Samstag, 6. Februar 2016

Löhne: Sozialpädagoge missbraucht Heimkinder - Jugendamt schaut zu

Wo war die Heimaufsicht? Ein früherer Kinderheimleiter aus Löhne (Kreis Herford) hat gestern gestanden, Mädchen und Jungen jahrelang missbraucht zu haben. Und: Er hat Mädchen regelmäßig Drei-Monats-Verhütungsspritzen gegeben, die nach Angaben einer Sachverständigen für Jugendliche überhaupt nicht geeignet sind. 

Seit November steht Sozialpädagoge Bernd K. (67) wegen Missbrauchs in 64 Fällen vor dem Landgericht Bielefeld. Gestern brach der Mann, der ein Zusatzstudium als Heil- und Sonderpädagoge absolviert hat, sein Schweigen. »Endlich!«, sagte eine Zuschauerin, die vor Jahren sein Opfer war.
Zunächst arbeitete Bernd K. im Herforder Bernhard-Heisig-Kinderheim und im Wittekindshof Bad Oeynhausen. 1981 gründete er in seiner Heimatstadt Löhne den Verein »Westfälisches Jugendwerk e.V.«, dessen Vorsitzender er wurde.

Den ausführlichen Bericht lesen Sie in der Mittwochausgabe des WESTFALEN-BLATTS. 


Bernd K. war Vorsitzender des von ihm gegründeten Vereins »Westfälisches Jugendwerk e.V.« und betrieb Heime in Löhne, Hüllhorst und Cuxhaven. Rechtsanwältin Sabine Blöbaum aus Herford, die eines der Opfer vertritt, bestätigte, dass es schon früh Hinweise auf ein Fehlverhalten des Sozialpädagogen gegeben habe. 

»Das ging schon 1995 los.« Es hätten zwar Gespräche des Landesjugendamts mit K. stattgefunden, der wohl zugesagt habe, dass sich die Zustände ändern würden. »Aber es hat niemand bei den Kindern nachgehakt, ob sich die Situation wirklich gebessert hat«, sagt die Rechtsanwältin. Schon damals soll Bernd K. Mädchen mit Vaginal-Creme eingerieben haben. »2003 hat es dann nochmal einen Hinweis ans Jugendamt Bünde und ans Landesjugendamt gegeben. Aber die Behörden haben den Mädchen nicht geglaubt.« 

Sabine Blöbaum vertritt ein Opfer, das von Bernd K. gezwungen wurde, sich von ihm eine Drei-Monats-Verhütungsspritze geben zu lassen. 

Den ausführlichen Bericht lesen Sie in der Samstagausgabe des WESTFALEN-BLATTS. 



Mittwoch, 3. Februar 2016

Fall Allessio: Fehler beim Jugendamt und strafrechtliche Ermittlungen gegen Sachbearbeiter

Ein gutes Jahr nach dem gewaltsamen Tod des dreijährigen Alessio im Schwarzwald hat ein unabhängiger Gutachter dem zuständigen Jugendamt Fehler und Versäumnisse attestiert. Der Fall zeige Handlungsbedarf, sagte der Sachverständige Heinz Kindler in seinem Abschlussbericht am Dienstag in Freiburg. Die Jugendhilfe brauche Verbesserungen. Das Jugendamt müsse künftig Kooperationen suchen mit Kinder- und Jugendmedizinern sowie mit Juristen der Familiengerichte. Zudem sollte die Behörde personell besser ausgestattet werden. Auch externe Anbieter der Jugendhilfe sollten stärker einbezogen werden. So ließen sich Fälle von schwerer Misshandlung von Kindern besser einschätzen.

Falsche Einschätzung der Behörde

Das Jugendamt steht seit dem Tod des Jungen in der Kritik. Es soll Warnungen ignoriert und Alessio unzureichend geschützt haben. Bereits Mitte 2013 hatten Mediziner Hinweise auf Kindesmisshandlung. Doch das Jugendamt ließ den Jungen in der Familie. Dort starb er.
Die Behörde habe die Gefährdung des Jungen mit der Zeit falsch eingeschätzt, sagte der Experte vom Deutschen Jugendinstitut in München. Zudem sei die Führung des Amtes zu wenig in den Fall eingebunden gewesen, das Qualitätsmanagement habe versagt. Solche Fehler seien im deutschen Kinderschutzsystem aber keine Einzelfälle, von einem kompletten Behördenversagen könne nicht gesprochen werden. Konkrete Lehren müsse der für das Amt zuständige Landkreis ziehen.

Parallel laufen noch strafrechtliche Ermittlungen gegen einen Sachbearbeiter im Jugendamt. Nach Alessios Tod hatten mehrere Bürger Anzeige erstattet. Abschließende Ergebnisse gebe es noch nicht, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft. Ermittlungen gegen Alessios Mutter hatte die Behörde vor zwei Monaten eingestellt.

http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.gutachter-im-fall-alessio-auch-jugendamt-hat-fehler-gemacht.2e3a5fa6-039d-4b78-9dd8-c94fc5a3f9e7.html

Manches Kreistagsmitglied war enttäuscht von den watteweichen Formulierungen, mit denen der Münchner Psychologe Heinz Kindler über die Bearbeitung des Falls Alessio im Jugendamt des Kreises Breisgau-Hochschwarzwald urteilte.

Dies hat freilich auch mit Vorsicht zu tun: Wie Kindler sagte, unterscheide sich das Vorgehen in diesem Fall nicht von dem vieler anderer Jugendämter. Wer wollte da also von Fehlern reden – zumal dieses juristisch ein heikler Begriff ist.

Dennoch darf man in Klartext wenden, was Kindler leicht verschwurbelt sagt: Die Selbstkontrolle des Jugendamts, organisiert in Beratungsgremien, hat nicht funktioniert, die Zusammenarbeit mit anderen Organisationen des Kinderschutzes ist stark unterbelichtet, den Mitarbeitern fehlt es an Selbstbewusstsein, um die Interessen des Kindeswohls gegen eigensüchtige Eltern und vor Familiengerichten durchfechten zu wollen, an der Leitungsebene ist der Fall Alessio vorbeigegangen – und es herrscht Personalmangel in diesem Amt.

http://www.badische-zeitung.de/kommentare-1/gutachter-packt-seine-kritik-in-watte--116990326.html

Samstag, 30. Januar 2016

Rostock: Jugendamt Rostock befürwortet Call of Duty für 15jährigen

Mein Sohn (15) lebt bei seiner Mutter. Zu Weihnachten habe ich über seinen Youtube Kanal erfahren, dass er gewaltverherrlichende Spiele spielt (USK 18), darunter auch Call of Duty - Black Ops III, welches sogar auf dem Index jugendgefährdender Spiele steht. 

Als ich mich mitteilte, dass ich das alles nicht will, wurde ich durch alle Beteiligten (darunter auch die Kindesmutter) verhöhnt, dass ich gar kein Mitspracherecht hätte. Also schaltete ich das Jugendamt Rostock mit der Bitte um Hilfe ein. 

Als ich dort zu einem Gespräch mit der Kindesmutter und der Sachbearbeiterin zusammenkam, wurde mir im Zuge des Gespräches durch jene Sachbearbeiterin des Jugendamtes kundgetan, dass die USK eine freiwillige Kontrolle sei und es ausreiche, dass die Kindesmutter dies gestatte und beobachte. Ich meinerseits solle - anstatt hier ein Verbot zu erreichen - mich doch gerne mal für dieses Spiel interessieren und es mit meinem Sohn zusammen spielen, um die Bindung nicht zu verlieren.

Das empörende daran: Es geht hier um das seelische Wohl des pubertierenden Minderjährigen, der inzwischen trotz nachgewiesenem erhöhten IQ mit einem miesen Zeugnisdurchschnitt die Schule beenden wird. Dies alles im vollen Bewusstsein, dass die Art der Spiele faschistische Neigungen ebenso zutage bringen wie sie die Bereitschaft zur Anwendung realer Gewalt senken und den Jugendlichen Abstumpfen lassen.

Wir hegen eine gesellschaftliche Debatte über die Verrohung der Menschen, über den Anstieg von Gewalt auch gegenüber Bediensteten des Staates wie Polizisten, Lehrern und neuerdings sogar Politiker. Aber wenn es darum geht, ein solches Problem konkret bei den Wurzeln zu packen, hängt alles an der bescheidenen Meinung, Einstellung oder gar Inkompetenz einer Mitarbeiterin des Jugendamtes. 

Kinderschutzbund Deutschland und Rostock geben mir zwar in der Sache recht, können aber gegen ein Entschluss des Jugendamtes auch nichts machen, da es tatsächlich keine Rechtsbindung für diese Alterseinstufung gibt. Es entscheidet also der Sachbearbeiter des Jugendamtes nach eigenem Ermessen.

Düsseldorf: Mädchen nach Inobhutnahme im Kinderhilfezentrum mißbraucht

Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen zwei junge Männer, die am vergangenen Samstag im Kinderhilfezentrum ein zwölfjähriges Mädchen missbraucht haben sollen. Die "nach eigenen Angaben minderjährigen" Flüchtlinge, so Staatsanwalt Ralf Herrenbrück, hätten das Alter des Kindes gekannt, als sie es jeweils als Alleintäter "mit Gewalt zu sexuellen Handlungen nötigten".

"Höchst entsetzt" zeigt sich Jugendamtsleiter Johannes Horn über den Fall, von dem er selbst erst am Dienstag unterrichtet worden sei. Auch über diese Verzögerung verlange er Erklärungen von Heimleitung und Mitarbeitern, vor allem aber darüber, "wie so etwas überhaupt passieren kann." Das Mädchen habe sich am Montagabend seinen Erziehern anvertraut, teilte das Rathaus Donnerstag mit. Die Polizei war am Dienstag eingeschaltet worden und hatte noch am selben Tag die Beschuldigten festgenommen. Am Mittwoch erging der Haftbefehl gegen die beiden, die nach Informationen unserer Redaktion 15 und 22 Jahre alt sind. Der Ältere hat demnach falsche Angaben gemacht, als er sich als alleinreisender minderjähriger Flüchtling ausgab. Im Kinderhilfezentrum an der Eulerstraße werden minderjährige Flüchtlinge, die ohne Familien nach Deutschland kommen, für einige Wochen aufgenommen und betreut, bis das Jugendamt sie in geeignete andere Einrichtungen überstellt. Weil unbegeleitete Minderjährige nicht abgeschoben werden, kommen falsche Altersangaben nicht selten vor. Das werde aber in der Regel von den erfahrenen Betreuern schnell entdeckt, hatte Horn kürzlich im Gespräch mit unserer Redaktion versichert.

Die Haftbefehle stützten sich auf die Aussagen des Opfers und auf ein gynäkologisches Gutachten, so Herrenbrück. Die Zwölfjährige ist inzwischen in eine Jugendeinrichtung außerhalb Düsseldorfs verlegt worden. Zur Glaubwürdigkeit des Mädchens und der sehr jungen Zeugen gebe es noch keine abschließende Einschätzung.

Geprüft wird in diesem Zusammenhang auch, ob die Mitarbeiter ihre Aufsichtspflicht erfüllt haben. Dann, sagte ein Kenner der Einrichtung unserer Redaktion, müsse man aber auch untersuchen, ob sie dazu angesichts der Überbelegung und des dünnen Personalschlüssels überhaupt in der Lage seien.



Donnerstag, 28. Januar 2016

Jugendamt Witten sah keine Warnsignale für Vernachlässigung

Untergewichtig, mit blauen Flecken im Gesicht und an den Oberschenkeln, wund unter den Windeln und mit einer Pilzinfektion an den Zehnägeln kam ein 22 Monate altes Zwillingspärchen vor einem Jahr ins Marien-Hospital. Die 25-jährige Mutter und der getrennt lebende Vater (24) müssen sich vor dem Landgericht Bochum wegen schwerer Misshandlung verantworten.

Der schlechte Zustand der beiden Mädchen habe sie damals sehr überrascht, sagte am Mittwoch eine Mitarbeiterin (29) des Wittener Jugendamtes. Sie hatte die Mutter und ihre drei Kinder – es gibt noch eine ältere Schwester – im Zuge der freiwilligen ambulanten Hilfe wiederholt und auch unangemeldet zu Hause besucht. Dabei sei ihr nichts aufgefallen, was auf eine Gefährdung des Kindeswohls oder eine „böswillige Vernachlässigung“ (Anklage) hingedeutet hätte. „Die Wohnung war tipptopp, sehr aufgeräumt, alle waren ordentlich angezogen, da gab es nichts zu beanstanden.“

Zeugin: Kleinkinder saßen immer nur auf dem Boden

Die Sozialpädagogin bemerkte wohl, dass die Mutter die ältere Tochter verhätschelte und offenbar bevorzugte. Die beiden Kleinkinder hätten immer nur auf dem Boden gesessen. Sie habe die damals anderthalbjährigen Zwillinge nie laufen sehen. Deren schmächtige Statur führte sie darauf zurück, dass sie als Frühchen zur Welt gekommen und Zwillinge waren.

Sie habe sie nie unbekleidet gesehen. Weil sie von einem Bewegungsmangel ausging, empfahl sie für alle drei Kinder den Besuch einer Spielgruppe. Die Mutter nahm dieses Angebot auch in Anspruch. Unproblematisch war die Zusammenarbeit mit ihr aus Sicht des Jugendamtes aber nicht.

Zehn Monate in einer Pflegefamilie

Die Zwillinge hatten ihre ersten zehn Lebensmonate in einer Pflegefamilie verbracht. Weil sie sich damals überfordert fühlte, hatte die Mutter sie kurz nach der Geburt abgegeben. Als sie die Kinder wieder zu sich nahm, stellte ihr die Stadt Recklinghausen – ihr damaliger Wohnort – eine sozialpädagogische Familienhilfe zur Seite. Als sie im Laufe von 2014 nach Witten umzog, bot ihr das örtliche Jugendamt dieselbe Hilfe an. Doch sie lehnte ab.
„Sie weiß, was sie will“, sagte dazu die Sozialpädagogin. „Sie ist störrisch und hartnäckig fordernd im Jugendamt aufgetreten. Sie wollte sich nicht weiter so kontrollieren lassen.“ In die zunächst freiwilligen Hausbesuche und die Förderung über die Spielgruppe willigte sie aber ein.
Die Hausbesuche des Jugendamtes liefen zunächst auf freiwilliger Basis. Als die jetzt vor dem Landgericht wegen Vernachlässigung und Misshandlung ihrer Zwillinge angeklagte Mutter dann nach Angaben der Sozialpädagogin „sechs von acht Termine absagte“, ordnete das Amt ab Mitte November die Besuche an.

Marien-Hospital schlug beim zweiten Klinikbesuch Alarm

Das Wohl der Kinder sah es da aber noch nicht gefährdet. Diese besuchten an zwei Tagen in der Woche die Spielgruppe. Das „U-Heft“ über die Regeluntersuchungen war bis dahin korrekt geführt, lag dann aber länger im Marien-Hospital, weil die Mutter es nicht abholte. Dorthin hatte sie eins der Zwillingsmädchen schon im Oktober 2014 mit blauen Flecken auf der Stirn einmal gebracht, als es „krampfte“. Man habe sich da natürlich auch auf die gute Zusammenarbeit mit dem Krankenhaus und dessen Einschätzung verlassen, so die Mitarbeiterin des Jugendamtes.
Die Mutter durfte das Kind wieder nach Hause nehmen. Mitte Januar 2015, als sie die Zwillinge erneut wegen eines Krampfanfalls mit dem Rettungswagen ins Marien-Hospital bringen ließ, schrillten dort alle Alarmglocken. In einem vielleicht schon lebensbedrohlichen Zustand der Unterernährung kamen sie dort an. Näheres zur medizinischen Seite hofft man am nächsten Verhandlungstag (11. Februar) zu erfahren, an dem weitere Ärzte geladen sind.

Mutter an Prügelei im Krankenhaus beteiligt

Noch in der Klinik nahm das Jugendamt die Zwillinge in seine Obhut. Randgeschehen ist, dass die Mutter sich an diesem Tag im „Marien“ mit Angehörigen in einer angeblichen Familiensache prügelte und eine Knöchelverletzung davontrug. Um ihr auch die ältere Tochter zu entziehen, bestellte sie das Jugendamt für den nächsten Tag ohne nähere Angaben ein. Als sie begriffen habe, um was es ging, so berichtete die Mitarbeiterin (29) des Amtes, „ist sie sehr böse geworden und hat mit ihren Krücken nach uns gestochen“.

Ältere Tochter durfte zur Mutter zurück

Die ältere Tochter befindet sich heute wieder bei der Mutter. Diese setzte die Rückführung beim Amtsgericht durch – gegen die ausdrückliche Empfehlung des Jugendamtes.
Die Zwillinge leben seit einem Jahr in einem Kinderschutzhaus. „Extrem dünn, völlig apathisch und reglos, ohne jene Mimik und Gestik“ seien sie dort nach der Behandlung im Marien-Hospital angekommen, erinnerte sich die Leiterin (37). Die damals 21 Monate alten Mädchen hätten sich nur kurz auf den Beinen halten können. „Dann sind sie umgeplumpst. Selbst zum Robben oder Krabbeln waren sie zu schwach.“

Süßigkeiten als „Türöffner“

Die Nahrungsaufnahme sei zuerst sehr schwierig gewesen. Mit einem Becher oder einer Schnabeltasse hätten die Zwillinge nichts anzufangen gewusst, nur mit der Babyflasche „hat es funktioniert“. Brot kannten sie offensichtlich nicht, sie zerbröselten es nur. Nur Brei nahmen sie irgendwann auf. Bei den Besuchen der Mutter und des Vaters im Kinderschutzhaus bemerkten die Betreuer, dass diese sehr süße Getränke und andere Süßigkeiten mit Erfolg als „Türöffner“ einsetzten. Trennungsschmerz hätten die Kinder nicht gezeigt.

Den Kindern geht es wieder besser

Auch dank heilpädagogischer Frühförderung haben die Zwillinge in einem Jahr „rasante“ Fortschritte gemacht und ihre Altersgenossen in vielerlei Hinsicht wieder eingeholt – bei Größe und Gewicht sind sie aber noch hinterher. Noch nicht abschließend geklärt ist vor Gericht, wie es sich mit der „Stoffwechselkrankheit“ verhält, die die Mutter als Auslöser für die Unterernährung angegeben haben soll.

http://www.derwesten.de/staedte/witten/wittener-jugendamt-sah-keine-warnsignale-auf-vernachlaessigung-id11502642.html