Dienstag, 28. Juni 2016

Hamburg: Fall Tayler - Jugendamt schaute weg

Ein halbes Jahr nach dem Tod eines 13 Monate alten Kindes aus Altona-Nord hat die Staatsanwaltschaft Anklage gegen den bereits in Untersuchungshaft sitzenden Lebensgefährten der Mutter erhoben. Der Mann wird des Totschlags beschuldigt. Der 27-jährige Stiefvater soll den einjährigen Tayler so heftig geschüttelt haben, dass das Kind eine Woche später im Krankenhaus verstarb. Die Ermittlungen gegen die Mutter des Kindes hingegen wurden eingestellt. Die Ermittler sind sich sicher, dass sie Einkäufe erledigte, als ihr Freund das Kleinkind in ihrer Wohnung misshandelte.

Der 27-jährige Michael Q. war bereits Mitte April festgenommen worden, nachdem ihn ein weiteres rechtsmedizinisches Gutachten erheblich belastet hatte. Die feingewebliche Untersuchung hatte den Zeitpunkt der Tat minutengenau bestimmen können und den 27-Jährigen damit als einzig möglichen Täter bestimmt: Am 12. Dezember gegen 16.30 Uhr soll er das Kind "unter billigender Inkaufnahme tödlicher Verletzungen" so geschüttelt haben, dass es "klinische Symptome" zeigte, schreibt das Hamburger Abendblatt, das zuerst über die Anklage berichtete. 

Tayler habe daraufhin gekrampft und unter Atemnot gelitten. Q. selbst soll dann die Rettungskräfte der Feuerwehr gerufen haben. "Trotz aller sofortigen neurochirurgischen Eingriffe verstarb des Kind am 19. Dezember", zitiert die Sprecherin der Staatsanwaltschaft, Oberstaatsanwältin Nana Frombach, aus der Anklageschrift. Wie die rechtsmedizinische Untersuchung des Leichnams ergab, hatte das Kind durch das massive, heftige und gewaltsame Schütteln eine Hirnblutung erlitten. Die Polizei ermittelte daraufhin gegen die 23-jährige Mutter Jacqueline B. und Michael Q., die die Tat bestritten und sich gegenseitig beschuldigten.
Michael Q. hatte sich nach dem Tod des kleinen Jungen überaus unverfroren gezeigt: Wenige Tage nach der Tat war er zunächst in ein Flugzeug gestiegen und in den Urlaub nach Spanien aufgebrochen. Im Januar allerdings kehrte er nach Hamburg zurück. Die Ermittler hatten damals nicht ausgeschlossen, dass er sich dem Verfahren entziehen wollte. Am 17. April dann wurde er in seiner Wohnung in Schenefeld festgenommen und in die Untersuchungshaftanstalt am Holstenglacis gebracht. Dass er den Sohn seiner Lebensgefährtin zu Tode schüttelte, hat er bis heute nicht zugegeben. Das Motiv ist weiterhin unklar. Wann der Prozess gegen Michael Q. beginnen wird, steht noch nicht fest. Zunächst muss ein Richter über die Eröffnung des Hauptverfahrens entscheiden.

Warum wurde der Junge nicht aus der Familie genommen?

Ungeachtet der strafrechtlichen Ermittlungen gegen den 27-Jährigen, führt die Staatsanwaltschaft auch ein Vorermittlungsverfahren, das die Frage klären soll, ob sich im Fall Tayler auch Betreuer strafbar gemacht haben. Für die Familie zuständig war das Jugendamt Altona und die Kinder- und Jugendhilfe-Stiftung Rauhes Haus. Insbesondere soll geklärt werden, warum der Junge nicht aus der Familie genommen wurde, obwohl es bereits Anzeichen für Misshandlungen gegeben hatte. Die Jugendhilfeinspektion hatte in diesem Zusammenhang bereits das zuständige Jugendamt Altona kritisiert, es sei bei der Betreuung zu schweren Versäumnissen gekommen, hieß es in einem Bericht.
Mehrfach sollen kleine Verletzungen am Kopf des Kindes zwar von den Betreuern aufgenommen, allerdings nicht gemeldet worden sein. Schwerer wiegen die Vorwürfe gegen die Betreuer angesichts eines Schlüsselbeinbruchs, den der damals erst ein paar Monate alte Tayler im August vergangenen Jahres in der Familie erlitten hatte. Als die Mutter die Verletzung nicht glaubwürdig erklären konnte, wurden Tayler und sein Bruder zunächst in einer Pflegefamilie untergebracht. Im Oktober 2015 entschied das Jugendamt jedoch, dass die Söhne zur Mutter zurückkehren sollen, weil nicht nachgewiesen werden konnte, dass Tayler misshandelt worden war.

Gemeinsam mit der SPD und den Grünen will die Hamburger Linke bewirken, dass eine Enquete-Kommission zum Thema Kinderschutz einberufen wird. Sie soll ihre Arbeit schon nach der Sommerpause aufnehmen das Hamburger Unterstützungssystem für Kinder und deren Lebensbedingungen unter die Lupe nehmen. Die CDU hingegen kritisiert diesen Vorstoß als politisches Mittel, um die Diskussion hinauszuzögern. Sie setzt auf einen eigenen Bürgerschaftsantrag zur Neuregelung des Kinderschutzes. Nach zahlreichen Untersuchungsausschüssen seien die Schwachstellen und Versäumnisse doch bekannt, heißt es. Es gehe jetzt darum, Handlungslinien konsequent umzusetzen.

Augsburg: Baby fast verhungert - das Jugendamt war gewarnt und hat weggeschaut

In einem Prozess um ein fast verhungertes Baby sind auch Defizite beim Augsburger Jugendamt offengelegt worden. Eine 29-Jährige muss sich derzeit vor dem Landgericht Augsburg wegen versuchten Mordes verantworten, nachdem ihr acht Monate altes Baby laut Anklage mit einer lebensbedrohlichen Unterernährung in eine Klinik gekommen war. Ärzte konnten dem Buben gerade noch das Leben retten.

Eine Freundin der Angeklagten sagte am Montag in dem Verfahren aus, sie und eine Bekannte hätten mehrfach das Jugendamt auf die Vernachlässigung der Kinder aufmerksam gemacht. Auch dem Bruder dieser Freundin, der bei Besuchen dabei war, fielen die schlechten Zustände in der Wohnung auf, in der die drei Kinder aufwachsen mussten. „Es war dreckig dort, es war stickig, sie hat keine Fenster aufgemacht“, sagte er. Die Zeugen berichteten, dass die 29-Jährige gerne gefeiert, viel Alkohol getrunken und eher mit ihrem Handy rumgespielt habe, statt sich um die drei Kinder zu kümmern.

Sozialarbeiterin schaute das Baby gar nicht an

Einer Sozialarbeiterin, die im Auftrag des Amtes die Mutter besuchte, fiel das dramatische Untergewicht des Säuglings dennoch nicht auf. Denn die vom Jugendamt beauftragte Frau hatte sich das Baby gar nicht angeschaut. Eine plausible Erklärung dafür konnte die Frau als Zeugin vor Gericht nicht liefern.

Die Stadt Augsburg hatte im Vorfeld des Prozesses erklärt, dass aus Datenschutzgründen keine Auskünfte zu dem Fall gegeben werden könnten. Letztlich sei durch das „umsichtige, konsequente und fachlich richtige Verhalten“ einer sozialpädagogischen Fachkraft des Amtes der Tod des Kindes verhindert worden, erklärte die Stadt.

Die Gerichtsmedizinerin erläuterte in dem Prozess, dass auch die beiden älteren Kinder der Angeklagten, ein noch nicht ganz zweijähriger Bub und ein vierjähriges Mädchen, unterernährt gewesen seien. Allerdings sei deren Zustand weniger dramatisch gewesen als bei dem Baby, dass wochenlang zu wenig Nahrung bekommen habe. In dem Prozess soll voraussichtlich am Mittwoch das Urteil verkündet werden.
dpa


Freitag, 24. Juni 2016

Augsburg: Warum griff das Jugendamt nicht ein?

Im Fall der 29-jährigen Sarah P. (alle Namen im Text geändert), die sich zur Zeit unter anderem wegen versuchten Mordes an ihrem acht Monate alten Sohn Janosch vor dem Schwurgericht des Augsburger Landgerichts verantworten muss, kamen gestern einige Zeugen zu Wort. Neben den Ärzten, die die drei Kinder der Angeklagten im Akutfall behandelt hatten, schilderte eine Sozialpädagogin des Jugendamts, wie es aus ihrer Sicht so weit kommen konnte. Denn P. war dem Amt seit Jahren bekannt. 

Die Staatsanwaltschaft wirft der 29-Jährigen vor, ihre Kinder in strafbarer Weise vernachlässigt zu haben. Ihren jüngsten Sohn habe sie so schlecht versorgt, dass er beinahe verhungert wäre. Die Angeklagte selbst hat zu den Vorwürfen bereits am Dienstag Stellung genommen (wir berichteten), am zweiten Verhandlungstag stand nun die Aussage der zuständigen Sozialpädagogin des Jugendamtes im Mittelpunkt der Verhandlung. 

Zum ersten Mal aktiv wurde die Behörde bereits 2008, als die beiden ältesten Kinder der fünffachen Mutter in die Obhut ihres Vaters gegeben wurden. Die 29-Jährige hatte wiederholt ihre Aufsichtspflicht verletzt. 2010, als sie mit ihrer Tochter Melanie schwanger war, stellte ihr das Jugendamt für eineinhalb Jahre eine Betreuung zur Seite. Im Januar 2014 sah das Jugendamt erneut Bedarf für Unterstützung. Julian, der vierte Sohn der 29-Jährigen sei zu dieser Zeit schon auf der Welt gewesen und man habe Bedenken wegen der mangelnden emotionalen Bindung zwischen Mutter und Kind gehabt, erklärt die Pädagogin. Für dreieinhalb Monate wurde der Angeklagten eine sogenannte ambulante intensive Begleitung zugewiesen.

In all diesen Fällen habe die junge Mutter sich aber einsichtig und lernwillig gezeigt, so die Sozialpädagogin. Sie habe manchmal überfordert gewirkt, aber es habe nie eine Situation gegeben, die akut gefährlich gewesen wäre. „Wir haben schließlich keinen weiteren Hilfsbedarf mehr gesehen.“ So wurden lediglich noch drei Kontrollen im Verlauf eines Jahres angesetzt.

Im April 2015 sei dann aber eine Meldung beim Amt eingegangen, dass die Kinder sehr dünn ausgesehen hätten. Als sie die Familie daraufhin besucht habe, erzählt die Pädagogin, hätten die beiden älteren Kinder einen verstörten Eindruck gemacht und sie habe P. nachdrücklich aufgefordert, mit den beiden zum Arzt zu gehen. Säugling Janosch allerdings, der zu diesem Zeitpunkt geschlafen habe, habe sie sich „nicht genau angeschaut“, erklärt die Sozialpädagogin.

Dennoch skeptisch sei sie Anfang Mai, diesmal unangemeldet, wieder bei P. vor der Tür gestanden. Die Wohnung sei in keinem so guten Zustand gewesen, wie bei angekündigten Besuchen. Als „Aura der Vernachlässigung“ beschreibt die Mitarbeiterin des Jugendamtes ihren Eindruck. Sie habe darauf bestanden, diesmal auch Janosch zu sehen. „Als Frau P. ihn ausgezogen hat, war klar, dass wir in die Notaufnahme fahren“, berichtet sie. „Wir haben sie gefragt, ob sie den Zustand ihres Sohnes nicht bemerkt hätte. Sie hat nur geantwortet: ’Nein, wieso?’“ Die Verblüffung der 29-Jährigen habe auf sie in diesem Moment glaubhaft gewirkt.

Der acht Monate alte Janosch schwebte zum Zeitpunkt seiner Einlieferung in akuter Lebensgefahr und musste über rund fünf Wochen im Klinikum behandelt werden. 3950 Gramm habe der Junge bei seiner Einlieferung gewogen, berichtet der zuständige Arzt. Also fast drei Kilogramm weniger, als ein Kind in diesem Alter mindestens wiegen sollte. Er habe trockene, ledrige Haut gehabt, habe sich nicht spontan allein bewegt, habe weder gestrampelt noch geschrien, beschreibt der Arzt. Er habe seinen Kopf nicht alleine heben, sich nicht drehen, keinen Unterarmstütz machen können – alles Dinge, die zur normalen Entwicklung bis zum achten Monat dazu gehören. Im Klinikum wurde er langsam wieder aufgepäppelt.

Die beiden älteren Geschwister, die fünfjährige Melanie und der zweijährige Julian, wurden über etwa zwei Wochen im Josefinum behandelt. Julian sei unterernährt und sehr schwach gewesen, berichten die zuständigen Ärztinnen. Bei seiner Einlieferung habe er nicht alleine stehen können. Auch Melanie sei sehr dünn gewesen und habe trotz ihrer fünf Jahre noch eine Windel gebraucht.

Während Janosch seit seiner Entlassung aus dem Klinikum bei seinem Vater lebt, wurden Melanie und Julian in einer Pflegefamilie untergebracht. P., die weiterhin in Verbindung mit dem Jugendamt stand, sei bemüht gewesen, die Kinder wieder zu bekommen, berichtet die Sozialpädagogin. „Für uns als Jugendamt war aber klar, dass da kein Weg hinführt.“ Nach rund zwei Monaten sei die Angeklagte schließlich nicht mehr erreichbar gewesen.

Die Verhandlung wird am Montag fortgesetzt. Dann soll unter anderem eine Freundin der Angeklagten aussagen. Ein Urteil könnte am Mittwoch fallen. 

Sonntag, 19. Juni 2016

Augsburg: das Jugendamt hat nichts bemerkt - Baby fast verhungert...

Das Leben des kleinen Kevin* hing am seidenen Faden. Das Baby wurde von seiner Mutter so vernachlässigt, dass es mit acht Monaten stark unterernährt war und an einer schweren Virusinfektion litt. Am 4. Mai 2015 ordnete das Jugendamt an, dass der Junge sofort in die Kinderklinik muss. Lange hätte er sonst wohl nicht mehr überlebt. Gegen die Mutter des Jungen, Sindy P., beginnt nächste Woche ein Prozess. Sie ist wegen versuchten Mordes angeklagt. Doch der Fall wirft auch die Frage auf: Hätte das Jugendamt nicht früher reagieren und ihr das Baby wegnehmen müssen?

Dass Sindy P., 29, nicht gerade eine vorbildliche Mutter ist, wusste man beim Amt schon länger. Als der kleine Kevin im September 2014 zu Welt kommt, ist er das fünfte Kind von insgesamt vier Vätern. Zwei ältere Söhne, 2006 und 2007 geboren, sind da laut Anklage wegen „Aufsichtspflichtverletzungen“ bereits zum Vater gegeben worden. Auch eine intensive Betreuung durch pädagogische Fachkräfte ist zeitweise schon vom Jugendamt angeordnet worden. Sie dauerte von Januar bis Mai 2014. Bislang unklar ist, wie eng die Betreuung und die Kontrolle nach Kevins Geburt im Herbst 2014 ausgefallen sind. Der Neugeborene und zwei Geschwister, 2010 und 2013 geboren, leben zu der Zeit bei der Mutter. In einer Wohnung für Obdachlose im Bärenkeller.

Drei Besuche bei der Mutter

Mitarbeiter eines vom Amt beauftragten Dienstleisters sind nach Kevins Geburt offenbar noch insgesamt drei Mal bei der Mutter. Es handelt sich um eine sogenannte Nachsorge – nach der Phase der intensiven Betreuung im Frühjahr 2014. Nach einer sehr engmaschigen Betreuung klingt das aber eher nicht. Eine Mitarbeiterin des Dienstleisters war zuletzt am 21. April bei der Mutter. Also rund zwei Wochen, bevor das Baby in einem lebensbedrohlichen Zustand in die Klinik kam.

Hätte die Mitarbeiterin bei diesem Besuch im April nicht etwas bemerken müssen? Die Frau konfrontiert die Mutter bei dem Termin zumindest damit, dass es Hinweise gebe, ihr Kinder seien „sehr dünn“ und oft alleine, weil Sindy P. lieber feiern gehe. Die Betreuerin wirft bei dem Besuch offenbar auch einen Blick in ein abgedunkeltes Zimmer, in dem der kleine Kevin liegt und offensichtlich schläft. Die Mitarbeiterin ermahnt die Mutter, sich um die Kinder zu kümmern. Sie sieht aber keinen Anlass dafür, dass Kevin sofort von der Mutter weg in eine Klinik muss. Das geschieht erst am 4. Mai, als eine Fachkraft des Jugendamts die Familie aufsucht, um die Situation zu überprüfen.

Zwei Verfahren eingestellt

Die Staatsanwaltschaft hat in dem Fall zeitweise auch gegen zwei Verantwortliche des pädagogischen Dienstleisters ermittelt. Allerdings sind die Verfahren inzwischen eingestellt worden, sagt Matthias Nickolai, der Sprecher der Staatsanwaltschaft, auf Anfrage. In einem Fall wegen „erwiesener Unschuld“, im zweiten Fall, weil die Ermittler zumindest kein strafbares Fehlverhalten erkennen konnten.

Beim Jugendamt schweigt man zu den Einzelheiten des Falls – aus Datenschutzgründen. Fehler sind aus Sicht des Amtes aber keine gemacht worden. Amtsleiterin Sabine Nölke-Schaufler sagt auf Anfrage: „Nur durch das umsichtige, konsequente und fachlich richtige Verhalten der sozialpädagogischen Fachkraft unseres Amtes konnte der Tod dieses Kindes verhindert werden.“ Es sei im Einzelfall immer eine Abwägung, ob man Kinder, die in problematischen Verhältnissen leben, noch bei der Mutter lassen könne – oder ob man sie ihr wegnehmen muss. Dafür gebe es allerdings „verbindliche Leitfäden“.

Tod des Kindes verhindert

Der Tod des Jungen wurde durch das Einschreiten des Amtes verhindert. Den Ermittlungen zufolge war das aber knapp. Es ging dem Kind laut eines Gutachtens so schlecht, dass auch in der Klinik die Gefahr für sein Leben nicht sofort gebannt war. Wochenlang musste der Junge behandelt werden. Er wog nur 3950 Gramm – normal sind nach acht Monaten gut sieben bis zehn Kilo. Auch die beiden anderen Kinder, die bei der Mutter lebten, mussten einige Zeit stationär in einem Krankenhaus behandelt werden.

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass Sindy P. den möglichen Tod ihres Babys bewusst in Kauf genommen hat. Deshalb auch der Vorwurf des versuchten Mordes. Die Verteidigerin der Mutter, Anwältin Cornelia McCready, hält diesen Vorwurf dagegen für überzogen. Wie das Jugendamt und die vom Amt beauftragten pädagogischen Fachkräfte in dem Fall agierten, wird wohl auch im Prozess zur Sprache kommen. Sie sind teilweise als Zeugen geladen. Prozessauftakt vor dem Landgericht ist am Dienstag. Vier Prozesstage sind angesetzt. *Name geändert

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Baby fast verhungert: Der Fall wirft Fragen auf - weiter lesen auf Augsburger-Allgemeine: http://www.augsburger-allgemeine.de/augsburg/Baby-fast-verhungert-Der-Fall-wirft-Fragen-auf-id38154757.html

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Baby fast verhungert: Der Fall wirft Fragen auf - weiter lesen auf Augsburger-Allgemeine: http://www.augsburger-allgemeine.de/augsburg/Baby-fast-verhungert-Der-Fall-wirft-Fragen-auf-id38154757.html

Samstag, 18. Juni 2016

Eutin: Juri von der eigenen Mutter erwürgt - Jugendamt wusste über Kindeswohlgefährdung bescheid!

Vor zwei Monaten schockierte der Tod des kleinen Juri die Menschen in Eutin. Der zweieinhalb Jahre alte Junge war erstickt.

Jetzt sind sich die Ermittler sicher: Es war kein Unfall, die eigene Mutter soll Juri erwürgt haben. Am Donnerstag wurde Ramona R. (34) verhaftet. „Wir haben den dringenden Verdacht, dass sie das Kind durch Zudrehen des Schlafsacks stranguliert hat“, sagt Ulla Hingst, Sprecherin der Staatsanwaltschaft Lübeck.

Im April hatten Ramona R. und ihr Verlobter (37) im Gespräch mit dem Ostholsteiner Anzeiger noch erklärt: „Wir haben Juri nichts getan, ihn tot im Bett gefunden.“ Und sie sagten auch: „Wir haben unseren Engel geliebt.“

Fakt ist aber: Zu diesem Zeitpunkt waren Ramona R. bereits zwei Kinder entzogen worden, und das Jugendamt war informiert, dass die Eutinerin offenbar auch mit Juri überfordert war. „Ich habe Juri immer nur weinen gehört“, berichtet eine Nachbarin (24) des Paares. „Es wurde nur geschrien, mein Eindruck war, dass er ein schlimmes Leben hatte.“ Die junge Frau, ebenfalls Mutter eines Kleinkindes, hatte bereits im November 2015 das Jugendamt eingeschaltet – weil Juri geschlagen worden war. „Mein Freund hat die beiden sofort zur Rede gestellt“, berichtet die Nachbarin. Der Verlobte von Ramona R. soll geantwortet haben: „Der Junge braucht das – und die Windel war ja dazwischen.“ 
 
Ein weiterer Satz, der in dem hellhörigen Mietshaus gefallen sein soll, ist der Nachbarin besonders in Erinnerung geblieben: „Ich kann dich auch mal richtig verprügeln, du Missgeburt“, soll Ramona R. im Treppenhaus geschrien haben. Drei Wochen später war Juri tot.

Laut Staatsanwaltschaft bestreitet Ramona R., etwas mit dem Tod des Kindes zu tun zu haben. Sie behauptet, sie habe ihren Sohn wie immer in sein Bettchen gelegt, und Juri habe sich selbst mit seinem Schlafsack erdrosselt, was sie und ihr Verlobter erst am Morgen bemerkt haben wollen.

So schildert es der leibliche Vater von Juri, von dem Ramona R. sich 2014 getrennt hatte. Dennis L. zweifelte von Anfang an an dieser Aussage – nicht nur, weil Kinderschlafsäcke als besonders sicher gelten. Als er die Todesnachricht erhielt, war er sofort zur nahegelegenen Wohnung der Ex-Freundin gelaufen und sah Juri noch im Bettchen liegen. Zwischen Gerichtsmedizinern und Kripobeamten. „Er sah ganz friedlich aus. So als würde er schlafen.“

Aber: „Juri war übersät von blauen Flecken. Und am Hals hatte er an seiner linken Seite eine rote Stelle, außerdem einen Kratzer wie von einem Fingernagel.“ Zudem kam es Dennis L. seltsam vor, dass die Mutter nichts von Juris Todeskampf bemerkt haben will. „Sie schläft doch im selben Zimmer wie er.“

Auch die Ermittler glaubten nicht an einen Unfall. Am Institut für Rechtsmedizin seien Szenarien nachgestellt worden, wie Juri zu Tode gekommen sein könnte, erklärt die Staatsanwältin – mit dem Ergebnis, dass der Junge sich nicht selbst stranguliert hat, sondern dass der Schlafsack am Hals zugedreht worden sein muss. „Außerdem gibt es ein rechtsmedizinisches Gutachten, dass über den Mageninhalt den Todeszeitpunkt eingrenzt“, so Hingst.

Gegen den Verlobten wurde kein Haftbefehl erlassen, weil er aus Sicht der Staatsanwaltschaft für den ermittelten Zeitraum des Todes ein Alibi vorweisen kann. Nach Informationen des Ostholsteiner Anzeigers soll er nach einem heftigen Streit die Wohnung für längere Zeit verlassen haben. Es ging dabei um Juri – „er war dir schon immer ein Dorn im Auge“, soll Ramona R. zu ihrem Verlobten gesagt haben.

Die Nachbarin des Paares macht den Mitarbeitern des Jugendamts jetzt schwere Vorwürfe. Am 1. November habe ihr der Jugendamtsleiter zugesichert, sich um den Fall zu kümmern, erzählt sie. „Es kam dann jemand, doch es war nur eine Woche etwas ruhiger, dann ging es weiter wie immer.“ Am 23. März habe ihr Freund dann erneut beim Jugendamt vorgesprochen. Wieder kam ein Mitarbeiter. Er soll der Mutter Familienhilfe angeboten haben, die sie jedoch ablehnte.

Den Hochstuhl ihres Sohnes stellte Ramona R. gleich nach Juris Tod in den Hausflur, wo er abgeholt wurde. Dann soll sie mit ihrem Verlobten in der Küche Radio gehört und sich ganz in Ruhe unterhalten haben. Das erste Mal seit langer Zeit.

http://www.shz.de/lokales/ostholsteiner-anzeiger/juri-von-der-eigenen-mutter-erwuergt-id14009831.html