt der Fall vom 13. Mai. In Grevesmühlen wurde ein dreieinhalbjähriger Junge, der aus einem Heim in Schwerin entlassen und zu seinem Vater gebracht worden war, mit dem Rettungswagen abgeholt. Das Kind war vom Vater schwer misshandelt worden, der Junge war so vernachlässigt worden, dass er unterernährt und dehydriert war. Seitdem liegt der Junge im Wismarer Krankenhaus, sein Zustand hat sich nach Angaben der Jugendamtsmitarbeiterin stabilisiert.

Welche seelischen Schäden der Vorfall angerichtet hat, lässt sich derzeit nicht abschätzen. Die Polizei bestätigte am Dienstag, dass gegen die Betreuungspersonen, der Junge lebte bei seinem 31-jährigen Vater und dessen Lebensgefährtin, ermittelt wird. Der Vorwurf: Misshandlung von Schutzbefohlenen.

Das Fazit der Behörden heute: Das Kind hätte niemals bei seinem Vater untergebracht werden dürfen.

Das Jugendamt, beziehungsweise die zuständigen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, hatten offenbar die Situation falsch eingeschätzt. Grund, so heißt es in dem anonymen Schreiben, sei die permanente Überbelastung. Weiter: „Eine Situation wie in den Berliner und Hamburger Jugendämtern sei absehbar.“ Dort hatte es in den vergangenen Jahren immer wieder Fälle von vernachlässigten und misshandelten Kindern gegeben, weil die Ämter völlig überlastet sind.

Thema wird die Situation im Nordwestmecklenburger Jugendamt auf der nächsten Sitzung des Jugendhilfeausschusses sein. Am 8. Juni tagt das Gremium in Wismar. Die Vorsitzende des Ausschusses, Judith Keller, zeigte sich am Dienstag schockiert von den Ereignissen. „Ich weiß, dass die personelle Situation im Jugendamt nicht optimal ist. Alle Stellen sind ausgeschrieben, aber es gibt im Moment einfach keine Sozialpädagogen auf dem Markt.“

Gera: Kindesmissbrauch - Neonazi Tino Brandt zu fünfeinhalb Jahren Haft verurteilt

Schuldig des Missbrauchs von Minderjährigen oder Jugendlichen und ihrer Vermittlung an Erwachsene zum Sex - und dies in mindestens 66 Fällen. Das Landgericht in Gera verurteilte am Donnerstag den Neonazi und Ex- Verfassungsschutzspitzel Tino Brandt zu fünfeinhalb Jahren Gefängnis.

Strafmildernd wirkte sich laut Gericht das Geständnis aus, das Brandt am Donnerstag abgab. Bereits kurz nach Beginn des Prozesses am Morgen hatte sich ein sehr rasches Urteil angedeutet. In einer Verhandlungspause einigten sich Staatsanwaltschaft, Verteidigung und Nebenkläger auf einen Handel. Die Verteidigung habe eine "im wesentlichen geständige Einlassung" ihres Mandanten angekündigt, teilte der Vorsitzende Richter mit. Für den Fall, dass das Gericht die Aussage für glaubhaft einschätze, sei eine Haftstrafe zwischen fünf und sechs Jahren zu erwarten. Auf Nachfrage des Richters erklärte sich Brandt mit der Vereinbarung einverstanden. 
 
Das Geständnis gab er unter Ausschluss der Öffentlichkeit ab. Zuvor war schon die Anklageschrift in geschlossener Sitzung verlesen worden. Damit folgte die zweite Strafkammer gleichlautenden Anträgen von Verteidigung, Anklage und Nebenklage. Der Schritt wurde mit dem Schutz der Privat- und Intimsphäre des Angeklagten und der Opfer begründet.

Anklage sprach von 157 Fällen

Die Staatsanwaltschaft warf dem 39-Jährigen in der Anklage vor, minderjährige Jungen für Sex bezahlt und sie gegen Provision an andere Männer vermittelt zu haben. Eines der fünf Opfer soll noch nicht 14 Jahre alt gewesen sein und gilt damit rechtlich als Kind. Insgesamt wurden 157 Fälle aufgelistet. Brandt, der bereits seit Juni 2013 in Untersuchungshaft sitzt, war in den 1990er-Jahren einer der führenden Neonazis in Ostdeutschland. So hatte er damals den "Thüringer Heimatschutz" gegründet, dem die mutmaßlichen Rechtsterroristen Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe angehörten. Nach der Flucht des Trios Anfang 1998 beteiligte er sich an der Unterstützung des späteren "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU). Gleichzeitig arbeitete Brandt als V-Mann für das Thüringer Landesamt für Verfassungsschutz. Die rund 100.000 Euro, die er über die Jahre für seine Spitzeldienste erhielt, benutzte er nach eigenen Angaben auch zur Finanzierung der rechtsextremen Szene. Nach seiner Enttarnung im Jahr 2001 trat er von seinem Amt als stellvertretender Landesvorsitzender der Thüringer NPD zurück. Der 39-Jährige, der sich immer noch öffentlich zur nationalsozialistischen Ideologie bekennt, war zuletzt mehrfach als Zeuge im NSU-Prozess geladen, wo er umfänglich aussagte. Brandt erwartete in Gera seine erste Strafe - obwohl er in seiner Zeit als Verfassungsschutz-Spitzel mehrfach angeklagt wurde. Es kam allerdings nie zu einer rechtskräftigen Verurteilung. Darüber hinaus wurden 27 Ermittlungsverfahren gegen ihn eingestellt. Gegen die Entscheidung  von Donnerstag kann binnen einer Woche Revision eingelegt werden. Verzichtet Brandt darauf, ist das Urteil rechtskräftig. Auf die Sexualdelikte Brandts war die Staatsanwaltschaft bei ihren Untersuchungen in einem Versicherungsbetrugsfall gestoßen. In dem Verfahren, in dem es um einen Schaden von einer Million Euro geht, wird gegen Brandt weiter ermittelt.
 

Montag, 23. Mai 2016

Freital: Jugendamt nimmt unberechtigt ein Kind in Obhut und fühlt sich dann bedroht

Gerichtsbericht. Als Tobias N. zum Freitaler Jugendamt ging, hatte er noch Hoffnung. Im vergangenen Sommer hatte die Behörde ihm und seiner Lebensgefährtin das gemeinsame Kind weggenommen und in einem Heim untergebracht. Anfang September dann das Gespräch im Amt, zu dem Tobias N. von seiner Mutter begleitet wurde. Geholfen hat dieser Termin dem Mann nicht.
Die Behörde stellte sich quer. „Wir wurden regelrecht abserviert“, sagt er leise, noch heute sichtlich erschüttert. 

Niemand habe mit ihm reden wollen. Beim Verlassen des Zimmers der zuständigen Mitarbeiterin soll er dann zu seiner Mutter gesagt haben: „Da können wir ja nur noch das Heim anbrennen und das Jugendamt gleich mit.“ Damit hatte sich Tobias N. der Störung des öffentlichen Friedens und des Androhens einer Straftat schuldig gemacht. Nun musste er sich deshalb vor dem Amtsgericht in Dippoldiswalde verantworten. Vor Richter Heinz-Christian Mansch gibt er zu, genau diese Worte gebraucht zu haben. „Das ist im Affekt passiert“, sagt er und versichert, dass sie zu keiner Zeit ernst gemeint waren. Er habe sich einfach nicht anders zu helfen gewusst und gehofft, mit diesen drastischen Worten ein Umdenken beim Jugendamt erreichen zu können.

Mit der Miete im Verzug

Als der Staatsanwalt den Angeklagten daraufhin fragt, ob er sich angesichts der Terroranschläge von Paris und Brüssel, der Brisanz seiner Worte überhaupt bewusst war, hakt Verteidiger Hendrik Hagen ein. Das könne man so nicht miteinander vergleichen, sagt er. Sein Mandant habe sich in einer absoluten Ausnahmesituation befunden. „Was würden Sie tun, wenn man ihnen einfach so ihr Kind wegnehmen würde?“, fragt er das Gericht. Anschließend erklärt Hagen, der normalerweise als Anwalt für Familienrecht tätig ist, warum es zu den folgenschweren Worten gekommen war. Dazu muss er ein wenig ausholen. Als Erstes stellt er klar, dass es sich bei Tobias N. und seiner Partnerin um fürsorgliche Eltern handelt, die ihr Kind liebevoll und gewissenhaft großziehen. Diesbezüglich ist auch ein Gutachten erstellt worden, dass er dann auszugsweise verliest.

Im letzten Jahr war das junge Paar versehentlich mit den Mietzahlungen für seine Freitaler Wohnung in Rückstand geraten. Recht schnell wurde ihnen daraufhin vom Vermieter die fristlose Kündigung angedroht. Aus Angst, womöglich bald mit einem Kleinkind auf der Straße zu stehen, wandte sich die Familie hilfesuchend an das Jugendamt. Doch statt bei der Klärung der Mietangelegenheiten zu helfen, nahm man ihnen dort das Kind weg. 

„Die Freundin meines Mandanten stammt aus schwierigen familiären Verhältnissen“, sagt der Verteidiger zu den Hintergründen. Das sei dem Jugendamt bekannt gewesen, erzählt er weiter. Nur aufgrund der Herkunft der Mutter und der zwei ausstehenden Monatsmieten sah man das Wohl des Kindes gefährdet und handelte sofort – ohne die Eltern anzuhören, ohne das Umfeld und auch das Kind näher zu begutachten. Alle anschließenden Versuche seitens der Eltern, mit der zuständigen Mitarbeiterin des Jugendamtes ins Gespräch zu kommen, seien abgeblockt worden, sagt die Verteidigung. In seiner Verzweiflung, so der Verteidiger weiter, habe sein Mandant dann gesagt, dass man jetzt ja nur noch das Heim und das Jugendamt gleich mit anzünden könne.

Verfahren eingestellt

Ob und inwieweit sich die Mitarbeiter des Jugendamtes tatsächlich bedroht gefühlt haben, kann während der Verhandlung nicht geklärt werden. Frau U., die die Wegnahme des Kindes veranlasst hatte und der die Drohung wohl in allererster Linie galt, hatte sich zum Prozesstermin entschuldigen lassen. Der Verteidiger verweist dann noch einmal auf die schwierige Situation, in der sich sein Mandant zum Tatzeitpunkt befunden hatte und beantragt die Einstellung des Verfahrens. Ganz ohne die Zahlung einer Geldauflage will dem der Staatsanwalt aber nicht nachkommen. „Sie müssen begreifen, dass das, was sie getan haben verboten ist“, mahnt er. 

Richter Heinz-Christian Mansch sieht hier ebenfalls eine Ausnahmesituation vorliegen. Er stellt das Verfahren gegen Tobias N. unter Zahlung einer Geldauflage vorläufig ein. 200 Euro muss der junge Familienvater an die Staatskasse entrichten. 

Tatsächlich scheint das Jugendamt mit der Wegnahme des Kindes falsch gehandelt zu haben. Denn obwohl das Familiengericht in Dippoldiswalde zunächst die Entscheidung der Behörde bestätigt hatte, kippte das Oberlandesgericht das Urteil wenig später und ordnete die sofortige Übergabe des Kindes an die Eltern an. Insgesamt eineinhalb Monate war Tobias N.s Töchterchen im vergangenen Jahr im Heim untergebracht, ehe es wieder zurück in die Familie durfte. 

http://www.sz-online.de/nachrichten/drohung-gegen-jugendamt-3394423.html