Samstag, 28. März 2015

Nachricht für Leonie: Geburtstagsgrüße, diesmal aus der Nähe

Einen großen Dank an eine nicht namentlich genannt werden wollende Person!

Und an deine Urgroßmutter, die dieses Mal das Zepter führte!

Danke an Christa, die eine Ahnung hatte, was mit deinem Geschenk passieren wird!

Und an Richter Schulz für die Zurücksendung!

Aber Geschenke gibt man nicht zurück, das gehört sich einfach nicht. Was für eine schlechte Kinderstube!

Jedes Jahr das Gleiche und trotzdem machen wir weiter...

Wer nicht hören will, bekommt Post von uns!


Und nicht nur ich, da gibt es noch viel mehr Menschen!

Ein großen Dank an alle, die dieses Jahr mitgeholfen haben und die alle in Deutschland zu Hause sind. Na nicht ganz, aber fast!  Deine Urgroßmutter war kaum zu bremsen und ist froh etwas tun zu können. So konnte ich deinem Geburtstag ganz entspannt entgegensehen und ihn auch verbringen.







Vermüllte Wohnung in Osnabrück - Kritik am Jugendamt

Fassungslos standen Jenny Weitzmann und Kamil Alarslan in der vergangenen Woche in der Wohnung, die ihre Mieter Hals über Kopf und völlig verdreckt hinterlassen hatten. Dass in dieser Wohnung auch ein vierjähriges Kind lebte, können sie erst recht nicht fassen und werfen dem Jugendamt Untätigkeit vor. 

„Bei unserem letzten Kontakt gab es keinen Hinweis auf Kindeswohlgefährdung“, sagte Hermann Schwab, Leiter des Fachbereiches für Kinder, Jugendliche und Familien, auf Anfrage der Redaktion. Aus Datenschutzgründen kann er nur bestätigen, dass seine Behörde „geeignete Schritte“ eingeleitet habe.

Ein Plan, in dem der Tagesablauf des kleines Sohnes täglich von 6 bis 19 Uhr minutiös festgehalten ist, lässt auf eine Beteiligung durch das Jugendamt oder eine andere Stelle schließen. Ob die Mutter Hilfsangebote angenommen hat, darf Schwab nicht sagen. Einem Bericht im NOZ-Archiv ist zu entnehmen, dass die Mutter vor einigen Jahren an einem Kochkurs des Kinderschutzbundes teilgenommen hat, also offensichtlich zur Zusammenarbeit mit sozialen Einrichtungen bereit war.

Verdreckter Herd

Ihre damalige Angabe, dass sie Wert auf gesundes Essen lege und täglich frisch koche, lässt beim Anblick des völlig verschmiertes Herdes in der Küche ihrer alten Wohnung stutzen. Dass der Herd benutzt wurde, steht außer Frage. Gereinigt wurde er aber offensichtlich so gut wie nie. Der Zustand der Wohnung ist katastrophal.

Jenny Weitzmann und Kamil Alarslan hatten nach zweieinhalb Jahren die Wohnung mit Hinweis auf Eigennutzung zum 1. April gekündigt. Als die Mieter am 21. März nicht wie vereinbart zur Schlüsselübergabe erschienen und aus der Wohnung übler Gestank kam, ließen sie die Tür im Beisein von Zeugen durch einen Schlüsseldienst öffnen.

Generalrenovierung nötig

Alle Zimmer sind komplett verdreckt und mit Müll vollgestellt. In den Küchenschränken haben sich Insekten eingenistet. Unter den Mülltüten leben Maden. Dicke Staubfäden ziehen sich durch alle Zimmer. Eine Generalrenovierung, bei der die Böden und die gesamte Vertäfelung komplett erneuert werden müssen, bleibt an den Vermietern hängen. Jenny Weitzmann rechnet mit 10000 bis 15000 Euro Kosten. Die bisherigen Mieter leben von Arbeitslosengeld II. Sie können nicht zur Finanzierung herangezogen werden.

Auf Anfrage der Redaktion erläuterte Schwab das Vorgehen des Jugendamtes bei Hinweisen auf Kindesvernachlässigung. Hausbesuche seien nur möglich, wenn die Eltern einverstanden seien. Im Mittelpunkt stehe die Zusammenarbeit mit den Eltern. Nur in einem akuten Notfall könne die Wohnung mithilfe der Polizei betreten werden.

Regelmäßig im Kindergarten

Um sichere Informationen zu bekommen, wendeten sich die Mitarbeiter auch an Kindergärten und Schulen. Erzieher und Lehrer könnten wichtige Hinweise über den Gesundheitszustand der betroffenen Kinder geben. Aus seinen Worten klang heraus, dass der Vierjährige regelmäßig den Kindergarten besuchte und keine gesundheitlichen Beeinträchtigungen hatte. Dass das Jugendamt erneut Kontakt zur Familie aufgenommen hat, berichtet die ehemalige Vermieterin.

Donnerstag, 26. März 2015

Nachricht an Leonie: Einen schönen 12. Geburtstag!



Vieles ist im letzten Jahr passiert und viele Dinge haben sich geändert, nur eines nicht, meine Liebe zu Dir. Und genau damit wollte man mich im Juli 2014 erpressen. Aber ich bin nicht erpressbar.

Es ist furchtbar, wenn sich die schlimmsten Befürchtungen bewahrheiten und ein Alptraum, nichts dagegen unternehmen zu können. Nun, Geduld ist eine Tugend und die habe ich Gott sei Dank. Zwei Jahre noch, dann startet die nächste Runde, um dir zu deinem Recht zu verhelfen.

Also sehe ich es positiv, dass du wieder ein Jahr älter geworden bist. Jedes Jahr, welches vergeht, lässt uns einander ein Stück näher kommen.

Liebe Leonie, ich gratuliere Dir heute sehr herzlich zu deinem 12. Geburtstag. Leider kann ich heute nicht persönlich bei Dir sein. Trotzdem möchte ich Dir alles Gute und viel Gesundheit und Glück wünschen. Ich wünsche Dir, dass sich all deine Träume erfüllen und du glücklich bist.

Es kommt von Herzen, das sage ich Dir und wünschte Du wärest heute bei mir.

Mittwoch, 25. März 2015

Bremen: Der Fall des Baby's Christian - die Familie muss weg

Am Sonntag sind die Orlowskis noch mal auf’m Deich spazieren gegangen, schön durchpusten lassen, ist ja vom Haus in Cuxhaven nur einen Steinwurf rüber. Montags haben die Ruheständler dafür keinen Kopf. Montags haben sie zu tun, „das ist ein Arbeitseinsatz“, sagt Sabine Orlowski.
„Ein Arbeitseinsatz für unseren Enkel.“ Christian heißt der, bald zehn Monate ist er jung. Anfangs hat er hier gewohnt. Wie er aussieht, jetzt, das wissen sie schon gar nicht mehr. 


Der Arbeitseinsatz beginnt schon früh am Morgen: In der Wohnküche schaut Sabine Orlowski mit ihrem Mann Rüdiger noch mal die Rede durch, auf der Sitzecke unter den zwei großen Rahmen mit Kinderfotos. Dann checken sie die E-Mails. Sie telefonieren, um die Mitstreiter bei der Stange zu halten. 

Sie packen das Megafon in den Kofferraum, die Transparente, die Plakate auch und die Flugblätter, und dann auf, auf!, jetzt müssen sie sich schon sputen. Sie wollen ja pünktlich sein, in Bremen, zum Demonstrieren.

Jeden Montag geht das jetzt so, seit einem Monat, und jedes Mal führt die Strecke vom Sitz der Sozialsenatorin zum Rathaus, wo dann um 17.30 Uhr Schluss ist. Mit dem Wetter hatten sie bisher immer Glück. Auf jeden Fall starten sie immer vorm Jugendamt, am zugigen Rembertiring. 

Da stehn sie dann im Straßenmief, zusammen mit einer Handvoll Leidensgenossen, mit Nachbarn, Freunden und alten Kollegen, dicht an die Hauswand quetschen sie sich, damit bloß ja die Radler vorbeirauschen können, die mit wütendem Pling! freie Fahrt einfordern. Sie stehen dort, bilden ein Spalier, damit der Eingang frei bleibt. 

Neulich hatte jemand ’ne Trommel dabei. Und sie werden auch heute wieder da sein, „selbstverständlich!“, versichert Rüdiger Orlowski. „Da müssten die mich schon wegholen für.“ 

Das ist nur halb ein Witz. Denn: Beim Jugendamt sind sie genervt von den Orlowskis, das weiß er, und haben sich beim Stadtamt beschwert, man könne ja nicht mehr arbeiten, der Amtsfriede sei gestört, wenn die da am Montagnachmittag vor der Tür ihre Schilder hochhalten, die pensionierte Bio- und Mathe-Lehrerin Flyer verteilt und der pensionierte Sport- und Deutsch-Lehrer durchs Megafon seine Empörung kundtut, seine Empörung und seinen Zorn, und dabei manchmal sogar den Verkehrslärm übertönt.

Die Orlowskis sollen das lassen, findet man beim Jugendamt. Die sollen da weg. Die Familie stört. Aber die Orlowskis sind schon am richtigen Ort. Denn sie demonstrieren ja gegen das Jugendamt. Das hat ihnen den Enkel geklaut, sagen die Orlowskis. Ihnen, und vor allem ihrem Sohn Florian das Kind, den Sohn Christian. 

Geklaut, naja – also weggenommen auf jeden Fall. Das kann auch das Amt nicht bestreiten. Tatsächlich steigt die Zahl der Inobhutnahmen in ganz Deutschland. Und in Bremen, wo der Spardruck einst den Tod des Kindes Kevin mitverursacht hatte, ist das Pendel längst auf der Gegenseite angekommen. 

Schon kurz nach Amtsantritt hatte Sozialsenatorin Anja Stahmann (Grüne) die Landesregierung dafür gefeiert, dass sie „80 Prozent mehr für Inobhutnahmen“ ausgebe. Im vergangenen April war ihr wichtig klarzustellen, dass keine andere Stadt so viele Kinder in Heimen und Pflegefamilien unterbringt. Auch wenn sie noch darauf hinweist, dass die Inobhutnahme immer das letzte Mittel sein muss – im Jugendamt liest man die Zahl längst, wie eine Produktivitätsziffer. 

Sehr schön belegt das ein Posting ausgerechnet des Bürgerbeauftragten des Amtes für Soziale Dienste: An den soll man sich wenden, wenn man Probleme hat, mit den Maßnahmen der Behörde. Auf Facebook hat er eine Nachricht über die rasante Steigerung der jugendamtlichen Gefährdungseinschätzungen eingestellt. Und er hat sie kommentiert. „Wow, sind wir fleißig!“, schreibt er. Sehr kurz, sehr knackig. 

Und sehr prägnant
.
„Um eine Trennung des Kindes von den Eltern zu rechtfertigen“, so hat das Bundesverfassungsgericht erst kürzlich noch einmal klargestellt, „muss das elterliche Fehlverhalten ein solches Ausmaß erreichen, dass das Kind bei einem Verbleiben in der Familie in seinem körperlichen, geistigen oder seelischen Wohl nachhaltig gefährdet ist.“

Da muss bereits ein Schaden eingetreten sein, „oder eine Gefahr in einem solchen Maße bestehen, dass sich eine erhebliche Schädigung mit Sicherheit voraussehen lässt“. 

Nichts davon lässt sich auch nur ansatzweise im Fall Orlowski beobachten. „Es gibt hier keinerlei konkrete Vorwürfe, die den Eingriff begründen könnten“, bestätigt Orlowskis Fachbeistand, Klaus-Uwe Kirchhoff, ein freiberuflicher Sozialarbeiter, der in ganz Deutschland Betroffene von Kindswegnahmen unterstützt. 

„Das ist schon ein Skandal.“ Zumal, weil sich beobachten lässt, wie das Amt versucht, Gründe nachträglich zu konstruieren: Es interpretiert das Verhalten – nicht konstruktiv, latent aggressiv, unkooperativ und sogar „kompetenzanzweifelnd“. Es belehrt den empörten Vater, dass „die Sicherung des Kindeswohls nicht seine Aufgabe“ sei. Und: Es bezichtigt. Da wird einfach mal so vermutet, der Kindsvater habe seinen Sohn entführen wollen, „immerhin eine schwere Straftat“, sagt Anwalt Thomas Saschenbrecker. 

„Einfach angedichtet.“ Konkrete Verdachtsmomente, auch nur Hinweise – Fehlanzeige. Hätte das Amt sie, müsste es ja die Staatsanwaltschaft einschalten. Aber einfach in die Akte schreiben, das kostet ja nix. 

Und von dort wandert der Inhalt, er verwandelt sich fast ganz ungebrochen durch Zeugenaussagen und unbehelligt von Beweismitteln in die Form richterlicher Beschlüsse: Auch um diesen Mangel der Verfahren zu heilen, dass hier Behörde und Rechtsprechung so eng und kontinuierlich miteinander zusammenwirken wie nirgends sonst, hat man im Familienrecht die Möglichkeit geschaffen, vom Amtsgericht zum Bundesverfassungsgericht zu springen. „Wir werden wohl direkt nach Karlsruhe ziehen müssen“, kündigt Anwalt Saschenbrecker an. 

Was bleibt ihm auch übrig. Im Amt, da schreiben sie die Orlowskis einfach weiter mies, die Großeltern und den jungen Papa. Dass der „an einer öffentlichen Kundgebung seiner Situation interessiert“ sei, findet die Sachbearbeiterin total unangebracht. „Für mich“, schreibt sie gallig ans Amtsgericht, „kommt daher eine Rückführung in den väterlichen Haushalt und auch in den der Großeltern (die die Kundgebung offiziell angemeldet haben: Sabine Orlowski – Großmutter des Kindes) […] nicht in Frage.“ Wer demonstriert, soll kein Kind haben. Das Argument scheint auch der Familienrichterin schlüssig. 

Aggressiv? Massiv? Also, wenn das eine Rolle spielen würde: Dieser junge Mann mit der hohen Stirn und den rötlichen Haaren wirkt im Gespräch manchmal fast lethargisch, eher zu sanft. 

Wenn Florian Orlowski nach Hause kommt, von der Arbeit, abends, in die kleine Wohnung in der Bremer Neustadt, dann herrscht da Stille. Da schreit kein Baby. Da wartet nur die Post, stapelweise. Briefe vom Anwalt, Briefe vom Fachbeistand, das sind noch die guten, dann vom Familiengericht und der ganze Behördenkram, „es ist schon gut zu tun“, sagt er. 

Und wenn die Post erledigt ist, dann sitzt man da und macht sich so seine Gedanken und sucht nach Gründen, nach Motiven. Und natürlich denkt man dann irgendwann daran, dass das Ganze ja auch eine materielle Seite hat: In Bremen sind die Ausgaben für Hilfen zur Erziehung von 70,5 Millionen Euro im Jahr 2006 auf rund 161,8 Millionen im Jahr 2013 gestiegen, doch, man kann sagen: Das ist ein wirtschaftlich relevanter Sektor. 

Auf dem ist im Auftrag der Sozialsenatorin die Pflegekinder in Bremen GmbH als Monopolist tätig. Sie verwaltet die Auswahl und Vermittlung der Pflegeeltern und der aktuell 2.679 Kindern und Jugendlichen im System. Die Verwaltungsarbeit kostet richtig Geld: Pro Fall werden etwas über 60.000 Euro jährlich aufgewendet. Eine Pflegefamilie bekommt maximal 15.840 Euro jährlich – also Anerkennung plus Versorgungspauschale. Macht eine Differenz von 44.000 Euro pro Fall. 

Über 44.000 Euro mal 2.679 Fälle lässt sich schon eine ganze Weile grübeln. 

Und manchmal macht man sich auch Vorwürfe. Denn natürlich, er war’s ja selbst, der sich mit seiner Freundin, der Mutter des Kindes, ans Amt gewandt hatte: Derselbe Florian Orlowski, dem nun per Gerichtsbeschluss aufgrund allein der Aussage der Sachbearbeiterin unterstellt wird, er lehne Hilfeangebote des Jugendamtes ab, der ist mit ihr zur Beratungsstelle West gegangen. Die hat das hilfesuchende Paar einfach nur weggeschickt. 

Gesichert ist, dass es dem Kind gut ging, draußen in Cuxhaven, im Haus der Großeltern, die ersten acht Wochen seines Lebens, als sich Florian Orlowski um ihn kümmerte. Das haben ihm sogar die Bremer Amtspersonen bestätigt, als sie per Taxi rausgefahren kamen, um unter Polizeischutz, zwei Streifenwagen, Beamte in voller Montur, den Säugling rauszuholen, ihn ins Heim zu stecken, von wo aus er schließlich in eine Pflegefamilie gekommen ist. 

Wohlauf sei das Baby gewesen, Datum, Ort und zwei Unterschriften. Und dass der junge Mann ein begeisterter Papa sein kann, das sagen alle, die ihm dabei zugesehen haben: wie er mit dem Kleinen zugange war, ihn wickelte, ihn badete, Spaziergänge machte, das Fläschchen, und in der Nacht, wenn die Blähungen einsetzen, da muss ja auch jemand wach sein, das Baby aus dem Stubenwagen heben, es rumtragen und ihm zureden: Wird ja alles gut, Krissi, wird schon wieder gut. 

Wird nicht gut. Nicht mehr. Und noch nicht: Mit der Liebe ist es aus, die Beziehung zwischen Kindsmutter und -vater hat den Beistand durchs Amt nicht verkraftet. Während sie begleiteten Umgang hat, bekommt er seinen Sohn seit Monaten nicht zu sehen, „wir kriegen noch nicht mal Fotos von Krissi“, sagt Florian Orlowski. Aber die Geschichte hat noch keine Ende. 

Rüdiger und Sabine Orlowski packen auch an diesem Montag wieder ihre Demo-Sachen ein. Solange man sie nicht wegsperrt, werden sie weiter vors Jugendamt ziehen. Er wird wieder eine Rede halten. Sie wird wieder Flyer verteilen. Es wird wieder keiner rauskommen, auch aus der senatorischen Behörde wird sich niemand blicken lassen und aus dem Rathaus nicht. Wenn’s schön ist, ergeben sich vielleicht noch Gespräche, am Markt. Und am Abend packen sie ihre Sachen ins Auto und fahren nach Hause, und so ist es jetzt.

http://www.taz.de/!156889/ 

Sonntag, 22. März 2015

Fall Alessio: Landrätin gibt Ausschussvorsitz ab


Es geht um den Tod eines kleinen Jungen: Der Kreistag des Kreises Breisgau-Hochschwarzwald will sich nicht vorwerfen lassen, in der Aufarbeitung des Falls Alessio übereilt zu handeln.

Deshalb hat der von ihm eingesetzte Begleitausschuss in seiner ersten Sitzung am Donnerstag noch nicht festgelegt, welcher Gutachter untersuchen soll, wie das Jugendamt mit dem Schutz des Dreijährigen aus Lenzkirch umgegangen ist. Der Junge war Mitte Januar gestorben; des Totschlags verdächtig ist sein Stiefvater. Die Kreisräte wollen erst entscheiden, wenn sich ihnen auch der zweite Bewerber für das Gutachten vorgestellt hat. Beschlossen ist aber die Expertengruppe, die die Verfahrensweisen des Jugendamts generell untersuchen soll. Die Experten, aber auch die Mitglieder des Begleitausschusses erhalten dazu ständige Akteneinsicht. Denn die Kreisräte zeigten sich unzufrieden damit, wie die ihre Akteneinsicht Anfang Februar gelaufen war.

Der Begleitausschuss wird künftig vom Ersten Landesbeamten geleitet. Landrätin Dorothea Störr-Ritter kam einem entsprechenden Antrag der Freien Wähler zuvor und erklärte ihren Rückzug vom Vorsitz – dessen erste Sitzung sie nichtsdestotrotz bis zum Schluss leitete.

Dienstag, 17. März 2015

Fall Alessio: Jugendamt hat Fehler gemacht

"Gewissenhaft und sorgfältig": So hat Landrätin Dorothea Störr-Ritter (CDU) beschrieben, wie das Jugendamt ihres Kreises Breisgau-Hochschwarzwald im Fall des dreijährigen Alessio aus Lenzkirch vorgegangen sei. Der Prüfbericht des Regierungspräsidiums vermittelt, obwohl er sich auf rechtliche Aspekte beschränkt, einen anderen Eindruck: An wichtigen Entscheidungen des Jugendamts übt er Kritik – Entscheidungen, die verhindert haben, dass das Kleinkind von seinem jetzt des Totschlags dringend verdächtigen Stiefvater getrennt wurde.
In der Kinderklinik der Universität Freiburg waren die Ärzte entsetzt über die schweren Verletzungen, mit denen Alessio im Juli 2014 eingeliefert worden war. Rasch war klar, dass es Misshandlungen waren. Obwohl die Klinik Strafanzeige ankündigte, hielt man im Jugendamt den Ball flach: Zwar schloss man eine Rückkehr des Kindes auf den Bauernhof des Stiefvaters in Lenzkirch zunächst aus, stufte das Ganze aber nicht als "komplexen Fall" ein.
Informationen kamen nicht an

Eine Begründung dafür konnte das Regierungspräsidium laut seinem Bericht, der der BZ vorliegt, in den Akten aber nicht finden. Ohne diese Einstufung kann aber nach den Vorschriften, die sich das Landratsamt gegeben hat, die Information der Fachgruppenleitung und anderer Leitungsebenen unterbleiben.
 
Doch denen blieb wohl auch anderes vorenthalten. Das Regierungspräsidium vermutet, dass die ausführliche Stellungnahme der Kinderklinik zu Alessio "weder von der Dezernentin noch der Fachbereichsleitung beziehungsweise Fachgruppenleitung gelesen oder nachträglich zur Kenntnisnahme vorgelegt" worden ist. Gleiches geschah der Einstellungsverfügung der Staatsanwaltschaft im Ermittlungsverfahren gegen den Stiefvater vom 8. Oktober, in der "Maßnahmen des zuständigen Jugendamtes zum Schutz des dreijährigen Kindes für dringend geboten" gehalten werden. Auch das las man, vermuten die Prüfer, nur in der Jugendamtsaußenstelle Titisee-Neustadt, nicht in der Zentrale. Rechtswidrig ist das freilich nicht, weil ja der Fall Alessio nicht "komplex" ist. Aber angemessen?  

Zentrale Figur ist der Sachbearbeiter des Falles. Wenn der Bericht des Landratsamts vollständig ist, dann ist der Mann der Einzige im Jugendamt, der Kontakt mit Alessios Familie hatte. Alle Einschätzungen der angeblichen Kooperation des Stiefvaters beruhen auf seinen Beobachtungen. Dies hat das Landratsamt auf Anfrage der BZ indirekt bestätigt. Er war quasi das Auge des Teams, das im Fall Alessio eigentlich nach dem "Mehraugenprinzip" entscheiden sollte – ein Team, das sich bei seinen Einschätzungen mangels eigener Eindrücke stets auf den Sachbearbeiter verlassen musste. Und dem zwar drei oder vier Personen angehörten, die aber mit Ausnahme des Sachbearbeiters immer wieder wechselten.

Eine fragwürdige Variante des Mehraugenprinzips – findet Ludwig Salgo, Seniorprofessor für Familien- und Jugendrecht an der Uni Frankfurt: "Das vorgeschriebene Zusammenwirken mehrerer Fachkräfte bedeutet meines Erachtens in einer solchen Konstellation, dass sich zumindest zwei Fachkräfte einen unmittelbaren persönlichen Eindruck von der Lage und den beteiligten Personen, vor allem von ihrer Interaktion verschafft haben. Das gegenseitige Korrektiv würde entfallen, wenn nur eine Fachkraft sich unmittelbare Eindrücke verschaffen würde. Zudem widerspricht ein ständiger Wechsel im Fachteam der vom Gesetz beabsichtigten kontinuitätssichernden Hilfeplanung."
 
"Das Zusammenwirken mehrerer Fachkräfte läuft leicht ins Leere", sagt auch Heinz Kindler, der am Deutschen Jugendinstitut in München den Bereich Familienhilfe und Kinderschutz leitet, "wenn nur eine Fachkraft die Beteiligten und die Situation aus eigener Anschauung kennt". Dann gebe es oft keine Chance, Fehlwahrnehmungen zu korrigieren.

Für die positiven Einschätzungen des Stiefvaters, auf die sich das Landratsamt auch in seinen Rechtfertigungen nach Alessios Tod berufen hat, fehlt dem Regierungspräsidium wiederholt schlicht die Begründung. Da konnte der Stiefvater wesentliche Teile des Hilfsprogramms ablehnen, ebenso den weiteren Einsatz der Sozialpädagogischen Familienhilfe – der Sachbearbeiter sprach dennoch von einer "erkennbar vorhandenen" Mitwirkungsbereitschaft. Die Rechtsaufsicht dazu: "Es lässt sich aus der Akte nicht nachvollziehen, welche Überlegungen seitens des Jugendamtes dazu geführt haben, bei dieser Sachlage dennoch eine Mitwirkungsbereitschaft zu diagnostizieren, die unter anderem den Verbleib des Kindes in der Familie rechtfertigt."

Der Mann hatte sich bei Stress nicht unter Kontrolle

Im Gegenteil: Die ablehnende Haltung des Stiefvaters lasse zweifeln, dass er es ernst meinte mit seinen Beteuerungen, er wolle sich ändern. Zumal für diese Änderung – die Uniklinik hatte eine nicht ausreichende Impulskontrolle des Mannes in Stresssituationen gesehen – noch keinerlei Therapie erfolgt sei. Aber in den Akten des Jugendamts taucht diese Diagnose ohnehin nicht mehr auf – obwohl Helfer von außen darauf hinwiesen, dass der Mann Stresssituationen nicht gewachsen sei, wie sie bei einer kranken Frau, zwei Kleinkindern und einer Menge Vieh im Stall häufig auftreten können.

Im Dezember wurde die Lage auf dem Hof schwieriger, dennoch reagierte das Jugendamt nicht: "Eine neue, an die geänderte Situation angepasste Gefährdungsanalyse lässt sich der Akte nicht entnehmen", so das Regierungspräsidium. Das Jugendamt verweist immer wieder auf die Hilfe der Großfamilie insbesondere des Stiefvaters, aber auch der Kindsmutter. Das Regierungspräsidium vermisst jedoch die Verbindlichkeit dieser Hilfen.

All diese kritischen Fragen, die das Regierungspräsidium aufgrund der Protokolle stellt, sie alle hätten schon im Team diskutiert werden können. Doch von solchen Diskussionen erfährt man aus den Akten so gut wie nichts. Das Mehraugenprinzip, das andere Blicke auf den Fall, ein Denken in Alternativen ermöglichen und so den einzelnen Sachbearbeiter von seiner Verantwortung entlasten soll, ist, so scheint es, ein formaler Akt geblieben. Ob dies gängige Praxis im Jugendamt ist, werden die angekündigten Untersuchungen von Experten zeigen.

Räumliche Trennung wurde nicht durchgehalten

Nichts auszusetzen hatte das Amt dagegen daran, dass Alessio, obwohl mit ihr nicht verwandt, nach seiner Entlassung aus der Klinik bei der Großmutter des 32-jährigen Stiefvaters untergebracht war – trotz deren fortgeschrittenen Alters. Die Entscheidung, sagt nun das Landratsamt, "war die Wahl des mildesten Mittels" für die Kinder. Die räumliche Trennung vom Stiefvater bis Mitte Oktober wurde aber nicht durchgehalten. Wie das Amt mitteilt, besuchte der Stiefvater, gegen den damals wegen Misshandlung ermittelt wurde, seine Großmutter und damit auch das Kind. "Zum Ausmaß der Umgangsbefugnis gab es Absprachen, die auch durchgesetzt wurden", so das Landratsamt.

Laut Akte vom 1. August seien die Besuche unter Aufsicht erfolgt – der Aufsicht der Großmutter. 21 Tage später, am 22. August, stellt sich das Team freilich die (in dem Protokoll nicht beantwortete) Frage, ob die Großmutter eher gegenüber dem Stiefvater oder dem Amt loyal sei.

Der Prüfbericht des Regierungspräsidiums kommt zu vielen kritischen Anmerkungen im Umgang mit dem Fall Alessio. In der Pressemitteilung dazu ist allerdings nicht viel zu lesen – sie wurde aus "datenschutzrechtlichen Gründen" weich gespült. Deshalb ist da nur von der Bitte die Rede, das Landratsamt möge die Gefährdungseinschätzung intensiv aufarbeiten. Am 11. März soll der Kreistag zu dieser Aufarbeitung Beschlüsse fassen.
 

Freising: Kinderheim St. Klara und Jugendamt in der Kritik

Von Birgit Goormann-Prugger, Freising
 

Das Freisinger Jugendamt und das Kinderheim St. Klara sehen sich schweren Vorwürfen ausgesetzt. Bei der Kriminalpolizei in Erding ist Anzeige wegen unterlassener Hilfeleistung und Verletzung der Fürsorgepflicht erstattet worden. Bestätigt wurde das von Hildegard Bäumler-Hösl, Sprecherin der Staatsanwaltschaft in Landshut. Ein Zehnjähriger soll von einem etwas älteren und körperlich überlegenen Jungen sexuell bedrängt worden sein.

Der Freisinger Robert K., dessen zwei Kinder in St. Klara betreut werden, hatte die Anzeige über seinen Anwalt Jürgen Krüger erstattet. Der Mann ist schwer krank, er leidet an Amyotropher Lateralsklerose und hat vermutlich nur noch wenige Jahre zu leben. Das Freisinger Jugendamt hatte vor einigen Monaten entschieden, dem Vater das Sorgerecht für die Kinder in Teilen zu entziehen, weil sie durch die familiäre Situation zu sehr belastet seien. Bei der Mutter können die Kinder nicht leben. Nach Angaben von Rechtsanwalt Jürgen Krüger ist die Frau Alkoholikerin. Robert K. will diese Entscheidung jedoch nicht hinnehmen, seine Kinder fühlten sich in St. Klara nicht wohl, sagt er - und hat Klage eingereicht. Derzeit liegt die Sache beim Oberlandesgericht. Das Bayerische Fernsehen hat am Montagabend über den Fall berichtet.

Seine Kinder sieht Robert K. nach wie vor, allerdings nur besuchweise. Bei einem dieser Besuche während der Weihnachtstage, so Rechtsanwalt Jürgen Krüger, habe der Sohn seinem Vater erzählt, dass er von einem etwas älteren und körperlich deutlich überlegenen Jungen, mit dem er ein Zimmer teilt, massiv bedrängt worden sei und dass er das nicht wolle. "Mein Mandant hat dann sofort das Kinderheim und das Jugendamt informiert und gefordert seinem Sohn ein anderes Zimmer zu geben, so Krüger. Die Heimleitung habe jedoch nur erklärt, das Problem sei "intern thematisiert worden".
Dem Sohn seines Mandanten habe man dann gesagt, so Krüger, er könne nicht in ein anderes Zimmer, es sei kein Platz frei. Er müsse dann in ein ganz anderes Heim und werde von seiner Schwester getrennt. "Das wollte der Junge natürlich nicht". Daraufhin sei es zu einem weiteren Übergriff von Seiten des Älteren gekommen. Dieser ältere Junge sei auch schon mehrfach in dieser Form aufgefallen. "Dem Kinderheim war das wohl auch bekannt", sagt Jürgen Krüger. Auf schriftliche Nachfragen, was denn nun von Seiten des Jugendamtes und im Kinderheim unternommen werde, damit das nicht wieder vorkomme, habe er keine Antwort erhalten, so Krüger, "Wir haben das wiederholt angemahnt, da war immer nur Stillschweigen", darum sei schließlich Anzeige erstattet worden. Mittlerweile, so weiß Krüger, sei der ältere Junge, in eine andere Einrichtung gebracht worden.

Kinderheim St. Klara Das Kinderheim St. Klara muss sich gegen die Vorwürfe eines Vaters wehren. Es geht auch um die Verletzung der Fürsorgepflicht.

(Foto: Marco Einfeldt
 
Nachfragen beim Freisinger Landratsamt und beim Kinderheim gestalten sich schwierig, obwohl die Vorwürfe von Robert K. offen via Facebook kommuniziert werden. Er spricht von sexuellem Missbrauch und erhebt den Vorwurf, das Kinderheim, Sozialpädagogen und das Jugendamt versuchten, das zu vertuschen. Auch der Freisinger Landrat Josef Hauner bleibe tatenlos, kritisiert er. Landratsamtssprecherin Anita Fußeder beruft sich auf den Datenschutz, darum könne man sich nicht äußern. Landrat Josef Hauner sehe überdies keine Veranlassung, sich dafür zu rechtfertigen, dass die Kinder aus der Familie K. rausgenommen und im Kinderheim St. Klara untergebracht worden seien. Dazu gebe es schließlich einen Beschluss des Amtsgerichts. Als unfair werde es empfunden, wenn Robert K. seine Vorwürfe auf Facebook äußere, wenn das Landratsamt aus Datenschutzgründen keine Möglichkeit habe, dazu Stellung zu nehmen.

Auch im Kinderheim selbst wollte man sich nicht im Detail äußern. Heimleiter Frank Eichler konnte nur so viel sagen: "Es gibt eine Anzeige in ein, zwei Punkten und wir arbeiten hier mit der Kriminalpolizei transparent zusammen. Ich kann aus meiner Warte sagen, wir haben uns nichts vorzuwerfen." Das Ganze sei eine schwierige Situation, für alle Beteiligten belastend und für das Kinderheim St. Klara rufschädigend. Vorwürfe von Robert K., die Kinder von St. Klara müssten bei Minustemperaturen in dünner Sommerkleidung draußen spielen, wies Eichler weit von sich. "Sie können sicher sein, dass unsere Kinder immer warm angezogen sind."
 
http://www.sueddeutsche.de/muenchen/freising/anzeige-bestaetigt-schwere-vorwuerfe-1.2395847