Samstag, 27. Juni 2015

Heimkind soll seinen Heimaufenthalt mit einer Erbschaft bezahlen

Jugendämter können für ihre Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe nicht auf eine Erbschaft zugreifen, die nach dem Willen des Erblassers noch gar nicht ausbezahlt werden soll. Denn die Erbschaft ist dann kein „verwertbares Vermögen“ urteilte am Donnerstag, 25. Juni 2015, das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig (Az.: 5 C 12.14).

Die heute 23-jährige Klägerin lebte ab ihrer Volljährigkeit von April 2010 bis April 2012 in einem Heim in Trier. Für die Kosten kam das Jugendamt im Rahmen der „Hilfe für junge Volljährige“ auf. Mit Blick auf eine Erbschaft aus 2006 forderte das Jugendamt, die junge Frau müsse 98.000 Euro zu ihren Heimkosten selbst beisteuern.

Allerdings hält bislang noch der Testamentsvollstrecker seine Hand auf das Geld. Denn der Erblasser hatte bestimmt, dass es erst nach dem 25. Geburtstag der Erbin im April 2017 ausbezahlt werden soll.

Daher handelt es sich auch nicht um „verwertbares Vermögen“, urteilte nun das Bundesverwaltungsgericht. Nur solches könne aber zur Beteiligung an den Kosten der Jugendhilfe herangezogen werden.

Nach dem Leipziger Urteil muss dem Jugendlichen oder jungen Volljährigen „in angemessener, also absehbarer Zeit“ ein Zugriff auf das Geld möglich sein. Dies sei anzunehmen, wenn der wirtschaftliche Wert der Vermögensgegenstände noch im Bewilligungszeitraum realisiert werden kann. Gleiches könne auch noch gelten, wenn vorab bekannt ist, dass das „Verwertungshindernis“ kurz nach Ende des Bewilligungszeitraums wegfällt.

Hier aber lägen fünf Jahre zwischen dem Ende des Bewilligungszeitraums und der Auszahlung der Erbschaft. Daher könne nicht mehr von einer Verwertbarkeit ausgegangen werden, befanden die Leipziger Richter.

Quelle: © www.juragentur.de

Donnerstag, 25. Juni 2015

Drehtür zwischen Psychiatrie und Jugendhilfe-Einrichtungen

Sozialarbeiter Alexander Altay berichtet von einem Jugendlichen, der seit Jahren zwischen Psychiatrie und Wohnheimen hin und her geschoben wird - unter anderem weil er zündelte.

Fiktiver Name, realer Fall: In der jüngsten Sitzung des Jugendhilfeausschusses wurden die zurückliegenden acht Lebensjahre des mittlerweile 18-jährigen Klaus W. vorgestellt. Als "Fall aus der Alltagspraxis" bezeichnete Sozialarbeiter Alexander Altay das Leben. "Das ist sicherlich ein Ex-trembeispiel, aber solche Fälle häufen sich", ergänzte Jugendamtsleiter Siegbert Goll auf Nachfrage von Kreisräten. "Wir haben einen Fall ausgewählt, der die Grenzen des Systems aufzeigt", betonte auch Landrat Thomas Bold (CSU).
Gerade einmal zehn Jahre alt war Klaus, als er zum ersten Mal in die Psychiatrie eingeliefert wurde. "Er reagierte bei kleinsten Anforderungen aufbrausend und aggressiv", berichtete Altay. Mitschüler fühlten sich bedroht, die Mutter sei überfordert gewesen. Also wurde er Anfang 2008 in ein Heim in Thüringen geschickt - immer wieder unterbrochen von Aufenthalten in der Psychiatrie. 2010 gab es den ersten Abbruch: "Die haben die weiße Fahnen rausgehängt", umschreibt Altay das Verhalten der Jugendhilfe-Träger, und: "Das System kommt immer stärker an die Grenzen des Machbaren und Leistbaren."

"Drehtür" zur Psychiatrie
Nächste Station war eine Wohngruppe mit sechs Kindern in Oberebersbach. Aus dieser Zeit kennt Karlheinz Friedel den Fall. Der Gesamtleiter des Vereins "Netzwerk für soziale Dienste" vertritt den Paritätischen Wohlfahrtsverband im Jugendhilfeausschuss. "Solche Fälle nehmen zu, aber sie sind die Ausnahmen", bestätigte auch Friedel, und: "Einen wie Klaus hatten wir in 14 Jahren Oberebersbach drei Mal."
"Trotz intensiver Bemühungen des Personals" sei auch diese Maßnahme gescheitert, also ging es 2011 in eine geschlossene Einrichtung. Und immer wieder kamen Aufenthalte in psychiatrischen Kliniken dazwischen. "Die waren damit alle überfordert", sagt Altay und spricht von einer regelrechten "Drehtür zwischen Psychiatrie und Jugendhilfe-Einrichtungen".
Nächste Station war eine Einzelbetreuung in Finnland: In einem reizarmen Milieu musste Klaus selbst Feuer machen, Wasser aus dem Brunnen holen und Lebensmittel einkaufen. Nach einem halben Jahr war auch dort Schluss - "wegen massiver Bedrohung der Betreuerin, sogar mit einem Messer". Zurück in Deutschland schloss sich eine Einzel-Betreuung mit zwei Pädagogen fast rund um die Uhr an: Knapp zwei Jahre lang ging das gut. "Das war eigentlich die beste Phase", blickt Altay zurück auf ein Praktikum und den Start einer Ausbildung. Allerdings folgten Aufenthalte in der Psychiatrie und schließlich der Abbruch.

Hindernisse und Konflikte
Jeder Wechsel bedeutet für Altay zum Teil wochenlange Suche nach einer neuen Bleibe: Ende 2014 wurde er in einer Spezialeinrichtung in Thüringen fündig. "Aber selbst dort hat Klaus wieder einen Weg raus gefunden: Er hat wiederholt gezündelt." Deshalb lebt er aktuell in einem Wohnheim für Menschen mit geistiger Behinderung.
Sozialarbeiter Altay ging auch auf Hintergründe ein: So würden viele Einrichtungen gleich abwinken, wenn sie bestimmte Namen hören. Auch jede Menge Konflikte benannte Altay: So habe die Kindsmutter oft gegen die Einrichtungen gearbeitet, das Personal habe in mehreren Fällen den Träger vor die Entscheidung "Er oder wir" gestellt. Und auch er selbst habe wegen des Falls bereits Streit mit dem Jugendamtsleiter gehabt.
Träger und Krankenhäuser könnten ablehnen, aber: "Wir als Jugendhilfe kommen da nicht raus", verweist Altay darauf, dass die Betreuung schwieriger Jugendlicher eine Pflichtaufgabe der Kommunen ist. Ein Problem dabei: "Die Angebote der freien Jugendhilfe sind oft nicht mehr ausreichend." Was das Jugendamt alles in die Maßnahmen investiert hat, dazu macht Leiter Siegbert Goll trotz Nachfrage keine Aussagen.

 "Entscheidend ist: Er lebt noch"
Ob sich Zeit, Mühe und eingesetztes Geld lohnen? Diese Frage beantwortet Altay trotz aller Sorgen mit einem klaren Ja. "Das Entscheidende ist: Er lebt noch." Klaus habe sich nie komplett zurückgezogen, er habe keine Abhängigkeiten entwickelt und könne soziale Beziehungen aufbauen. Sogar ein Hobby habe er: "Er angelt gerne." Auf diese Idee hat ihn Karlheinz Friedel während eines Sommercamps gebracht, erzählt der Sozialpädagoge.

"Wir haben eine immense Steigerung bei den Ausgaben, vor allem seit 2011, allerdings nur eine geringe Steigerung der Einnahmen." So fasst Leiter Siegbert Goll kurz und knapp den Geschäftsbericht 2014 des Jugendamts Bad Kissingen zusammen. In Zahlen ausgedrückt: 2009 gab das Jugendamt 4,64 Millionen Euro aus, 2011 5,31 Millionen Euro und im vergangenen Jahr 7,22 Millionen Euro. Die Einnahmen liegen bei gerade einmal 1,44 Millionen Euro, also exakt einem Fünftel der Ausgaben, sagt Goll und verwies darauf, dass die Jugendhilfe eine Pflichtaufgabe der Kommunen ist. Diese Aufgabe hat den Landkreis im vergangenen Jahr 5,77 Millionen Euro gekostet, im Jahr 2013 waren es noch 4,66 Millionen Euro, 2009 lag das Defizit noch bei 3,49 Millionen Euro.

1,67 Millionen Euro für Personal
Mehr als 40 Mitarbeiter teilen sich aktuell 33,5 Vollzeitstellen beim Bad Kissinger Jugendamt. Die Personalkosten bezifferte Goll auf 1,67 Millionen Euro, die Personalzuschüsse fallen mit 38 400 Euro fast nicht ins Gewicht.. Das Jugendamt betreut unter anderem die 71 Kindergärten und vier Horte im Landkreis. 4461 Plätze wurden 2014 vorgehalten, 3807 Kinder besuchten tatsächlich die Kitas, 2450 Regelkinder, 861 Unter-Dreijährige und 496 Hortkinder. Die Behörde hat 10,62 Millionen Euro an Betriebskostenförderung an die Kommunen weitergeleitet, davon 1,2 Millionen Euro als Elternbeitragszuschüsse für das letzte Kindergartenjahr von 100 Euro im Monat.
Eine der Steigerungen ergibt sich aus der Erhöhung der Heim-Unterbringungen: 79 Fälle sind in der Statistik 2014 enthalten, im Jahr zuvor waren es noch 50. Ein Platz kostet zwischen 3500 und 4500 Euro im Monat. Für den Landkreis bedeutet das nach Abzug der Zuschüsse 1,94 Millionen Euro Ausgaben. Die Vollzeitpflege in Familien kostet 700 bis 920 Euro pro Kind im Monat. Nach Abzug der Förderung bleiben für den Landkreis 4083 Euro im Jahr pro Kind, auch hier erhöhte sich die Fallzahl in der Statistik: von 99 auf 113 Kinder. Unterm Strich wendete der Landkreis in diesem Bereich 461 000 Euro auf. Die Hilfen für junge Volljährige kosteten den Landkreis 2014 unterm Strich 409 000 Euro, die Eingliederungshilfen für seelisch behinderte Kinder und Jugendliche 1,28 Millionen Euro und die sozialpädagogische Familienhilfe 268 000 Euro.

Größte Kosten für die Heime
Insgesamt nahmen auch im vergangenen Jahr die stationären Hilfen den Löwenanteil der Ausgaben ein: 84 Prozent aller Mittel werden für Heime aufgewendet, nur drei Prozent für teilsationäre und 13 Prozent für ambulante Maßnahmen. 

Freitag, 19. Juni 2015

Friesenhof-Skandal: Kinderpornographie unter Aufsicht des Jugendamtes?

Genau genommen gibt es nicht einen Friesenhof, sondern drei Friesenhof-Heime. Dabei handelt es sich um Einrichtungen der Jugendhilfe in Wesselburenerkoog, Wrohm und Hedwigenkoog im Kreis Dithmarschen. Dort werden seit 1999 Mädchen und junge Frauen mit schweren psychischen Problemen und Verhaltensauffälligkeiten betreut. Die jüngste Bewohnerin ist erst zwölf Jahre alt, wie die für die Heimaufsicht im Sozialministerium zuständige Bereichsleiterin Sabine Toffolo kürzlich sagte. Die Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung beschäftigt nach Angaben des vorläufigen Insolvenzverwalters, des Hamburger Rechtsanwalts Christian Heim, 52 Mitarbeiter. 26 Mädchen würden zurzeit betreut.

Laut einem Schreiben des Landesjugendamts Schleswig-Holstein (LJA), das der Linken in Hamburg vorliegt, mussten sich Bewohnerinnen bis in die jüngste Zeit hinein „vor dem fast ausschließlich männlichen Personal nackt ausziehen, ihre persönliche Bekleidung abgeben, wurden teilweise gegen ihren Willen fotografiert oder gefilmt“.

Fenstergriffe seien abmontiert und Kollektivstrafen verhängt, Briefe geöffnet und zurückgehalten sowie ungestörte Telefonate mit Erziehungsberechtigten verweigert worden. Diese Informationen stammen von ehemaligen Mitarbeitern, die sich beim Jugendamt darüber beschwert hatten, dass Erziehungsmethoden angewendet werden, „die geeignet sind, das Kindeswohl zu gefährden“.
Am 8. Juni wurde außerdem bekannt, dass ein Betreuer ein sexuelles Verhältnis mit einem minderjährigen Mädchen gehabt haben soll. Das Sozialministerium teilte dies mit, wobei es selbst bereits Mitte Januar darüber informiert worden war. Das genaue Alter des Mädchens wollte ein Ministeriumssprecher aus Datenschutzgründen nicht nennen. Über die pädagogische Funktion des inzwischen gekündigten Mitarbeiters konnte der Sprecher keine Angaben machen.


Ihr Wille sei „systematisch gebrochen“ worden, berichtet eine ehemalige Bewohnerin auf zeit.de. Ein knappes Jahr lebte die heute 20-Jährige demnach in den Heimen. Warum sie im Friesenhof landete? Aus Schulangst sei sie nicht mehr zum Unterricht gegangen, ihren Eltern entglitten und schließlich vom Jugendamt ins Heim geschickt worden. Sie berichtet von Schikanen, die sie über sich hat ergehen lassen müssen: Trotz gebrochenen Arms sei sie zu Putzdienst, als Vegetarierin zum Fleischessen gezwungen worden.

Ein Mädchen, das von 2011 bis 2012 Bewohnerin war, vertraute sich Hamburgs Linken-Fraktionschefin Sabine Boeddinghaus an und sprach von den „schlimmsten neun Monaten ihres Lebens“. Die 20-Jährige, die heute in Lüneburg lebt, berichtet, es sei an der Tagesordnung gewesen, dass sich die Mädchen unter Androhung von Strafsport nackt ausziehen mussten. „Es gab mehrere Betreuer, die Spaß daran hatten.“ Ihnen sei gesagt worden: „Wir brechen euren Willen. Wehe, ihr verliert auch nur ein Wort darüber – wir können alles nach außen pädagogisch begründen, egal, was ihr erzählt.“

„Friesenhof“-Leiterin Barbara Janssen widerspricht den Anschuldigungen. „Niemals musste sich ein Kind nackt ausziehen“, sagte sie. Auch von Putzdienst mit gebrochenen Arm sei ihr nichts bekannt.


Im Internet berichteten auch andere ehemalige Bewohnerinnen über ihre Erlebnisse. So schrieb Laura: „Ich war selbst vor einiger Zeit in dieser Einrichtung und kann bestätigen, dass wir uns bei der Ankunft im sogenannten Mädchencamp Nanna komplett ausziehen mussten, damit unsere Sachen und wir durchsucht werden konnten. Außerdem mussten wir ... unsere Klamotten abgeben und bekamen Einheitskleidung mit der Aufschrift Kinder- und Jugendhilfe Barbara Janssen. So mussten wir sogar in das öffentliche Fitnesscenter. Unter anderem auf Grund solcher Handlungen haben viele Betreuer diese Einrichtung verlassen.“

Die Zustände im Friesenhof wurden erst im Mai durch eine Anfrage der Linken in der Hamburger Bürgerschaft in der Öffentlichkeit bekannt.

Es soll aber schon viel länger Beschwerden gegeben haben. Nachdem das Sozialministerium zunächst behauptet hatte, in den Vorjahren habe es keine schwerwiegenden Vorkommnisse gegeben, kommt kurz vor dem Sozialausschuss das Eingeständnis: Schon 2013 gab es mehrere Beschwerden über Erziehungsmaßnahmen, die zumindest so gravierend waren, dass das Landesjugendamt eine unangekündigte Prüfung vornahm.

Auch im darauf folgenden Jahr waren die Prüfer zweimal vor Ort, sahen das Kindswohl aber nicht gefährdet. Sie veranlassten jedoch, dass die Mädchen, denen Handy und Taschengeld verwehrt wurde, uneingeschränkten und unkontrollierten Kontakt zum Jugendamt aufnehmen konnten.
Im Landtags-Sozialausschuss am 9. Juni wurde bekannt: Zwischen dem 4. März 2014 und dem 3. Juni 2015 wurden elf Mädchen aus den jetzt geschlossenen zwei Heimen wegen Gefährdung des Kindeswohls in andere Einrichtungen gebracht. „Und solche Inobhutnahmen werden dem Landesjugendamt zeitnah mitgeteilt“, sagte die zuständige Bereichsleiterin im Kreis Dithmarschen, Renate Agnes Dümchen. Eine solche Häufung sei außergewöhnlich und lasse qualitative Aussagen über die Einrichtungen zu.

Wegen unzureichenden Fachpersonals und inakzeptabler pädagogischer Methoden ließ das Landesjugendamt zwei Einrichtungen des Friesenhofs am 4. Juni schließen. Die Heimbetreiberin musste inzwischen einen Insolvenzantrag stellen. Am 17. Juni teilte das Jugendamt mit, dass die umstrittene Einrichtung alle Heime schließt und auch den Betrieb von Wohneinrichtungen komplett einstellt.

Die Piraten verglichen die laut Vertrag zulässigen Erziehungsmaßnahmen in dem vor zwei Wochen geschlossenen Heim für 12- bis 18-jährige Mädchen mit „Verhältnissen im US-Gefängnis Guantánamo“. Ein vertraglich vereinbarte achtwöchige Telefonverbot habe es „in diesem willkürlichen Ausmaß zum letzten Mal für RAF-Häftlinge in Stammheim gegeben“, erklärte der Pirat Wolfgang Dudda. „Schlafentzug, Isolation, weggesperrt ohne richterlichen Beschluss – das alles sind Verstöße gegen die UN-Charta für Menschenrechte.“ 

Laut Kubicki muss nicht nur die Heimleitung mit Besuch vom Staatsanwalt rechnen, sondern auch Alheit und ihr Ministerium. „Ich bin fast vom Stuhl gefallen, als ich den offensichtlich rechtswidrigen Vertrag las. Darin werden den Mädchen verfassungsmäßig garantierte Rechte verwehrt“.

Der Skandal um die „Friesenhof“-Heime in Dithmarschen ist womöglich nur die Spitze eines Eisberges. Die Situation der Jugendlichen sei „Lichtjahre weg“ von bundesweit vereinbarten Standards, sagte der Sozialpolitiker der Piraten im Landtag, Wolfgang Dudda, vor einigen Wochen. Und er legte nach: „Angesichts der lückenhaften Kontrollen und des nicht umgesetzten Fachkräfteangebots ist festzustellen, dass die Jugendlichen insbesondere in Dithmarschen lebendig begraben sind in einem Dschungel der Nichtkontrolle und Zuständigkeitsvermeidung.“ Vieles spreche dafür, dass sich hier eine ganze Branche auf Kosten Schutzbefohlener und der Steuerzahler „eine goldene Nase verdient“ und Aufsichtsbehörden nicht intervenierten.

Dudda berichtete von Heimen im Norden, bei denen Mitarbeiter mit Tagessätzen für Jugendliche von 5,10 Euro auskommen müssten – „für alles: vom Essen bis zur Zahnpasta.“ Der Betreiber kassiere von den entsendenden Jugendämtern 130 Euro pro Tag. „Das ist eine Lizenz zum Gelddrucken“, sagte Dudda, der seine Vorwürfe nicht auf Sozialministerin Alheit beschränkt wissen will.

Dabei steht Dudda mit seiner Kritik nicht allein. Schon im Mai 2014 hatte die Meldorfer Amtsrichterin Christiane Orgis in einem Fachaufsatz die „Situation von Heimkindern im ländlichen Raum“ am Beispiel des Kreises Dithmarschen“ analysiert. Zwar werden die Friesenhof-Heime nicht namentlich genannt, aber bei dem von Orgis beschriebenen „Bootcamp“ handelt es sich wohl um das von Amts wegen geschlossene Haus der Friesenhof-Betreiberin Barbara Janssen. In ihrem Beitrag beklagt die Richterin, dass die Betreuten – oft ohne Handy und Taschengeld – keine Chance hätten, sich zu beschweren oder Hilfe anzufordern. Da 85 Prozent der Schutzbefohlenen in Dithmarschen aus anderen Bundesländern stammten und der amtliche Vormund meist nicht in Schleswig-Holstein wohne, sei von dieser Seite keine Hilfe zu erwarten; genausowenig von den oft maßlos überforderten Eltern. Da Kinder aus anderen Bundesländern zudem häufig vom Schulbesuch befreit werden, sei auch kein Kontakt zur Außenwelt über die Lehrer möglich. In dem Aufsatz, der dem Sozialministerium seit langem vorliegt, warnt die Richterin: „Diese Kinder können den schwarzen Schafen unter den Heimbetreibern hilflos ausgeliefert sein.“

Heimbetreiber gibt es in Dithmarschen reichlich. In dem Kreis mit 133.000 Einwohnern sind 703 Heimplätze und 350 Plätze in Pflegefamilien gemeldet – eine Branche, die laut Orgis jährlich rund 25 Millionen Euro umsetzt und die laut Alheit künftig stärker kontrolliert werden soll. Auf der Agenda stehen nicht nur zusätzliches Personal für die Heimaufsicht und mehr unangekündigte Inspektionen, sondern auch eine Ombudsstelle, an die sich Schutzbefohlene wenden können.





Sonntag, 14. Juni 2015

Dithmarschen - Friesenhof - Kinder so lange quälen, bis sie so sind wie die Gesellschaft sie gern hätte - Sklaven

taz: Lea-Marie, Sie waren 2011 neun Monate im Friesenhof. Wie kamen Sie dorthin?
Lea-Marie: Ich hatte Angst, in die Schule zu gehen, weil ich gemobbt wurde. Das ging mit 14 los. Ich war zeitweise krankgeschrieben, es wurden verschiedene Sachen versucht. Da meinte das Jugendamt, sie hätten das perfekte Heim.

Den Friesenhof.
 
Genau. Ich bin dann mit meinen Eltern zum Haupthaus nach Büsum gefahren. Wir durften uns das Heim in Wrohm nicht selber ansehen, sprachen da nur mit dem stellvertretenden Leiter. Da hat er angefangen, mich zu mobben. Meine Eltern dachten auch schon, oh Gott. Aber das Jugendamt sagte: Das Heim ist toll, da muss sie hin. Das wollte ich nicht.

Was heißt, er mobbte?
Er hat mich runtergemacht. Du bist aber traurig. Guck mal deine Schminke an. Das brauchst du gar nicht. „Trauriger Clown“.

Also unpassend?
Ja. Immer so im Hinterhalt. Wenn meine Eltern mit dem Mann vom Jugendamt sprachen, hat er mich so provoziert. Ich dachte nur: Schnell hier raus.

Das Heim sahen Sie gar nicht?
Er meinte, das ginge nicht. Das wäre abgeschlossen. Das würden wir gar nicht finden. Es wäre alles in Ordnung da. Ich sagte, ich will da nicht hin. Aber das Jugendamt sagte meinen Eltern, sie hätten keine Wahl. Ihnen würde sonst das Sorgerecht entzogen und sie sehen mich nie wieder.

Und dann?
Ich wollte da nicht bleiben und wir fuhren wieder nach Hause. So konnte ich mich wenigstens von meinem Pferd verabschieden. Am nächsten Morgen standen zwei Menschen im Flur, die mich mit einem Kleinbus abholen wollten. Die haben mich angeschrien: „Du kommst jetzt sofort mit. Du brauchst dich nicht schminken. Dein Handy brauchst du auch nicht!“ Ich hab so geheult. Meine Mutter hat geheult. Das war Wahnsinn.

Wie war die Ankunft im Heim?
Mir wurden sofort die Schuhe genommen. Ich könnte sonst weglaufen. Die haben mich gefilzt und mir alles weggenommen. Die Musik, Sachen von zu Hause.

Hatten Sie ein Kontaktverbot?
Ja. Zwölf Wochen. Briefe schreiben an die Eltern durfte ich. Aber die wurden kontrolliert. Deshalb kamen die meisten nicht an.

Was haben Sie geschrieben?
Am Anfang, dass es mir schlecht geht, dass ich raus möchte, dass die unmenschlich sind.

Warum ging es Ihnen schlecht?
Die Betreuer haben einen nur runtergemacht, schikaniert, ausgelacht, gemobbt, gehetzt. Das war Psychoterror. Es kam drauf an, wer da war. Es gab Frühsport jeden Tag. Und Strafsport nach Bedarf. Liegestützen …

Liegestützen kann ja nicht jeder.
So lange, bis sie können. An meinem ersten Tag hab ich gesagt, ich will hier weg, ihr seid Scheiße. Dafür gab es sofort Strafsport. Und ich konnte keine zehn Liegestützen. Am Ende musste ich 50 machen. Immer, wenn ich eingeknickt bin, haben alle von vorne angefangen. Die Mädchen durften mich anschreien und hetzen. Das war grauselig.

Wie wurde das begründet?
Gar nicht. Es hieß nur: Mach einfach, mach. Die Mädchen waren manipuliert und abgestumpft. Nur eine, die neu da war, war mitfühlender und sagte: „Mach das einfach. Weigern bringt nichts.“

Hatten Sie Schulunterricht?
Nur intern. Wir haben eine Zeitung gekriegt und mussten einen Artikel wiedergeben. Vorlesen. Bisschen Mathe, bisschen Basteln. Das war im Haus, wir kamen nicht raus.

Auch nicht in den Garten?
Nicht alleine. Wir durften wenn, dann nur alle zusammen raus. Die Betreuer entschieden. Wenn rausgehen, dann alle raus, wenn nicht, bleiben alle drin.

Was war „Strafsport“?
Es hieß „Sport machen, bis du kotzt“. Die wurden kreativ. Liegestützen, Laufen, Sit-ups, an der Wand hocken, als würde man auf dem Stuhl sitzen. Einer rennt 20 Runden in der Mitte, solange müssen die anderen knien. Das schmerzt in den Beinen.

Wie ging der Tag weiter?
Nach dem Frühstück hatte man Dienste. Bad putzen zum Beispiel. Man hatte für alles eine Stunde, also Amt, Zimmer aufräumen und Duschen. War man nicht rechtzeitig fertig, gab es Strafe für alle. Zumindest durften die, die geraucht haben, nicht rauchen. Ich hab nicht geraucht. Aber dann wurde man kurz allein gelassen mit denen, die nicht rauchen durften. Dann durfte man angefasst werden. Wenn die einem aufs Maul hauen, hat das keiner gesehen.

Wie viele Betreuer waren da?
Zwei, manchmal drei.

Nach der Schule gab es Mittag?
Ja, nicht immer. Manchmal mussten wir Aussitzen.

Was bedeutet das?
Sitzen. Sitzen und aushalten. Mein längstes war 19 Stunden. Ich kam aus dem Bad und hatte geweint, weil ich Heimweh hatte. Ich durfte nicht weinen, auch nicht traurig gucken. Dann gab es Aussitzen. Ich sollte erzählen, warum ich weine. Ich habs erzählt, aber das passte denen nicht. Du musstest das Wort finden, dass sie hören will. Dass du frech bist und blöd und scheiße.

Was hieß das ganz konkret?
Alle Mädchen mussten sitzenbleiben. Keiner darf rauchen, keiner darf essen, aufs Klo auch nur zu zweit und wenn es dringend war. Das ging bis in die Nacht.

Saßt ihr dabei im Kreis?
Wo man gerade war. Das ging, bis sie zufrieden waren. Oder keinen Bock mehr hatten. Das längste, was ich miterlebte wegen eines anderen Mädchens, waren 24 Stunden.

Was war mit Schlafen?
Nö. Wenn man müde wurde, gab es Strafsport.

Wie sah der Nachmittag aus?
Wir waren nie allein. Die haben irgendwas bestimmt und das wurde gemacht.

Auf der Homepage steht, es gab ein auswärtiges Fitnessstudio.
Ja, mal für ne Stunde. Das war auch blöd. Wir mussten graue Sachen tragen. Die Leute könnten dich ansehen. Die Betreuer standen daneben, als wären sie Türsteher. Du durftest da nichts machen außer Sport. Aufs Klo durftest du nicht alleine. Mit einer Betreuerin mussten wir Bilder malen. Ich habs komplett schwarz gemalt. Aussitzen, Strafsport. Ich durfte nicht traurig sein.

Mussten Sie sich ausziehen?
Ja, einmal im Büro vor zwei Frauen. Die haben sich so gefreut darüber. Das Bücken war die Härte.

Und mit welcher Begründung?
Ich hab gefragt. Man hat es nicht gesagt. Strafsport angedroht. Dann macht man das lieber mal.

Es heißt, dass waren Kontrollen auf Drogen oder Waffen.
Nein. Die haben mich nicht abgesucht. Das war lustig für die. Die hatten keinen Grund und ich hatte auch nie mit Drogen zu tun.

Hätten Sie sich geweigert, hätten Sie Sport machen müssen?
Alle Mädchen.

Aber die waren nicht dabei?
Du wurdest zum Strafsport dazugerufen, auch nachts. Da hieß es „auf die Tenne“, und alle mussten Sport machen. Einmal hab ich im Schlaf ein Glas vom Nachttisch gehauen. Da mussten alle aufstehen wegen mir.

Wie lief das mit dem Essen?
Einmal wurde ich gezwungen. Da gab es Suppe mit Fleisch, was ich nicht mochte. Das war wieder dieses Gruppending. Wir sitzen so lange, bis du isst. Keiner darf rauchen. Es wird dann die ganze Gruppe bestraft? Die machen Druck, weil sie wissen, die Gruppe geht dann gegen einzelne vor.

Gab es für Sie Ziele, die Sie mit denen vereinbart haben?
Nee. Die hatten Ziele.

Haben die sie Ihnen genannt?
Das habe ich mir erraten, irgendwann. Ich hab mich verstellt, immer nur gegrinst. Dabei hätte ich heulen können. Aber so kam ich nach fünf Monaten aus Wrohm raus. Die Betreuerin meinte, dass es ihr Ziel ist, unseren Willen zu brechen und so aufzubauen, wie die Gesellschaft uns gerne hätte. Und dass sie all das pädagogisch begründen können.

Sie kamen dann in den „Charlottenhof“. Wie war dieses Heim?
Scheiße. Die haben sich da nicht so 24 Stunden um einen gewickelt, aber waren auch grausam.

Gab es die gleichen Regeln?
Nein. Du durftest ums Haus gehen. Da konnte man raus, wenn man es sich verdient hatte. Ich hab das kaum geschafft.

War es gut in der Schule?
Nee. Ich musste ewig lange fahren mit dem Bus. Ich hätte davon auch keinen Abschluss gekriegt.

Waren Sie dort bekannt?
Überall hieß es: schlimme Mädchen, kriminell, Abstand halten.

Wann hatten Sie das erste Mal Kontakt zu Ihren Eltern?
Nach zwölf Wochen erst nur telefonisch. Unter Beobachtung mit der Hand am Telefonkabel. Ich durfte nur Positives sagen. Erst nach drei Monaten beim Hilfeplangespräch in der Stadt konnte ich mit ihnen allein reden. Sie sagten, sie könnten nichts tun.

War das Jugendamt dabei?
Ja. Aber der hat da nur gesessen. Der meinte: „Na, du hast dich ja so toll gemacht.“ Den Mann konntest du vergessen. Beim zweiten Hilfeplangespräch hatte ich eine andere vom Jugendamt. Die habe ich alleine gesprochen. Ich hab ihr alles beschrieben und gesagt: Ich will zurück nach Lüneburg, ich geh da auch zur Schule, ich verspreche es, Hauptsache woanders hin. Die hat nur gelächelt und meinte, das geht nicht.

Wie kamen Sie schließlich raus?
Ich habe Blut gespuckt, weil ich mich immer so aufgeregt hab. Dann kam ich ins Krankenhaus. Da hat sich eine Ärztin meiner angenommen. Die meinte beim letzten Termin, sie gibt mich nicht wieder hin.

Der konnten Sie was erzählen?
Ich hab der alles erzählt. Ich war ja da über Nacht. Das war toll.

Was hatten Sie medizinisch?
Stress-Symptome. Meine Eltern haben mich dann abgeholt.

Wie ging es mit Ihnen weiter?
Ich hab versucht, Schule anzufangen. Das ging nicht. Ich bin immer wieder zusammengebrochen, weil das Erlebte tief saß. Es hat zwei Jahre gedauert, bis ich wieder normal irgendwas tun konnte. Ich konnte gar nicht mehr rausgehen auf die Straße. Ich hatte richtig Angst vor Menschen.

Vorher hatten Sie die nicht?
Nein. Ich kam da normal rein. Mit Problemen, aber dem Glauben, ich bin jemand.

http://www.taz.de/!5203816/ 

P.S. Wie war das doch gleich Dr. Schulz/AG Meldorf und Frau Holtschneider/JA Heide, den Kindern fühlen sich so wohl, die wollen garnicht wieder weg!



Samstag, 13. Juni 2015

Dithmarschen: Friesenhofheime - den Willen systematisch gebrochen

Die Tenne hat Marie* gehasst. Die Tenne sei der Ort gewesen, wo sie und die anderen Mädchen bestraft wurden. Wenn der Erzieher rief: "Tenne!", dann wusste Marie: Jetzt gibt es entweder "Strafsport" – Sport so lange, bis ihr schlecht wird. Oder stillsitzen. "Alle mussten das irgendwann mal: auf dem Boden der Scheune sitzen, nicht bewegen. Nur zur Toilette durfte man", sagt sie.

Ein knappes Jahr lebte die heute 20-Jährige in Heimen der Kinder- und Jugendhilfe Friesenhof im Kreis Dithmarschen, in denen Mädchen und junge Frauen mit schweren psychischen Problemen, Verhaltensauffälligkeiten oder kriminellem Hintergrund betreut werden. Oder besser: betreut wurden. Vergangene Woche hat das Kieler Sozialministerium zwei der drei Standorte wegen inakzeptabler Zustände geschlossen. Beim Landesjugendamt war zuvor eine Reihe von Beschwerden eingegangen, wonach Mädchen in den Friesenhof-Heimen beschimpft, gedemütigt, gefilmt und zum Ausziehen gezwungen worden sein sollen.

Erstmals melden sich die Mädchen nun selbst in den Medien zu Wort. Marie ist eins von ihnen. Sie sagt, ihr Wille sei "systematisch gebrochen" worden.

Erstmals seit der Schließung bezieht aber auch die Leiterin des Heims, Barbara Janssen, persönlich Stellung. Zuletzt hatte sie sich zurückgezogen. Sie fühlt sich als Opfer von Verleumdungen. "Mein Vertrauen ist erschüttert", sagt sie. Ihre Geschäftsgrundlage auch.

Barbara Janssens’ Geschäft basierte auf Regeln. Auf strengen Regeln, das bestreitet die 70-Jährige nicht einmal – aus ihrer Sicht brauchen die Patientinnen, bei denen bislang kaum Regeln geholfen haben, einen festen Rahmen. Nur: Wie fest darf so ein stützender Rahmen sein? Wie streng dürfen Regeln sein, bis sie zur Schikane werden?

Marie erzählt, sie habe früher große Schulangst gehabt. Irgendwann sei sie einfach nicht mehr zum Unterricht gegangen, tagelang abgetaucht, ihren Eltern entglitten. Das Jugendamt habe sie schließlich in den Friesenhof geschickt.

Zunächst kam Marie ins Camp Nanna, ein Aufnahmeheim am Rand des Dorfs Wrohm nahe der Nordsee – das Haus mit der Tenne. Den Alltag dort empfand sie als Ansammlung von Schikanen. Als sie einmal ihren Arm in Gips trug, weil sie ihn gebrochen hatte, hätten die Betreuerinnen sie gezwungen, trotzdem ihren Putzdienst zu versehen. Als Vegetarierin sei sie zum Fleischessen gezwungen worden. Mitten in der Nacht sei sie zum Sport geweckt worden.

Manchmal, wenn ein besonders renitentes Mädchen zur Räson gebracht werden sollte, sei "Bernd" aus der Zentrale in Büsum gerufen worden, erzählt Marie. "Er ließ uns Liegestütze und Sit-ups machen, bis uns schlecht wurde."

Marie hat das Jugendheim längst verlassen, heute ist sie in ambulanter Therapie. Aber was sie erzählt, deckt sich mit zahlreichen Beschwerden, die sich beim Landesjugendamt Schleswig-Holstein häuften – bis Beamte Anfang des Jahres die Friesenhof-Heime überprüften. Danach erließ das Jugendamt eine Verfügung. Sie enthält auf fünf Seiten Auflagen für das Personal, zum Beispiel: "Die Anfertigung von Film- und Fotoaufnahmen von Betreuten ist unzulässig." Sollten solche Regeln nicht eigentlich selbstverständlich sein? Barbara Janssen findet die Frage unfair. Sie habe damals nicht persönlich Stellung nehmen dürfen, sagt sie. Und nur weil ein bestimmtes Verhalten verboten werde, heiße das nicht, dass es vorher auch tatsächlich praktiziert worden sei.

 Doch Anfang dieses Monats tauchten wieder unangemeldet Kontrolleure in den Heimen auf, um die Einhaltung der Auflagen zu überprüfen. Offenbar hatte sich kaum etwas gebessert: Vergangene Woche folgte die Schließung. Es fehle an "ausreichend qualifiziertem Personal", und der Umgang mit den Jugendlichen entspreche "nicht den vereinbarten pädagogischen Maßstäben", lautet die Begründung.

Jugendämter aus Schleswig-Holstein schicken schon seit geraumer Zeit keine Mädchen mehr in die Friesenhof-Heime – anders als Hamburg. Aus den Antworten auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion von Ende Mai geht hervor, dass drei Bezirke und das Familieninterventionsteam seit 2007 rund 80 Kinder und Jugendliche in die Friesenhof-Heime geschickt haben. Jetzt, zum Zeitpunkt der angekündigten Schließung, waren aus Hamburg noch fünf Mädchen in zwei der Heime, sie alle kommen aus Wandsbek.

Das Bezirksamt Wandsbek möchte sich zu der Angelegenheit nicht äußern. Nur eine schriftliche Erklärung gibt die Sprecherin heraus. Darin die Feststellung: "Das Bezirksamt Wandsbek ist grundsätzlich der Ansicht, dass eine erfolgreiche Hilfegestaltung bei dem Träger derzeit nicht umsetzbar ist." Die fünf verbliebenen Mädchen sollen baldmöglichst in andere Heime wechseln.

Die zuständige Fachaufsicht, die Sozialbehörde, hat von den Zuständen erst durch die Kleine Anfrage erfahren. Die Mitarbeiter des Allgemeinen Sozialen Dienstes in Wandsbek, Mitte und Harburg kannten zwar schon seit Februar die Verfügung des Kieler Landesjugendamts mit den Auflagen für die Heime, enthielten jedoch der Sozialbehörde die Information vor. Stattdessen ließ man sie offenbar an die Linkspartei durchsickern. Sie habe daher "noch keine Bewertung vornehmen können", antwortete die Sozialbehörde auf die Kleine Anfrage. Und deshalb möchte auch der Sprecher jetzt nichts sagen.

Aber Barbara Janssen ist bereit zu reden, derZEIT  möchte die Betreiberin der Friesenhof-Heime ihre Sicht schildern, den Anschuldigungen widersprechen. "Die Vorwürfe der Verfügung stimmen nicht", sagt sie. Niemals hätte sie geduldet, dass eine Vegetarierin zum Fleischverzehr gezwungen worden wäre. Dass ein Mädchen mit Gipsverband habe putzen müssen, sei ihr nicht bekannt. Von ihrem Mitarbeiter "Bernd" hätte sie sich getrennt – Janssen wirft ihm vor, sein Verhalten habe allen Ärger erst verursacht. 

Auch die Verfügung des Landesjugendamts hätte sie "in jedem einzelnen Punkt widerlegen können". Aber sie, die Betreiberin, sei damals nicht angehört worden.

So heiße es in der Verfügung zum Beispiel, Mädchen dürften nicht gezwungen werden, sich nackt auszuziehen. Auch Marie will sich erinnern, dazu genötigt worden zu sein. Barbara Janssen hingegen widerspricht: "Die Mädchen mussten sich niemals nackt ausziehen! Niemals!" Und der Sport mitten in der Nacht? "Es war Frühsport! Ja, die Mädchen mussten um 6 Uhr aufstehen zum Dauerlauf. Für einige der Mädels war das Nacht."

Dieser Sport, bestätigt sie, habe in der Tenne stattgefunden, dem Ort für Feiern und Begegnungen. Janssen leugnet nicht, dass die Mädchen dort auch stillsitzen mussten. Das sei aber keine drakonische Strafe gewesen, sondern eine Art Kontemplation.

Ihren Sitz hat die "Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung Friesenhof Janssen" im Hafen von Büsum, in einem Lager- und Bürohaus. Im Erdgeschoss gibt es einen Unterrichtsraum für "nicht beschulbare Jugendliche". Janssen und ihre Kollegen arbeiten mit vielen Patienten, bei denen alle anderen Hilfen gescheitert sind. Was sie dafür qualifiziere?

Barbara Janssens Smartphone klingelt unablässig. Sie drückt die Anrufe weg, wirkt fahrig, unkonzentriert. Die vergangenen Tage haben ihr sichtlich zugesetzt. Zuletzt wurde auch noch bekannt, dass ein Betreuer ein Verhältnis mit einer 16-jährigen Heimbewohnerin hatte, Janssen entließ ihn sofort. Leider habe sie nur eine Ausbildung zur Erzieherin, dazu noch eine jugendpsychiatrische Weiterbildung, sagt sie. "Ich habe nicht die Möglichkeit gehabt zu studieren. Aber es reichte, um die Voraussetzungen für die Trägerschaft einer Einrichtung zu erfüllen."

Ihr Erziehungskonzept, erklärt sie, orientiere sich am Trainingscamp des ehemaligen Boxers Lothar Kannenberg. Der betreibt in Hessen eine Jugendhilfeeinrichtung für drogenabhängige und kriminelle Jungen. Kannenberg gebe ihnen einen festen Rahmen. Ohne Härte gehe das natürlich nicht. Über den Erfolg des Konzepts gehen die Meinungen allerdings auseinander. Kannenberg selbst erklärte, die Rückfallquote nach Durchlaufen seines Camps betrage 20 Prozent. Die Universität Kassel kam in einer Evaluation auf 60 Prozent.

Was Kannenberg für Jungs tut, das wolle sie für Mädchen erreichen, sagt Barbara Janssen. Mit Mädchen sei es jedoch schwieriger, denn die seien anders: "Mädchen sind eher intrigant, mit Jungs kann man offen reden."

Und warum beschäftigt sie so viele Männer in Mädchenheimen? "Ich stelle fähige Erzieher ein, egal, ob Mann oder Frau." Im Übrigen: "Was glauben Sie, mit was für Erziehungsberechtigten ich es zu tun habe? Zwei Väter sind bei den Hells Angels! Das sind meine Elternkontakte!"

Wieder klingelt das Smartphone. Janssen schaut aufs Display und springt auf: "Ich muss Sie jetzt leider verabschieden! Ich habe keine Zeit mehr!" Kurz darauf stellt sie einen Insolvenzantrag.
* Name von der Redaktion geändert




Freitag, 12. Juni 2015

Leipzig:Jugendamtbetreuer kämpft um Freispruch

Im Juni 2012 stirbt in Leipzig eine junge Mutter an Drogen. Ihr kleiner Sohn ist hilflos und verdurstet neben der Leiche. Die Frau wird aber vom Jugendamt betreut. Hätte ihr Betreuer das ahnen können? Ein Gericht in Leipzig verhandelt erneut.

Fast auf den Tag genau drei Jahre nach dem Tod einer drogensüchtigen Mutter und ihres kleinen Sohnes in Leipzig hat ein Betreuer des Jugendamtes erneut eine Mitschuld bestritten. Vor dem Landgericht Leipzig hat nun ein Berufungsprozess begonnen. (AZ.: 9Ns 603 JS 32283/12)

Ein Amtsgericht hatte den Sozialarbeiter in erster Instanz wegen fahrlässiger Tötung durch Unterlassen zu 3600 Euro Geldstrafe verurteilt. Er legte Berufung ein und wünscht einen Freispruch. Die Staatsanwaltschaft fordert eine höhere Strafe. "Ich denke, dass an dem Fall sehr deutlich wird, in welchem Dilemma die Sozialarbeit steckt", sagte der Sozialpädagoge. 100-prozentige Sicherheit könne es trotz aller Betreuung nicht geben.
Der Mann war der sogenannte Eingangsmanager der 26 Jahre alten Mutter und ihres zweijährigen Sohnes Kieron-Marcel. Die Frau starb im Juni 2012 an einem Drogencocktail, der Junge verhungerte und verdurstete daneben in seinem Gitterbettchen. "Dieses Ergebnis habe ich zu keinem Zeitpunkt vorhersehen können", betonte der 42-Jährige. Die Mutter habe ihr Kind nicht vernachlässigt, es habe also auch keinen Anlass gegeben, ihr den Jungen wegzunehmen.

Der Mann war ein knappes halbes Jahr für die Problemfamilie zuständig. Das Amtsgericht hatte eine Mitschuld des Sozialarbeiters gesehen. Er habe nicht genug unternommen, um das Leben des Jungen zu schützen, urteilte die erste Instanz.
Quelle: n-tv.de , nsc/dpa

Dithmarschen: Friesenhof-Heime / Schläge, Isolation, Schlafentzug – Amt reagierte nicht

Die FDP hat eine Aktuelle Stunde zu den Vorgängen um die Friesenhof-Heime in Dithmarschen beantragt. „Auch in der gestrigen Sozialausschusssitzung konnten die vielen Ungereimtheiten seitens des Sozialministeriums nicht ausgeräumt werden. Schlimmer noch: Wir erleben, dass täglich neue erschreckende Sachverhalte bekannt werden", heißt es in einer Pressemitteilung des FDP-Fraktionsvorsitzenden Wolfgang Kubicki und der sozialpolitischen Sprecherin Anita Klahn.

m Sozialausschuss brachte die Opposition es auf den Punkt: „Wer eine Würstchenbude aufmacht, muss mit unvermuteten Kontrollen rechnen; wer eine Jugendhilfeeinrichtung betreibt, darf sich über unvermutete Kontrollen beschweren“ – für Wolfgang Dudda von den Piraten eine „absurde Situation“.

Auch Sozialministerin Kristin Alheit (SPD) bedauerte gestern, dass es – nicht nur im konkreten Fall der umstrittenen Mädchenheime in Dithmarschen – oft zu lange dauert, schwarzen Schafen die Betriebserlaubnis zu entziehen. Vorausgehen müssen laut Gesetz langwierige Anhörungen, Vereinbarungen und Fristen, um Auflagen zu erfüllen. Trotz dieser strukturellen und bundesweiten Problematik konnte Alheit auf der Sondersitzung des Sozialausschusses den Eindruck nicht abwehren, dass viel zu lange mit durchgreifenden Maßnahmen gewartet, die Ministeriumsspitze vom Jugendamt nicht ausreichend informiert wurde und Ungereimheiten in den beiden Friesenhof-Heimen jeweils erst kommuniziert wurden, wenn sie nicht mehr unter der Decke zu halten waren. „Weil Kristin Alheit ihren Laden nicht im Griff hat, mussten die Mädchen leiden“, so der Vorwurf der CDU, die jetzt Akteneinsicht beantragte. Seit Monaten habe das Jugendamt die Beschwerden der Mädchen gekannt, aber nicht reagiert.

Inzwischen werden immer neue Details publik. So hat die „Süddeutsche“ mit 20 ehemaligen Heimbewohnerinnen gesprochen. Sie berichten von Schlägen und tagelanger Isolation, Schlafentzug und nächtlichen Sportstunden. Beschwerdebriefe seien zerrissen und Kontakt zur Außenwelt verhindert worden. Erneuert wurde auch der Vorwurf, dass die zwölf- bis 18-jährigen Mädchen sich zur Leibesvisitation nackt vor Männern ausziehen mussten.

Das Krisenmanagement war nach Ansicht der CDU miserabel gewesen. Selbst die sexuelle Beziehung eines Betreuers zu einer Schutzbefohlenen wurden von der Jugendamtsleiterin nicht als so gravierend eingestuft, dass sie die Vorgesetzten im Ministerium informierte. „Diese Mädchen kommen in Einrichtungen, um sie vor sexuellem Missbrauch und Gewalterfahrungen zu bewahren. Was soll eigentlich noch passieren, damit sofort die Hausspitze in Kenntnis gesetzt wird?“, fragte CDU-Frau Katja Rathje-Hoffmann.

Auch die FDP-Abgeordnete Anita Klahn übt massive Kritik am Nichthandeln des Ministeriums, zumal der Kreis Dithmarschen gestern mitteilte, die Friesenhof-Heime wegen diverser Unregelmäßigkeiten schon seit 2007 nicht mehr belegt zu haben. Seit März 2014 wurden vom Jugendamt in Heide insgesamt elf Mädchen aus diesen Einrichtungen in Obhut genommen, da eine Gefährdung des Kindeswohls vorlag. Eine solche Häufung sei außergewöhnlich und lasse qualitative Aussagen über die Einrichtungen zu, erklärte die Dithmarscher Jugendamtsleiterin Agnes Dümchen. „Spätestens nach der dritten Inobhutnahme hätte das Sozialministerium handeln müssen“, so Klahn. Die Piraten fordern nicht nur eine Gratis-Beschwerdehotline für Schutzbefohlene, sondern auch mehr Personal im Landesjugendamt. „1800 Einrichtungen und sechs Mitarbeiter für die Fachaufsicht – das ist, gerade wenn es um problembelastete Kinder und Jugendliche geht, einfach zu wenig“, so Dudda.


P.S. Wie verlogen ist das eigentlich? Es ist an der Tagesordnung, nicht nur in diesem Heim, dass Kindern der Kontakt zur Außenwelt und ihren Familien untersagt und verhindert wird. Post wird nicht weitergegeben. Und ganz plötzlich will wieder einmal niemand von etwas gewusst haben? Das ist Alltag. Ich habe gerade gelesen, dass eine Richterin am AG Meldorf sich darüber beschwert hat, dass immer mehr Kinder in den Norden geschickt und von ihren Familien im Stich gelassen werden. Die Kinder keinen Kontakt zu einer Vertrauensperson haben. Aber aufgrund meiner eigenen Erfahrungen weiß ich, dass gerade dieses Gericht und das Jugendamt Heide alles tun, damit die Kinder keinen Kontakt mehr zu ihren Familien haben. Beschwerden beim Ministerium bleiben wirkungslos.