Sie haben mir dreimal Haus und Existenz umgeworfen, mich von jedem Einstigen und Vergangenen gelöst und mit ihrer dramatischen Vehemenz ins Leere geschleudert, in das mir schon wohlbekannte „Ich weiß nicht wohin“. Aber ich beklage mich nicht; gerade der Heimatlose wird in einem neuen Sinne frei, und nur der mit nichts Verbundene braucht auf nichts mehr Rücksicht zu nehmen. So hoffe ich wenigstens eine Hauptbedingung jeder rechtschaffenen Zeitdarstellung erfüllen zu können: Aufrichtigkeit und Unbefangenheit.

Quelle: Stefan Zweig, Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers, Anaconda Verlag 2013, S. 9f.

http://www.ipetitions.com/petition/kinderrechtejetzt/


Freitag, 20. Januar 2017

Hamburg: Fall Lara-Mia - noch zwei Wochen vor seinem Tod hatte Familienbetreuerin Marianne K. dem Mädchen allen Ernstes eine "gute Gesundheit" attestiert

Als der Vorsitzende Richter Georg Halbach am Donnerstagmorgen das Urteil verkündet, geht ein Raunen durch die Menge, die Miene des Angeklagten Daniel C. verfinstert sich. Denn der Schuldspruch ist vor allem eins: eine große Überraschung. Im Prozess gegen den Stiefvater des lebensbedrohlich unterernährten und im März 2009 verstorbenen Säuglings Lara Mia hat das Landgericht eine Freiheitsstrafe von drei Jahren und acht Monaten verhängt – die Große Strafkammer 27 hat damit das von der Staatsanwaltschaft beantragte Strafmaß von 20 Monaten mehr als verdoppelt. 

Die Tat liegt bereits sieben Jahre zurück, hat aber nichts von ihrem Schrecken verloren. Unter den Augen des Jugendamtes siechte in Wilhelmsburg ein Kind dahin, es magerte ab, bis die Rippen spitz hervorstanden. Jeder Laie konnte das sehen. Und doch – obwohl das Jugendamt seit der Geburt von Lara Mia eine Betreuung für die junge Familie mit zunächst zehn Stunden pro Woche installiert hatte – starb das neun Monate alte Mädchen. Am 11. März 2009 fanden Rettungssanitäter das Baby, blau angelaufen und tot, in seinem Kinderbettchen, inmitten von Müll und verdreckten Windeln.

Am Ende wog Lara Mia nur noch 4,8 Kilogramm

Zuvor hatten die Mutter Jessica R. und Stiefvater Daniel C. dem Kind über Monate zu wenig zu Essen gegeben, "bestenfalls die Hälfte der benötigten Kalorien", sagt Halbach. Wie es dazu kommen konnte, konnte in dem Verfahren nicht aufgeklärt werden, da der Angeklagte von seinem Schweigerecht Gebrauch gemacht hatte. Einen Anhaltspunkt dafür liefert indes eine lapidare Aussage, die Daniel C. kurz nach seiner Festnahme bei der Polizei gemacht hatte: Die Kleine sei "krüsch" gewesen, was Essen anging, sie habe eben nicht alles zu sich genommen. "Haben Sie sich denn viel um Lara Mia gekümmert?", wollten die Ermittler damals auch noch wissen. Antwort Daniel C. " Nicht wirklich, sonst wäre sie ja noch am Leben." Fatalerweise gingen die Eltern mit dem immer dünneren Baby nicht zum Arzt – wohl aus Angst, dass ihnen das Jugendamt das Kind entziehen könnte. 

Am Ende wog Lara Mia nur noch 4,8 Kilogramm, etwa die Hälfte dessen, was sie wiegen sollte. Versagt hatten aber nicht nur die Eltern, sondern auch das Jugendamt. So kontrollierte die Familienhilfe beispielsweise nicht, ob die Mutter die Vorsorgeuntersuchungen beim Arzt wahrgenommen hatte. Lara Mias Tante hatte das Jugendamt zudem mehrfach über die Verschlechterung des Gesundheitszustandes von Lara Mia informiert. Eine Kindeswohlgefährdung sah es indes nicht. Und: Noch zwei Wochen vor seinem Tod hatte Familienbetreuerin Marianne K. dem Mädchen allen Ernstes eine "gute Gesundheit" attestiert. 
  
2011 war Jessica R. zu drei Jahren Jugendstrafe verurteilt worden. An dem Prozess konnte Daniel C. nicht teilnehmen, weil er wegen einer psychischen Erkrankung verhandlungsunfähig war. Danach verbummelte die Justiz den Fall, die zuständige Kammer ließ das Verfahren mehr als drei Jahre liegen. "Wegen rechtswidriger Verfahrensverzögerung gelten deshalb sechs Monate der Strafe als bereits verbüßt", sagte Halbach. Die Höhe der Strafe hängt vor allem damit zusammen, dass das Gericht von einem bedingten Tötungsvorsatz des Angeklagten ausgeht. " Sicherlich war der Tod des Kindes unerwünscht", sagt Halbach, aber darauf komme es bei der Annahme eines Eventualvorsatzes auch nicht an.

Stiefvater habe Lara Mias Tod "billigend" in Kauf genommen

Spätestens am 6. Dezember, so Halbach, habe der Angeklagte erkannt, dass er das Kind durch die auch von ihm verschuldete mangelhafte Ernährung erheblich gefährdete, spätestens am 21. Februar sei ihm klar gewesen, dass das Baby in Lebensgefahr schwebte. Indem er nichts tat, um die Gefahr abzuwenden, habe er den Tod des Kindes billigend in Kauf genommen. "Der Angeklagte wusste, dass Lara Mia sterben konnte und fand sich mit dieser Möglichkeit ab." Dabei hatten Dritte ihn mehrfach auf die Gefahr hingewiesen, hatten Daniel C. gewarnt, wieder und wieder. Lara Mias Tante fällt die Verschlechterung des Gesundheitszustandes des Kindes auf – mehrfach informiert sie das Jugendamt darüber. 
Dieses sieht jedoch keine Kindeswohlgefährdung. Im Februar traf der Großvater von Lara Mia Daniel C. zufällig im Supermarkt. Er legte das Kind auf eine Gemüsewaage. Sie zeigte ein Gewicht von etwa fünf Kilogramm an – viel zu wenig für ein Baby dieses Alters und dieser Größe. Wenig später fiel auch einer Nachbarin der schockierende Zustand des Kindes auf. Statt die Behörden zu alarmieren, beließ sie es bei einer Ansprache des Angeklagten. Doch Daniel C., der als Stiefvater und damit als Garant für die körperliche Versertheit des Babys einstand, tat nichts: Aus Angst vor einem Kindesentzug durch das Jugendamt und die dann unvermeidliche Trennung von der Kindsmutter sei der Angeklagte, der wenig durchsetzungsstark sei und unter einer "Ich-Schwäche" leide, nicht zum Arzt gegangen, so Halbach. 

Auch auf die Einschätzung der Familienbetreuerin vom Rauhen Haus zwei Wochen vor dem Tod des Kindes, wonach das Baby einen gesunden Eindruck machte, habe sich Daniel C. keineswegs verlassen dürfen. Zumal er im Gegensatz zu der Familienbetreuerin, die Kleine auch ohne Bekleidung häufig gesehen habe – und damit das ganze Ausmaß der Mangelernährung praktisch jeden Tag vor Augen hatte. Das Gericht verurteilte Daniel C. nur deshalb wegen eines versuchten und nicht wegen eines vollendeten Tötungsdelikts, weil trotz dreier Gutachten nicht mit endgültiger Sicherheit geklärt werden konnte, ob Lara Mia verhungert ist.

Verteidigung will das Urteil anfechten

Viel deutet zwar darauf hin, doch mit einer kleinen Restwahrscheinlichkeit könnte die Todesursache auch plötzlicher Kindstod gewesen sein, so Halbach. Zudem hat das Gericht Daniel C. wegen gefährlicher Körperverletzung durch Unterlassen und der Verletzung der Fürsorge- und Erziehungspflicht schuldig gesprochen. Strafmildernd berücksichtigte die Strafkammer, dass die Tat schon länger zurückliegt, dass Daniel C. zum damaligen Zeitpunkt nicht vorbestraft war und er der "fehlerhaften Einschätzung durch das staatliche Betreuungssystem" unterlag. 

Strafschärfend fielen hingegen die "besondere Hilfsbedürftigkeit des Babys" und die " Deliktsverwirklichung über einen längeren Zeitraum" ins Gewicht. Eine Jugendstrafe sei hier nicht in Frage gekommen, da sich die Tathandlungen schwerpunktmäßig in der Zeit nach dem 21. Geburtstag des Angeklagten abgespielt hätten, so Halbach. Damit unterliege Daniel C. dem allgemeinen Strafrecht. 

Nach der Urteilsverkündung hastet Daniel C. aus dem Gerichtssaal, sein Verteidiger Ulf-Diehl Dreßler tritt vor die Kameras. "Wir werden das Urteil anfechten", sagt Dreßler. Aus seiner Sicht habe das Gericht die Tat rechtlich falsch eingeordnet. Sein Mandant habe nicht mit bedingtem Tötungsvorsatz, sondern "bewusst fahrlässig" gehandelt. Der Grund für Lara Mias Tod liege bei dem Versagen der Familienhelferin, die dem Angeklagten gesagt habe, es reiche aus zum Arzt zu gehen, wenn sie aus ihrem Urlaub zurück sei. 

Damit sei bewiesen, dass der Angeklagte "den Todeseintritt nicht billigend in Kauf genommen" habe. Schließlich müsse der "Lehrling nicht schlauer sein als der Lehrer", so Dreßler. Bereits 2010, nach dem ersten Verfahren gegen Jessica R. und Daniel C., hatte der Bundesgerichtshof den Fall zur erneuten Verhandlung nach Hamburg zurückverwiesen. Gut möglich also, dass der tragische Fall der kleinen Lara Mia die Hamburger Gerichte noch ein viertes Mal beschäftigen wird. 

München: Jugendamt hat offenbar hunderte Sozialpädagogen bezahlt, die nicht zum Einsatz kamen

Dem Sozialreferat steht neuer finanzieller Ärger ins Haus. Das Jugendamt hat offenbar zu Unrecht Verträge am Stadtrat vorbei geschlossen – und viel zu viele Sozialarbeiter für zu wenige junge Flüchtlinge beschäftigt. Dies legt nach Informationen dieser Zeitung der neue Revisionsbericht nahe, der heute dem Stadtrat zugeht.

Die Herausforderung fürs Jugendamt war gewaltig. Allein 2015 mussten 10 300 unbegleitete junge Flüchtlinge versorgt – und für die Inobhutnahme tausende Sozialarbeiter eingestellt werden. In der Hitze des Gefechts ging dabei offenbar nicht alles mit rechten Dingen zu, wie aus Verwaltungskreisen zu hören ist. Die Stadt könnte Millionen Euro zuviel bezahlt haben.

Ende 2014 hatte das Jugendamt mit 14 Jugendhilfe-Trägern – Vereinen wie Condrobs oder Heilpädagogisch-Psychotherapeutische Kinder- und Jugendhilfe (HPKJ) – die Inobhutnahmen vereinbart. Die Träger stellten viel Personal ein: ein Sozialarbeiter für fünf Flüchtlinge. Im Mai 2016 verbesserte das Jugendamt per Ergänzungsvertrag für neun Verbände den Schlüssel: Fortan betreute ein Mitarbeiter nur 2,5 Flüchtlinge. Damit näherte man sich dem fachlich für sinnvoll gehaltenen Standard. Eingerechnet sind etwa auch Aufgaben wie Alterseinschätzung oder Hausverwaltung.

Zu dem Zeitpunkt trafen bereits deutlich weniger Flüchtlinge ein. Doch Verantwortlichen zufolge war völlig unklar, wie sich die Lage im Herbst entwickeln würde – weswegen HPKJ-Chefin Angela Bauer es als „weitsichtig“ bezeichnet, dass so viel Personal vorgehalten wurde: „Die Feuerwehr baue ich auch nicht ab, weil es zwei Jahre nicht brennt.“ Am Jahresende waren lediglich etwas mehr als 2000 Jugendliche gekommen. Hunderte Sozialarbeiter saßen untätig herum. Rechtlich sei es unmöglich, sie etwa in Gemeinschaftsunterkünften einzusetzen, heißt es. Zugleich laufen viele Verträge bis Ende Juni dieses Jahres.

Laut Revisionsbericht durften Meier und Schön den Betreuungsschlüssel eigenmächtig verbessern. Allerdings hätten sie nicht das Finanzierungsmodell ändern dürfen, ohne den Stadtrat zu befassen. Üblicherweise läuft es so: Beauftragt die Stadt private Träger mit hoheitlichen Aufgaben wie der Flüchtlingsbetreuung, bezahlt sie die Sozialarbeiter – per Tagessatz für geleistete Arbeit. Als sich die Flüchtlingskrise zuspitzte, stellte das Jugendamt eigenhändig um: Ab Ende 2014 wurden die Sozialarbeiter pauschal finanziert. Die Verträge legten eine fixe Betreuerzahl fest, die die Stadt bezahlte. Sie übernahm damit ein Risiko, das die gemeinnützigen Verbände nicht schultern konnten. Doch der Stadtrat blieb bei der Entscheidung außen vor – womöglich auch, weil die Zeit drängte.

Doch als weniger Flüchtlinge kamen, wurde aus dem Risiko eine Gefahr. Zwar müssen die Träger monatlich zehn Prozent Personal abbauen – laut Bauer wurden inzwischen 80 Prozent reduziert. Doch die Abrechnungen seien höchst kompliziert, so die Verwaltung. Es könne kaum überprüft werden, wer wie viel gearbeitet hat. Zudem bekommt die Stadt zwar Flüchtlingskosten vom Bezirk erstattet – doch bislang nur nach Tagessatz-Modell, womöglich zu Ungunsten der Stadt.
Münchens Sozialreferentin Dorothee Schiwy.
Sozialreferentin Dorothee Schiwy (SPD), seit Juli im Amt, zeigt Verständnis für den Paradigmenwechsel in der Finanzierung: „Mit dem früheren System hätte man die Flüchtlingskrise wohl nicht bewältigt“, sagt sie. Zudem verweist sie auf die enorme Belastung des Jugendamts, das bundesweit die meisten Flüchtlinge aufgenommen habe: „Auf sowas war niemand vorbereitet.“ Schiwy sieht aber auch, dass man den Stadtrat hinzuziehen hätte müssen.
Verwaltungskreise rechnen mit enormen Zusatzkosten für die Stadt – Geld, das die Sozialarbeiter bereits als Lohn erhalten haben und das kaum von den Verbänden zurückforderbar sein dürfte. Stadt und Träger haben sich noch nicht geeinigt. Auf Schiwy kommt viel Arbeit zu: aufräumen, ein Controlling installieren – und ein Konzept entwickeln, wie das mit der Betreuung junger Flüchtlinge künftig läuft. Dazu will sie auch auf die großen Wohlfahrtsverbände zugehen.

https://www.tz.de/muenchen/stadt/kosten-in-millionenhoehe-muenchner-jugendamt-pfuscht-bei-vertraegen-7302070.html 


Hamburg: korrektes Vorgehen hätte wichtige Hinweise auf eine Kindeswohlgefährdung gegeben

http://rtlnord.de/nachrichten/pruefbericht-offenbart-betreuungspannen-bei-hamburger-jugendamt.html
Bei der Betreuung des schwer misshandelten Babys Deljo aus Hamburg-Osdorf durch das Jugendamt Altona sind eine Reihe von Fehlern gemacht worden. Die Jugendhilfeinspektion habe in einem Prüfbericht festgestellt, dass die Dokumentation Lücken aufweise und - wie im fast gleichzeitigen Misshandlungsfall Tayler - sogenannte Diagnoseinstrumente nicht vollständig eingesetzt worden seien, teilte die Sozialbehörde am Mittwoch mit. Ein korrektes Vorgehen hätte wichtige Hinweise auf eine Kindeswohlgefährdung und zur Situation der gesamten Familie geben können. Die Leiterin der Jugendhilfeinspektion, Gisela Schulze, sagte jedoch: „Das ist kein einfacher Fall.“

Deljo war im November 2015 nach Feststellung des Instituts für Rechtsmedizin fast zu Tode geschüttelt worden. Neben einem Schütteltrauma erlitt er nach früheren Angaben der Polizei einen Schädelbruch. Das lebensgefährlich verletzte Kind kam nach einer rettenden Notoperation in eine Pflegefamilie. Inzwischen ist der kleine Junge wieder weitgehend genesen. „Dem Kind geht's gut“, sagte der Sprecher des Bezirksamts Altona, Martin Roehl.

Die Staatsanwaltschaft nahm gegen die damals 25 Jahre alte Mutter und den 21-jährigen Vater Ermittlungen wegen versuchten Totschlags auf. Das Verfahren wurde aber am vergangenen 3. Januar eingestellt. Es habe nicht festgestellt werden können, wer für die Verletzungen des Kindes verantwortlich war, erklärte Oberstaatsanwältin Nana Frombach. Deljos vier Geschwister nahm das Jugendamt ebenfalls aus der Familie.

Aufgrund des Prüfberichts hat das Bezirksamt Altona das Jugendamt reorganisiert. Der gesamte Allgemeine Soziale Dienst werde in Altona in einem neuen Fachbereich zusammengefasst, hieß es. Er soll in diesem Monat seine Arbeit aufnehmen. Die Jugendhilfeinspektion habe eine umfangreiche Prüfung vorgenommen, erklärte Sozialsenatorin Melanie Leonhard (SPD). „Aus dieser Analyse ergibt sich der klare Auftrag, nicht nur das einzelne Kind, sondern die gesamte Familie und ihre Lebensumstände in den Blick zu nehmen.“ Künftig sollen misshandelte Kinder vor ihrer Rückgabe an die Eltern dem Institut für Rechtsmedizin vorgestellt werden. Absprachen zwischen Betreuern freier Träger und dem Jungendamt müssen schriftlich festgehalten werden. Bei der Betreuung gefährdeter Kinder soll der Allgemeine Soziale Dienst den regelmäßigen Besuch von Krippen und Kindergärten kontrollieren.


Freitag, 13. Januar 2017

300.000 € für ambulante Jugendhilfe ohne Rechnungsprüfung gezahlt?

Der vom Gericht festgesetzte vorläufige Streitwert liegt bei fast 300000 Euro. Auf welche Summe sich der Schaden für den Landkreis beläuft, ist nicht bekannt. Das Landratsamt klagt in dem Fall auf Schadenersatz. Ende März 2014 berichtete unsere Zeitung erstmals darüber. Um was geht es? Einer sozialpädagogischen Praxis aus Kaufbeuren sollen im Bereich der ambulanten Jugendhilfe Rechnungen ohne Prüfung beglichen worde seien. Bezahlt wurden offenbar auch Leistungen, die nie erbracht wurden.

Mit dem Fall haben sich auch die Staatsanwaltschaft und die Landesanwaltschaft beschäftigt. Sie prüften, ob ein Fehlverhalten von Mitarbeitern des Landratsamtes vorliegt. Zudem hatte ein Bürger die damalige Abteilungsleiterin wegen des Verdachts der Untreue angezeigt. Die Staatsanwaltschaft stellte das Ermittlungsverfahren gegen sie ein. Wie Landrat Thomas Eichinger auf Nachfrage unserer Zeitung sagt, hat auch die Landesanwaltschaft ihre Ermittlungen gegen die Verwaltungsdirektorin beendet. Wie bereits berichtet, tauschte sie nach Bekanntwerden der Vorfälle ihre Position und wurde Leiterin der Abteilung Öffentliche Sicherheit und Ordnung. Auf eigenen Wunsch, wie seinerzeit offiziell vom Landratsamt verlautbart wurde.

Im August 2014 hatte das Landratsamt die Praxis auf zivilrechtlicher Ebene auf Schadenersatz verklagt, damit mögliche Ansprüche nicht verjähren. Ein Vergleichsangebot war abgelehnt worden. Es sei lediglich ein anderer Abrechnungsmodus vorgeschlagen worden. Beim Prüfen des Vergleichsangebots hatten die Mitarbeiter des Jugendamts die komplexen Berechnungen der Leistungen sichten mussten, darunter allein über 200 Stundenzettel.

Auch das zuständige Verwaltungsgericht in Augsburg tut sich offenbar schwer bei der Beurteilung des Sachverhalts. Im September 2015 hatte es eine Aufstellung sämtlicher Rechnungen gefordert. Zwei Monate später legte das Landratsamt zwei umfangreiche Tabellen vor, in denen alle Tätigkeitsnachweise sämtlicher Pädagogen der Praxis aufgelistet wurden. Im Mai vergangenen Jahres forderte das Gericht einen weiteren Sachvortrag und eine Stellungnahme. Das Landratsamt ist dem nachgekommen, teilt sein Pressesprecher Wolfgang Müller mit. Allein die beklagte Praxis habe sich geweigert, die Tätigkeitsnachweise für das Jahr 2010 vorzulegen. Zudem habe sie mitgeteilt, die zuvor vom Landratsamt vorgelegten Tabellen mit Schadensberechnung und Betreuungsfallzeiten nicht zu verstehen.

Im Oktober 2016 trennte das Gericht das Verfahren ab, um es zu beschleunigen, wie das Landratsamt mitteilt. Nun würden das Abrechnungsjahr 2010 und der Zeitraum von Januar 2011 bis August 2012 getrennt betrachtet. Allerdings habe das Gericht auf Nachfrage auch mitgeteilt, dass es bislang noch keine Zeit gefunden habe, jeden einzelnen Fall daraufhin zu überprüfen, ob weitere Informationen fehlen.

Und wann beginnt die mündliche Verhandlung? Pressesprecher Müller verweist auf eine Antwort des Verwaltungsgerichts an das Landratsamt vom Dezember. Der zuständige Richter habe mitgeteilt, dass die Kammer derzeit mit Asylverfahren überlastet sei. Es sei daher nicht mit einer kurzfristigen Terminierung zu rechnen. 

...
Bezahlt - und nichts bekommen - weiter lesen auf Augsburger-Allgemeine: http://www.augsburger-allgemeine.de/landsberg/Bezahlt-und-nichts-bekommen-id40166797.html

Lara-Mia könnt noch leben

Im Prozess um den Tod der lebensbedrohlich unterernährten Lara Mia hat die Staatsanwaltschaft am Montag eine zur Bewährung ausgesetzte Freiheitsstrafe von 20 Monaten beantragt. Die Verteidigung stellte keinen konkreten Antrag, sie forderte eine Jugendstrafe, die noch zur Bewährung ausgesetzt werden kann. Seit November muss sich Daniel C. (28), Stiefvater des neun Monate alten Babys, wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung durch Unterlassen sowie Verletzung der Fürsorge- und Erziehungspflicht vor Gericht verantworten. Lara Mia war am 11. März 2009 tot in einer Wilhelmsburger Wohnung aufgefunden worden, in der Daniel C. zusammen mit Kindsmutter Jessica R. lebte.

Das Leben des Kindes hätte wohl gerettet werden können

Seit Oktober 2008 sei das Kind nicht mehr ausreichend ernährt worden, es habe an Gewicht verloren, spätestens im Dezember sei der Mangel nicht mehr zu übersehen gewesen, sagte die Staatsanwältin.

Daniel C., der als Garant für das Wohl und die Versorgung des Kindes einstand, habe sich aber – trotz Warnungen aus dem Umfeld – weder an einen Arzt, noch an die Behörden gewandt. "Lara Mia war darauf angewiesen, dass ihre Grundbedürfnisse erfüllt werden, das ist nicht geschehen", sagte die Staatsanwältin. Gleichzeitig machte sie deutlich, dass das Leben des Kindes vermutlich hätte gerettet werden können, wenn man frühzeitig eingegriffen hätte.

Es sind Menschen aus dem näheren Umfeld des verstorbenen Babys – die vom Jugendamt eingesetzte Familienbetreuerin Marianne K., die Schwestern der Kindesmutter, der Großvater, eine Nachbarin –, denen Verteidiger Ulf-Diehl Dreßler eine "moralische Schuld in unterschiedlichen Abstufungen" vorwarf. Die Gründe dafür, dass sein Mandant nicht handelte, seien auch in seiner schwachen Persönlichkeit zu suchen: Wäre er damals zum Arzt gegangen mit Lara Mia, hätte wohl das Jugendamt der Mutter das Baby entzogen – dann aber hätte auch Daniel C. seine geliebte Freundin verloren.

Baby wurde seit seiner Geburt vom Jugendamt betreut

"Das alles hatte Züge einer Tragödie", sagte Dreßler. Weil es am Tötungsvorsatz fehlte und der Angeklagte auch nicht mit "dem Eintreten des Taterfolgs" – also dem Tod des Kindes – gerechnet habe, sei rechtlich ein versuchtes Tötungsdelikt auszuschließen. Der Tat zugrunde liege eine "bewusste Fahrlässigkeit".

Nach Lara Mias Tod hatte es schwere Vorwürfe gegen die Behörden gegeben, zumal das Baby seit seiner Geburt vom Jugendamt betreut worden war. Der Prozess konnte wegen Verhandlungsunfähigkeit des Angeklagten jahrelang nicht terminiert werden. Das Urteil wird am 19. Januar verkündet.