Mittwoch, 31. August 2011

Hamburg - Mädchen in der Bahn missbraucht: Täter noch flüchtig



Ein älterer Mann missbrauchte ein Mädchen in der U-Bahn der Linie 2. Täter ist 60- bis 65-Jahre alt. Bemerkten die Fahrgäste nichts?

Hamburg. Die Tat ereignete sich um kurz nach 18 Uhr, mitten im Berufsverkehr. Und niemand scheint etwas bemerkt zu haben. Ein Mädchen, gerade erst zwölf Jahre alt, wurde in einer U-Bahn sexuell missbraucht, auf einer der meistbefahrenen Strecken Hamburgs. Vier Stationen hatte der Täter Zeit, sein Opfer zu bedrängen und schließlich zu missbrauchen. Die Tat geschah bereits Anfang Juni. Doch der Täter ist noch immer nicht gefasst.

Die Ermittler des für Sexualdelikte zuständigen Landeskriminalamts 42 haben die Aufzeichnungen aus den Überwachungskameras der Hochbahn ausgewertet. Sie zeigen einen älteren und korpulenten Mann mit weißem Haarkranz und Schnauzbart. Die Polizei schätzt sein Alter auf 60 bis 65 Jahre. Er könnte der Großvater des Opfers sein, und vermutlich hielten ihn viele auch dafür.

Am Donnerstag, 9. Juni, um kurz nach 18 Uhr hatten die Zwölfjährige und der Täter jeweils am U-Bahnhof Osterstraße gewartet und waren dann in einen Zug der Linie U 2 in Richtung Niendorf Nord eingestiegen, sagt Polizeisprecherin Karina Sadowsky. Wie auf den Bildern zu sehen ist, suchte der Mann die Nähe des Mädchens, setzte sich vis-à-vis auf eine Bank. Auf Türkisch verwickelte er das Kind in ein Gespräch, brachte es dazu, den Platz zu wechseln und sich neben ihn zu setzen.

Worüber sie redeten, ist nicht bekannt, doch die Kameras zeichneten jede Sekunde des Missbrauchs auf. "Während des Gesprächs nahm der Mann sexuelle Handlungen an dem Mädchen vor", sagt Sadowsky, näher geht sie nicht auf die Tat ein. Mehrere Minuten hatte der Mann die Zwölfjährige im Griff, bevor sie zusammen am Bahnhof Niendorf Markt die Bahn verließen. Das Mädchen ging nach Hause, der Täter nahm die nächste Bahn in Richtung Innenstadt. Dort verliert sich seine Spur.

Dass der Missbrauch anscheinend nicht bemerkt wurde, dafür gibt es mehrere mögliche Erklärungen. Mangelnde Zivilcourage spielt offenbar keine Rolle, denn dem Täter spielten mehrere Umstände in die Hände: In der zu dieser Zeit normalerweise voll besetzten Bahn - die U 2 ist die am zweithäufigsten genutzte Linie der Hochbahn - waren nur wenige Fahrgäste. Das Mädchen verdeckte zudem den Schoß mit einem Rucksack. Außerdem geht die Polizei davon aus, dass die anderen Passagiere kein Türkisch verstanden und somit auch nicht, worüber Täter und Opfer redeten. Die anderen Fahrgäste glaubten wohl, dass beide zusammengehörten.

Obwohl sich die Zwölfjährige kurz nach dem Missbrauch ihrer Mutter offenbarte und die Eltern sofort die Polizei alarmierten, konnte der Täter bislang nicht ermittelt werden. Erst nachdem alle anderen Fahndungsmaßnahmen ausgeschöpft waren, genehmigte ein Richter gestern die Öffentlichkeitsfahndung. Angesichts der guten Qualität der Fotos hofft die Polizei auf einen schnellen Ermittlungserfolg.

Trotz des aktuellen Falls raten Kinderpsychologen Eltern, nicht in Panik zu verfallen: "Wichtig ist, dass sie ihren Kindern keine Angst einjagen und die Welt nicht als bedrohlich darstellen", sagt Diplom-Psychologin Dorit Paetzhold vom Kinderschutzzentrum Hamburg. Die Schwierigkeit bestehe darin, eine "Balance zwischen einem wachsamen und einem ängstlichen Blick auf die Welt zu finden". Für Kinder sei es nicht immer einfach, Situationen mit fremden Erwachsenen richtig einzuschätzen. "Ein anfangs harmloses Gespräch kann eine merkwürdige Wendung bekommen, und das Kind hat plötzlich ein mulmiges Gefühl", sagt die Expertin. "Wenn sich Kinder beispielsweise in der U-Bahn von einem Mann bedrängt fühlen, sollten sie sich an andere Erwachsene wenden und um Hilfe bitten." Kindern sollte vermittelt werden, dass sie durch einen Hilferuf auf sich aufmerksam machen können, wenn sie sich in einer sehr beängstigenden Situation befinden und sie plötzlich jemand anfasst.

"Eltern sollten ihnen durchaus auch erklären, dass es Erwachsene gibt, die Dinge tun, die Kinder nicht wollen und die auch nicht richtig sind." Auf konkrete Beispiele, die die Kleinen ängstigen, sollte jedoch verzichtet werden. Besser sei, Kinder zu bestärken, auf ihr Gefühl zu hören und mit ihnen über Grenzen zu reden. "Ihnen sollte bewusst gemacht werden, dass sie nichts tun oder sagen müssen, was ihnen unangenehm ist." Dazu zähle zum Beispiel auch, dass sie fremden Erwachsenen nicht ihren Namen verraten müssen.

Die Polizei hofft nun, dass die Zwölfjährige das traumatische Erlebnis bewältigen und ein normales Leben führen kann. In psychologischer Betreuung ist sie nicht, die Ferien verbrachte sie außerhalb Hamburgs.

Die Ermittler fragen: Wer kennt den Täter oder hat die Tat beobachtet? Hinweise bitte an die Polizei: Telefon 428 65 67 89.

http://www.abendblatt.de/nachrichten/article2009502/Maedchen-in-der-Bahn-missbraucht-Taeter-noch-fluechtig.html

„Auf der Walz“ ist eine Chance für Jugendliche mit Problemen oder billige Arbeitskräfte?


WÜNSDORF - „Ich bin schon anders geworden, ich raste nicht mehr so schnell aus“, sagt der 13-jährige Görkem und dreht sich die x-te Zigarette. Das Jugendamt hat ihn in das Walz-Projekt gesteckt, welches das Jugendheim „Heinrich Zille“ in Siethen und sein Träger, die gemeinnützige Gesellschaft zur Förderung Brandenburger Kinder und Jugendlicher (GfB), als sogenannte Erlebnispädagogik seit 2005 anbietet.

Ziel ist die Stabilisierung der Persönlichkeit und die Rückgewinnung der Beziehungs- und Bindefähigkeit. Die Jugendlichen, die mit einem umgebauten Zirkuswagen auf die Walz gehen, sind aufgefallen in der Gesellschaft, negativ. Sie haben Verhaltensprobleme, sind aggressiv, aufmüpfig, wollen sich nicht einordnen. Görkem und Dominic leben bei ihren Eltern, nicht wie Benjamin im Heim.

Seit Anfang Mai sind die drei mit Erzieher Heiko Thieme auf der Walz, unter anderem in Brandenburg/Havel, in Cammer im Hohen Fläming, in Stahnsdorf und in Besdau bei Luckau. Noch bis heute sind sie in Wünsdorf, in der Bücherstadt.

Es ist kein Urlaub. Auf der Walz wird gearbeitet, von montags bis samstags. Das ist die Vereinbarung auch mit denen, auf deren Grundstücken sie für Wochen Halt machen und ihre Arbeitsleistung mit Wasser und Strom vergütet bekommen. Sie haben am Melkstand gearbeitet, Wege gepflastert, einen Friedhof und Grünanlagen gepflegt oder in der Landwirtschaft geholfen. „Nur der Sonntag ist uns heilig“, sagt Erzieher Heiko Thieme, der die Jungs auf der Walz betreut.

Der 15-jährige Benjamin ist seit gut drei Jahren im Heim und würde nur zu gern wieder nach Hause gehen. Aber er weiß, warum er eben dort nicht ist. Mit Aggressionsproblemen umschreibt er, was man Körperverletzung nennen würde. Aber der junge Mann hat ein Ziel: „Ich möchte die Schule schaffen und Maurer werden.“

Dominic ist der älteste unter den Dreien und wirkt auch im Gespräch vernünftiger, eben wie 16. Schule geschwänzt hat er schon lange nicht mehr. Mit den Lehrern kommt er besser zurecht und nach Blödsinn steht ihm auch nicht mehr der Sinn. „Für meine Zukunft wünsche ich mir einen Oberschulabschluss, vielleicht sogar das Abitur. Danach möchte ich irgendwas mit Tieren machen.“ Görkem will Maler werden.

Bis Ende Oktober sind sie noch auf der Walz, dann geht die Schule für sie, die ein halbes Jahr davon befreit sind, wieder los. Im Wohnwagen gibt es alles, was man zum Leben braucht, auch Herd, Spüle und Waschmaschine, nur der Fernseher fehlt. „Aber Handy ist gestattet“, sagt Görkem.

Auf der Walz herrschen Regeln. „Von montags bis samstags müssen wir um 7 Uhr aufstehen, gearbeitet wird von 9 bis 14 Uhr“, so Benjamin. In der Freizeit muss auch der Haushalt erledigt werden, also auch Einkauf und Wäsche. Gekocht wird, was die Jungs gerne essen beziehungsweise, was eingekauft wurde. „Wenn was fehlt, fehlt es eben“, so Heiko Thieme, „sie müssen den Einkaufszettel selber schreiben und lernen, an alles zu denken.“ Auch Taschengeld bekommen sie. „Das setzen wir in Süßigkeiten und Cola um.“ Was sie zum Rauchen brauchen, kriegen sie von den Eltern. „Es ist schon cool auf der Walz“, sagt Görkem und der Erzieher ergänzt: „Wie eine Familie sind wir noch nicht ganz, jeder der drei will sich behaupten. Aber wir haben viel geschafft und ich bin schon ganz zufrieden mit meinen Männern.“ (Von Heidi Borchert)


http://www.maerkischeallgemeine.de/cms/beitrag/12161447/61939/Auf-der-Walz-ist-eine-Chance-fuer-Jugendliche.html

Bildungspaket - Eilklage


8 Wochen nach Antrag erste Reaktion vom Jobcenter und – trotz Erklärung der Rechtswidrigkeit durch die Bundesagentur für Arbeit - Androhung vollständiger Streichung von Leistungen

Acht Monate nachdem das Bundesverfassungsgericht den Kindern das Grundrecht auf „Teilhabe“ als „unverfügbar“ und mit „Garantie“ zugesichert hat, ist dies auch für die Antragstellerin in dem am 17. August bei einem Sozialgericht eingereichten Eilverfahren immer noch nicht in Sicht.

Denn erst mal pocht jetzt - 8 Wochen nach Antragstellung - die Behörde auf die so genannte „Mitwirkungspflicht“. Die lautet: 4 Zusatzanträge, 4 Teilnahme-Bestätigungen von Schule und anderen, zahlreiche Zahlungsnachweise, Dokumentation von Zeugnissen, Schulnoten und „blauem Brief“, 4 Anbieter-Konto-Angaben, Vertrag mit dem Mittagessen-Anbieter, Freistellung von Datenschutz gegenüber Jobcenter, Jugendamt, Kita, Schule, Sportverein, Musik- und Nachhilfelehrer sowie eine Selbstauskunft des Nachhilfelehrers.
Bis zur Abgabe plant die Behörde schon mal einen weiteren Monat ein – Bearbeitungszeit nicht mitgerechnet. Das Jobcenter scheint wenig zu interessieren, dass bis dahin bereits ¾ des Jahres der Kinder-Grundrechts-Garantie verstrichen sind.

„Unverfügbares Kinder-Grundrecht heißt für die zur Umsetzung des sog. Bildungspakets verpflichteten Jobcenter offensichtlich nicht verfügbar,“ stellt Hartz4-Plattform Sprecherin Brigitte Vallenthin empört fest. „Anders lassen sich die unüberwindbaren Hürden, die die Verwaltungen davor auftürmen, nicht erklären. Hier wird nicht – im Sinne des Bundesverfassungsgerichts-Urteils vom 09.02.2010 - ein Grundrecht verwirklicht. Hier wird ein Grundrecht systematisch verweigert“.

In den Bildungspaket-Antrag einer Alleinerziehenden ist erst in dem Moment Bewegung gekommen, als der von der Hartz4-Plattform unterstützte Antrag auf einstweiligen Rechtsschutz beim Sozialgericht eingegangen war. Eine Woche später nämlich erhielt die Antragstellerin vom Jobcenter eine „Aufforderung zur Mitwirkung“. Die hat es allerdings in sich.

Für zwei Tagesausflüge im zurückliegenden Schuljahr solle

1.die Schulleitung eine Bestätigung ausstellen,
2.mitteilen, mit welchem Datum die Eltern darüber informiert worden waren,
3.den Namen des Klassenlehrers, der Klassenlehrerin benennen,
4.eine telefonische Kontaktmöglichkeit angeben und
5.eine Bankverbindung der Schule mitteilen, auf die die Leistung überwiesen werden solle.
6.Außerdem solle Nachweis für selbst bereits geleistete Zahlungen erbracht werden.

Für mehrtägige Klassenfahrten

ist derselbe Anforderungskatalog zu belegen – zusätzlich noch mit Dokumentation der Einzelpositionen für die Gesamtkosten, und zwar:

„1. Verpflegung, 2. Hin- und Rückfahrt, 3. Besichtigungen und kulturelle Veranstaltungen, 4. Taschengeld.“

Für Nachhilfe

will das Bildungspaket offensichtlich nicht im pädagogisch sinnvollen Moment unterstützen – dann nämlich, wenn Anschub-Hilfen bereits bei noch guten Leistungen vorbeugend und motivierend sinnvoll sind. Der Voraussetzungs-Katalog setzt hier erst in dem Moment ein, wo das Kind schon in den Brunnen gefallen und die Motivation er Schülerinnen und Schüler bereits im Keller ist.

Ein Lernförderungs-Bedarf könnte sich danach begründen, wenn

1.„zwei Klassenarbeiten aus dem laufenden Schuljahr im selben Fach mit den Noten „mangelhaft“ oder eine Klassenarbeit mit der Note „ungenügend“ vorliege,
2.„eine Benachrichtigung der Schule über eine Versetzungsgefährdung (so genannter „blauer Brief“)“ zugestellt worden sei,
3.sich ein „Hinweis auf dem Halbjahreszeugnis über eine Versetzungsgefährdung“ befände,
4.„Krankheit bedingte Nicht-Teilnahme am Unterricht für eine Dauer von sechs Wochen oder mehr“ nachgewiesen werde oder
5.im „besonderen Einzelfall (z.B. Vorbereitung für die Nachprüfung)“ notwendig sei, gegenüber dem Jobcenter „näher begründet“ werden müsse.

Wenn Kinder bereits Lernförderung erhalten hätten, könne ein Folge-Antrag gestellt werden

1.„nur wenn die Höchstförderung von 35 Stunden noch nicht erreicht wurde“.
2.Dafür „benötigt“ die Jobcenter-Verwaltung „die letzten drei Zeugnisse“ sowie
3.„eine Bescheinigung der Einrichtung bzw. Person, wodurch die Durchführung der Lernförderung sowie die regelmäßiger Teilnahme daran bestätigt wird.“

Bei der Schule müsse beantragt werden, zu bescheinigen,

1.„dass die Lernförderung zusätzlich erforderlich ist, weil sie von der Schule“ nicht „gewährleistet werden kann,“
2.solle die Schule bescheinigen, ob „ein Antrag auf Hilfen zur Erziehung (…) gestellt“ wurde,
3.einen „Vorschlag“ für die Lernförderung machen sowie
4.„bestätigen, dass die Lernförderung geeignet ist, um die (…) wesentlichen Lernziele (wie Versetzung in die nächste Klassenstufe, Erreichen des Schulabschlusses) zu erreichen“.
In dem Zusammenhang stellt sich auch bereits die juristische Frage, wer im Nachhinein für die Kosten haftet, wenn dieses sog. Lernziel nicht, bzw. nicht im ersten Anlauf erreicht wird und – wie bereits geschehen - Sozialgerichte in dem Falle die Rückerstattung der Kosten von den Eltern fordern.
5.Dann folgt die Aufforderung zu mehrere Freigaben des Datenschutzes

für die Schule gegenüber dem Jobcenter, verbunden mit der Einwilligung, „dass die Schule auf Verlangen die entsprechenden personenbezogenen Daten (Zeugnisse, Klassenarbeiten, sonstige Leistungsnachweise) zur Verfügung stellt.“
Für das Jugendamt gegenüber dem Jobcenter, das ggf. „Auf Verlangen Angaben bestätigen“ solle.
Und dem angeforderten Einverständnis, „eine Kopie des Bewilligungsbescheides an den Anbieter der Lernförderung zu senden“ ohne das der unterzeichnende Antragsteller weiß, welche personenbezogenen und zu schützenden Sozialdaten dieser Bescheid enthält.
Obendrein der Warnhinweis, dass auch das Finanzamt kontrollieren könne und zwar mit der geforderten Bestätigung, man „habe den Anbieter der Lernförderung auf etwaige steuer- und sozialversicherungsrechtliche Pflichten hingewiesen.“
Und es kommen noch weitere Hürden mit dem „Zusatzfragebogen Lernförderung“ hinzu:

1.„Name“ und „Anschrift“ des Nachhilfelehrers seien anzugeben und wenn der
2.nicht „von der Schule empfohlen“ worden sei, so müssten „selbst gesuchte Kräfte der Stadt (…) die erforderlichen Daten im Rahmen einer Selbstauskunft übermitteln.“

Abschließend zum Thema „Lernförderung“ erfolgt der „freundliche“ Hinweis:

„Ich mache Sie darauf aufmerksam, dass trotz Anforderung der Zahlungsbelege noch keine Entscheidung über eine mögliche Bewilligung getroffen wurde.“

Für die Mittagsverpflegung wird abermals St. Bürokratius heftig bemüht.

1.ist die „regelmäßige“ Teilnahme „am gemeinschaftlichen Mittagessen“ zu bestätigen.
2.werden „die jeweiligen vertraglichen Vereinbarungen mit dem Anbieter des Mittagessens“ sowie
3.die „Kostennachweise“ verlangt und
4.obendrein wieder die Unterschrift unter mehrere Freigaben von Datenschutz:
- gegenüber der „Schule“,
- dem „Träger“ - von dem wohl kein Unterzeichner weiß, wer das ist und wem er seine
geschützten Daten zukommen lassen soll sowie
- dem „Caterer“ - mit Sicherheit ein Unternehmen, das an keinerlei Schweigepflicht
gebunden ist.
5.Wird schließlich verlangt, man solle nachweisen, ob man am NRW-Programm „Kein Kind ohne Mahlzeit“ teilnimmt. Auch dieses enthält bereits eine noch ungeniertere Datenschutz-Freistellung – nämlich die, „dass ich mit der Offenlegung der Bedürftigkeit an den Träger der Mittagsverpflegung einverstanden bin.“

Für die Schüler-Monatskarte sei

1.ein „Bewilligungs- bzw. Ablehnungsbescheid (…) bezüglich der Schülerbeförderungskosten“ bei einer sog. „Bildungsholding (ehemals Schulamt)“ einzuholen.
2.Wo der in eine Monatskarte umgewandelt werden kann, verrät das Schreiben des Jobcenters allerdings nicht.

Für Sportverein, Musikunterricht und Freizeit sollen jeweils

1.ein „Nachweis über die Kosten“,
2.ein „Nachweis, dass die Kosten bereits durch Sie gezahlt wurden“ sowie
3.die „Bankverbindung des Leistungsanbieters“ vorgelegt werden -
verbunden mit dem „freundlichen“ Hinweis:
„Ich mache Sie bereits jetzt darauf aufmerksam, dass im Bereich der Teilhabe am sozialen und kulturellen Leben lediglich ein monatlicher Betrag in Höhe von max. 10 Euro gewährt werden kann. Es ist daher nicht möglich, beispielsweise 10 Euro für einen Sportverein und parallel dazu 10 Euro für Musikunterricht zu gewähren.“

Der gesammelte Diskriminierungs-Katalog endet mit

„Bitte beachten Sie: Haben Sie bis zum genannten Termin nicht reagiert oder die geforderten Unterlagen nicht eingereicht, können die Leistungen ganz versagt werden, bis Sie die Mitwirkung nachholen.“

Es ist ein Skandal, findet die Hartz4-Plattform, wie hier mit Existenzverlust gedroht wird, um Datenschutz-Aufhebungen und diskriminierende Nachweise einzutreiben. Denn dieser Satzbaustein aus der Amtspost entspricht exakt dem bereits Anfang August im Zusammenhang mit dem Jobcenter Berlin von der Bundesagentur für Arbeit als „rechtswidrig“ zurückgewiesenen.

„Für uns als Bürgerinitiative stellt sich die Frage: Kann das Kinder-Grundrecht auf Bildung und Teilhabe als Bestandteil ihres „menschenwürdigen Existenzminimums“ - so wie es das Bundesverfassungsgericht mit seinem Urteil vom 09.02.2010 festgeschrieben hat - mit dem vermeintlichen Anspruch einer sog. Mitwirkung aus dem Sozialgesetzbuch „versagt werden? Die Antwort kann nur lauten: NEIN!“ stellt Brigitte Vallenthin fest.

www.hartz4-plattform.de
www.grundeinkommen-wiesbaden.de



Dienstag, 30. August 2011

Jugendamt Saale-Orla-Kreis - Vater streitet um mehr Umgang mit Kind


Für einen Vater war die Schuleinführungsfeier seines Kindes im Orlatal eher keine.

Ämter und Einrichtungen gehen willkürlich mit Eltern um, sagt Werner H. und verallgemeinert dabei seine Erlebnisse.

Pößneck. Nur ein, so wörtlich, "Gewaltakt", gemeint ist wohl eher ein Kraftakt, habe ihm möglich gemacht, am 20. August der Schuleinführung seines Kindes in der Orlaregion beizuwohnen. "Ich musste bis zur höchsten Instanz der Schulen, dem Kultusministerium, gehen. Jeder andere hätte aufgegeben, weil er nicht weiterkommt", meint H.

Der bei Stuttgart lebende Vater strebt einen intensiveren Umgang mit seinem Kind an, das einen Monat nach der Geburt in eine Pflegefamilie kam. Warum die Herauslösung aus der Familie erfolgte, sagt H. nicht. Nur soviel: "Ich bin weder kriminell noch habe ich Alkoholprobleme", ist sich der Vater keiner Schuld bewusst. Im Januar 2010 hatte das Amtsgericht Pößneck per Beschluss den Eltern die elterliche Sorge für das Kind entzogen. Im Dezember regelte das Amtsgericht "einen begleiteten Umgang des Vaters mit seinem Kind an jeweils vier Tagen im Jahr". Hiergegen legte H. Beschwerde ein, er strebt einen weitergehenden Umgang an. Auf diese Beschwerde und auch jene des Amtsvormundes und des Jugendamtes des Saale-Orla-Kreises beschloss der 1. Familiensenat des Thüringer Oberlandesgericht in Jena im April dieses Jahres, den Beschluss des Pößnecker Amtsgerichtes aufzuheben. Das Verfahren leide an wesentlichen Mängeln, wie es in der Begründung heißt. Ein neuer Gerichtstermin stehe im Oktober an, sagt H.

Zuvor wollte er jedoch an der Schuleinführung seines Kindes teilnehmen. Wegen des Termins und des Ortes hatten er und sein Anwalt sich schriftlich und telefonisch an das Jugendamt im Landratsamt Saale-Orla, die mögliche Schule, das Schulamt Jena-Stadtroda und das Kultusministerium gewandt. Das Schulamt habe ihm schließlich die Daten mitgeteilt, so H. "Aber ich musste zur Schuleinführung mit der Mutter in der letzten Reihe sitzen, konnte meinen Sohn nur von hinten sehen und nicht mit ihm reden", beklagt der Vater. Die Polizei war ebenfalls vor Ort, dem Vernehmen nach vorsorglich gerufen von der Schulleiterin, die sich wohl um den ungestörten Ablauf der Feier Sorgen gemacht hatte. Vorfälle registrierte die Polizei dann aber nicht, informierten die Beamten auf OTZ-Anfrage.

Das Jugendamt gab trotz wiederholter Anfragen zu diesem Fall keine Auskunft. Es sei ihm "unter Berücksichtigung eines laufenden Verfahrens, des Sozialdatenschutzes und des Kindeswohls nicht möglich", die Fragen zu beantworten, hieß es zuletzt gestern. Neben dem jetzt eingeschulten Kind lebt ein weiteres schulpflichtiges Kind von Werner H. in einer Pflegefamilie im Saale-Orla-Kreis.

Sandra Hoffmann / 30.08.11 / OTZ

http://www.tlz.de/startseite/detail/-/specific/Vater-streitet-um-mehr-Umgang-mit-Kind-1856996484

Ehepaar klagt gegen Jugendamt Würzburg

Es geht um sechs Euro und 57 Cent – pro Stunde. Diese Differenz liegt zwischen dem, was das Landratsamt und der Bezirk von Unterfranken einem Schulbegleiter zahlen – für ein und dieselbe Tätigkeit. Jetzt musste sich ein Gericht mit der Zahl beschäftigen. Eltern hatten im Namen ihres siebenjährigen Sohnes gegen das Jugendamt geklagt – keiner wollte mehr die Aufgabe beim siebenjährigen Knut (Name von der Redaktion geändert) aus dem Landkreis Würzburg übernehmen. Was nicht an Knut liegt, sondern an den sechs Euro 57 Cent.

Knut hat es in mehrfacher Hinsicht nicht leicht. Er leidet an einer Entwicklungsverzögerung, hat Probleme in der Aufmerksamkeitsteuerung, Sprachstörungen und weitere Verhaltensauffälligkeiten. Zudem wurden bei ihm ein frühkindlicher Autismus sowie eine Hörstörung diagnostiziert. Seine Eltern beantragten deshalb beim Bezirk Unterfranken die Bewilligung eines Schulbegleiters. Der Bezirk leitete den Antrag weiter an das Jugendamt des Landkreises Würzburg – womit der Stress erst so richtig losging.

Denn während der Bezirk Unterfranken für einen solchen Begleiter einen Stundensatz von 18,47 Euro bezahlt, legt der Landkreis nur 11,90 Euro hin – was zur Folge hatte, dass die Schulwegbegleiterin von Knut nach einem Jahr kündigte. Knuts Eltern klagten nun für ihren Sohn vor dem Verwaltungsgericht Würzburg um die Differenzerstattung zwischen Bezirks- und Landkreistarif.

Als Schulbegleiter werden Helfer bezeichnet, die bei Kindern und Jugendlichen Defizite im pflegerischen, motorischen, sozialen, emotionalen und kommunikativen Bereich ausgleichen, damit die Betreuten die Regel- oder Förderschulen besuchen können. Sie sind aber keine Lehrer.

Gravierende Differenz
Knuts bisherige Begleiterin betreut ab dem kommenden Schuljahr ein Kind aus Baden-Württemberg, das in Würzburg zur Schule geht. Künftig wird sie vom Bezirk entlohnt – und zwar mit dem höheren Stundensatz. Warum sie für Knuts Begleitung zur Schule nicht ebenfalls so bezahlt wurde, begründet man beim Bezirk mit einer Bescheinigung durch eine Psychologin: Demnach benötige Knut nur aufgrund seiner autismustypischen Störungen einen Schulbegleiter. Die Zuständigkeit liege somit beim Landkreis.

Knuts bisherige Schulbegleiterin hatte aber unmissverständlich klargemacht, dass sie keinesfalls bereit sei, noch länger für 11,90 Euro die Stunde zu arbeiten. Drei vom Jugendamt vorgeschlagene Kandidaten hatten ebenfalls abgewunken – sie kannten die höheren Stundensätze des Bezirks für die gleiche Tätigkeit. Organisationen wie das Rote Kreuz begeben sich aus diesem Grund gar nicht erst auf das dünne Eis der Schulbegleiterbeschäftigung.

Der Verwaltungsrichter machte einen Kompromissvorschlag dem ein Gesetzentwurf des Bayerischen Landtags zugrunde liegt. Doch dem konnten die Jugendamtsvertreter in der Verhandlung nicht zustimmen. Der Kompromiss hätte einen Stundensatz von 15 Euro vorgesehen. So blieben auch die Eltern von Knut bei ihrer Klage: Erstattung des Differenzbetrages von 18,47 Euro zu 11,90 Euro für ein Schuljahr.

Die dritte Kammer des Verwaltungsgerichts gab dem Ehepaar Recht: Das Jugendamt hat die Summe zu bezahlen. Ob der Landkreis gegen das Urteil Berufung einlegen wird, ist noch nicht klar. Man will dort die genaue Urteilsbegründung abwarten.

Letztlich könnte mit dieser Entscheidung ein Fass aufgemacht worden sein, welches in der immer stärker werdenden Inanspruchnahme von Schulbegleitern das Jugendamt mehr Geld kosten wird als bisher von ihm zugestanden.

http://www.mainpost.de/regional/wuerzburg/6-57-Euro-weniger-fuer-die-gleiche-Taetigkeit;art736,6303731

Auf der Flucht vor dem deutschen Jugendamt


Eltern sind mit dem Säugling und dessen zweijährigem Geschwisterkind auf der Flucht

Montag, 29. August 2011- 16:47 Uhr
14 hrs

Eltern sind mit dem Säugling und dessen zweijährigem Geschwisterkind auf der Flucht.Eltern sind mit dem Säugling und dessen zweijährigem Geschwisterkind auf der Flucht

Bielefeld (WB). Ein libanesisches Ehepaar hat sein fünf Monate altes Baby aus der Kinderklinik Bielefeld-Bethel verschleppt. Das Aufenthaltsbestimmungsrecht für den kleinen Jungen hat das Jugendamt Bad Oeynhausen. Die Eltern sind mit dem Säugling und dessen zweijährigem Geschwisterkind auf der Flucht.

Das Baby war Anfang April zur Welt gekommen. Wegen Hirnblutungen brachten die Eltern das Kind im August in die Kinderklinik Bethel, wo es von Neurochirurgen operiert wurde. Am Sonntag gegen 12.40 Uhr entdeckte eine Ärztin das leere Bett und alarmierte die Polizei. Nach Ermittlungen der Kripo hatte der Vater den Säugling heimlich aus dem Krankenhaus geholt.

Der Hintergrund: Weil sich auch für die Ärzte in Bethel der Verdacht eines Schütteltraumas ergeben hatte, hatte das Amtsgericht Bad Oeynhausen dem Jugendamt das Aufenthaltsbestimmungsrecht und die Gesundheitsfürsorge übertragen. Offenbar fürchtete der Vater, man werde ihm das Kind nun wegnehmen und es in einer Pflegefamilie unterbringen.


Bethel-Sprecher Jens Garlichs sagte, dem Säugling drohe keine akute Gefahr, da das Kind die OP gut überstanden habe. »Trotzdem erscheint es uns wichtig, dass die Eltern das Kind weiterhin von einem Arzt betreuen lassen«, sagte Rainer Printz, Sprecher der Oeynhausener Stadtverwaltung, der an die Eltern appelliert, sich zu melden.

Die Familie und ihr Auto stehen seit Sonntag im Fahndungscomputer.

http://www.westfalen-blatt.de/nachricht/2011-08-29-fuenf-monate-altes-baby-verschleppt/?cHash=5f673dcb6274673f71a5f68cf9f95c68

Anmerkung: Die Befürchtung des Vaters besteht wohl zu recht. War es eine Kindesmißhandlung oder war es keine? Warum wird hier nicht ermittelt?

Montag, 29. August 2011

Baby-Missbrauch – BKA bittet um Mithilfe bei Ermittlungen


Im Zusammenhang mit dem schweren sexuellen Missbrauch eines Säuglings suchen die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt am Main und das Bundeskriminalamt Wiesbaden (BKA) nach einem unbekannten Mann. Zum Schritt in die Öffentlichkeit habe man sich entschlossen, nachdem alle anderen Ermittlungsmöglichkeiten ausgeschöpft worden seien.

Das Video mit Angaben zum Täter ist unter diesem Link zu sehen:

http://www.welt.de/videos/panorama/article13433754/Baby-Missbrauch-BKA-bittet-um-Mithilfe-bei-Ermittlungen.html

Terminsverlegung in Sorgerechts- und Umgangsverfahren


Gemäß des seit 02.07.2008 geltenden § 50 e I FGG sind Verfahren, die den Aufenthalt des Kindes, das Umgangsrecht oder die Herausgabe des Kindes betreffen, sowie Verfahren wegen Gefährdung des Kindeswohls vorrangig und beschleunigt durchzuführen.

Das Gericht soll spätestens binnen eines Monats einen Termin zur Anhörung der Beteilgten und des Jugendamtes durchführen.

Gemäß § 50 e II 3 FGG ist eine Verlegung des Termins ist nur aus zwingenden Gründen zulässig.

Ein Antrag auf Teminsverlegung wegen der Kollision mit einem anderen Termin wird daher regelmäßig abzulehnen sein, es sei denn, bei dem kollidierenden Termin handelt es sich ebenfalls um eine Kindschaftssache (so die Terminologie des neuen FamFG).

Das am 01.09.2009 in Kraft tretende FamFG übernimmt diese Vorschrift wörtlich in § 155.



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Rosenheim - zwölfjähriger Manuel bleibt im Heim


Sexuell auffälliges Kind wird weit entfernt von zu Hause therapiert

Rosenheim - Der zwölf Jahre alte Manuel muss weiter in einer geschlossenen Einrichtung für sexuell auffällige Jugendliche in der Nähe von Münster bleiben. Das Amtsgericht Rosenheim bestätigte in einem Beschluss nach mündlicher Verhandlung seine entsprechende Entscheidung vom 21. Juli 2011. Nach Auskunft des Rechtsanwalts seiner Großmutter Erika (beide Namen geändert) ist der Aufenthalt vorerst bis 30. September begrenzt. Für die nächste Runde im Gerichtsverfahren um den Buben, der vier Jahre in einem Heim im Raum Rosenheim gelebt hat, müssen die Großmutter und ihr Rechtsbeistand wohl nach Coesfeld reisen, dem zuständigen Amtsgericht der Anstalt in Nottuln bei Münster.

'Das Jugendamt wies völlig überraschend nach mehreren Stunden Verhandlungen in Rosenheim darauf hin, dass das Verfahren auf seinen Antrag hin an das Gericht am jetzigen Wohnort des Buben gehen werde', sagt Anwalt Rainer Wiedermann. Er hält das Vorgehen vom zuständigen Jugendamt München und die Gerichtsbeschlüsse für völlig überzogen. 'Hier liegt eine Grundrechtsverletzung vor, man greift in die persönliche Freiheit des Kindes ein.' Manuel lebt seit Ende Juli in einer Gruppe sexuell auffälliger Jugendlicher. Nachts und an einem Nachmittag wird seine Zimmertür zugesperrt. Telefonieren mit Angehörigen dürfen die Jugendlichen nur Freitag und Samstag zu verbindlichen Zeiten.

Bis wenige Tage vor Ende des Schuljahres lebte Manuel in einer therapeutischen Einrichtung in Rosenheim. Dort wollte man ihn nicht mehr haben, weil sich seine sexuellen Auffälligkeiten verstärkt haben sollen. Er benutzte nicht nur vulgäre Ausdrücke, sondern ahmte eindeutige Posen nach und Griff anderen Mädchen und Buben an Geschlechtsteile. Warum der Richter unter 'Gefahr im Verzug' den Buben 600 Kilometer weg von seiner einzigen Bezugsperson, seiner Großmutter, schickte, ist bisher unklar. Heim und Jugendamt äußern sich nicht.

Der Anwalt der Großmutter, die sich nicht gegen eine therapeutische Behandlung des Buben wehrt, sondern gegen die Unterbringung in einer geschlossenen Anstalt in solch großer Entfernung, bekommt nach eigenen Angaben keinen Einblick in die Unterlagen des Jugendamtes. 'In vergleichbaren anderen Fällen bekomme ich die', sagt Rainer Wiedermann. 'Wenn wir sie einklagen, bringt das jetzt nichts: Das kann ein Jahr dauern.' Er vermutet, dass das Jugendamt 'schlampig gearbeitet hat', weil es versäumt hat, rechtzeitig einen neuen Platz zu suchen. Ungewöhnlich erscheint ihm auch, dass Manuel trotz der beschworenen Gefahr die Pfingstferien bei seiner Großmutter verbringen durfte. Und offenbar bis wenige Wochen vor der plötzlichen Abholung aus dem Heim überlegt wurde, Manuel mit ihr in den Sommerferien verreisen zu lassen. Es sei, so Wiedermann, auf Bitte der Oma sogar ein vorläufiger Personalausweis für Manuel ausgestellt worden. Er trägt das Ausstellungsdatum 14. Juli 2011. Heiner Effern


Kontakt zum Enkel nur per Urteil: Wie Gerichte beim Umgangsrecht der Großeltern entscheiden


Großeltern, die den Umgang mit ihren Enkeln im Prozess erstreiten wollen, gehen ein hohes Risiko ein zu verlieren. Gerichte prüfen in solchen Fällen sehr kritisch, ob der Kontakt nötig ist.

Wenn sich Paare trennen, leidet auch oft das Verhältnis der Kleinen zu den Großeltern, wenn diese in den Strudel der Auseinandersetzungen geraten und Partei ergreifen. Seit der Kindschaftsrechtsreform 1998 gibt es ein gesetzlich verankertes Umgangsrecht von Enkelkindern mit ihren Großeltern. Der Gesetzgeber würdigte damit, dass der Kontakt zu Oma und Opa für Kinder wichtig ist, um außerhalb der sogenannten Kernfamilie Vater – Mutter – Kind emotionale Bindungen aufzubauen.

Kindeswohl ist allein entscheidend

Was in der Theorie schön und relativ einfach klingt, ist in der Praxis schwierig durchzusetzen. Mittlerweile zeichnet sich bei den Gerichten ab, dass Großeltern nur mühsam ein Umgangsrecht erstreiten können. Unter anderem auch deswegen, weil sie im Prozess den Nachweis führen müssen, dass ihr Kontakt zu den Enkeln dem Kindeswohl dient.

Enge Bindung zu Oma und Opa hilft

Großeltern haben nur dann gute Chancen, ihre Enkelkinder weiter zu sehen, wenn sie vorher eine sehr enge Bindung zu ihren Nachkommen hatten, z.B. wenn sie die Kinder regelmäßig wöchentlich betreut haben oder in unmittelbarer Nachbarschaft wohnten und dadurch ein herzliches, vertrautes Verhältnis zwischen Jung und Alt bestand (OLG Hamm, Beschluss v. 23.2.2011, 8 WF 27/11; OLG Köln, Beschluss v. 2.4.2008, 14 UF 241/07; AG Langen, Beschluss v. 21.12.1998, 11 F 462/98; OLG Hamm, Beschluss v. 24.9.2002, 1 UF 72/02). Dann reichen die entstandenen Spannungen zwischen den Eltern und Großeltern alleine nicht aus, um einen Umgang zu unterbinden. Umgekehrt haben es deswegen auch Großeltern sehr schwer, deren Verhältnis zu den Kleinen wegen der Streitigkeiten inzwischen deutlich abgekühlt ist.

Praxistipp: Betroffene Großeltern sollten also im Fall der Fälle schnell Hilfe bei den Gerichten suchen, damit die Bindung zu den Enkelkindern nicht verloren geht.

Anders sieht es aus bei erheblichen Konflikten zwischen den Eltern und den Großeltern, die zu einem Loyalitätskonflikt der Kinder führen können (so z.B. OLG Naumburg, Beschluss v. 21.4.2005, 14 UF 219/04). In solchen Fällen entscheiden die Gerichte eher gegen den Kontakt.

Schlecht stehen die Chancen auch für Omas und Opas, die Einfluss auf die Erziehung ihrer Nachkommen nehmen wollen. Richter sind dann eher geneigt, ein Umgangsrecht abzulehnen. Einstimmiger Tenor hier: Erziehung ist Sache der Eltern (so z.B. OLG Hamm, Beschluss v. 24.9.2002, 1 UF 72/02).



Traumapädagogik - Partizipation ist heilsam!

zur entwicklungslogischen, fördernden und heilenden Wirksamkeit von Beteiligung in der Kinder- und Jugendhilfe

"Nicht bemitleiden, nicht auslachen, nicht verabscheuen, sondern verstehen." (Spinoza)

"Ich setzte meinen Fuß in die Luft - und sie trug." (Hilde Domin)


"Partizipation" ist ein Reizbegriff. Wenn er fällt, reagiert ein nicht zu unterschätzender Anteil der betroffenen PädagogInnen mit Zurückhaltung oder Abwehr. Ein Reflex, der stutzig macht... - einerseits preisverdächtiger Titelbegriff für innovative soziale Projekte, andererseits Grund für steigenden Blutdruck und Verunsicherung auf Seiten mancher PraktikerInnen. Bei näherer Betrachtung ist jedoch festzustellen, dass die Partizipation zu Unrecht den Ruf einer "Unruhestifterin" hat. Im Gegenteil, kommt sie im Alltäglichen zur Geltung, dann zeigt sie sich als hilfreiches Instrument zur Bewältigung überflutender negativer Lebenserfahrungen. Dies gilt sowohl für eine hilfreiche individuelle Unterstützung eines traumatisierten Kindes, als auch institutionell zur Verhinderung von retraumatisierenden Gewalterfahrungen, die unter Gleichaltrigen in Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen drohen können.


Was ist "Partizipation"?


Wikipedia definiert "Partizipation" wie folgt: "Partizipation (v. lat.: particeps = an etwas teilnehmend; zugehöriges Verb: partizipieren) heißt übersetzt ''Beteiligung, Teilhabe, Teilnahme, Mitwirkung, Mitbestimmung, Einbeziehung''. (...) In der Pädagogik versteht man unter dem Begriff der Partizipation die Einbindung von Kindern und Jugendlichen bei allen das Zusammenleben betreffenden Ereignissen und Entscheidungsprozessen.
So werden z. B. Hausregeln von Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen gemeinsam ausgehandelt, bei der Wahl von Entscheidungsträgern in der Jugendverbandsarbeit wird das Stimmrecht auch an unter 18jährige vergeben, um diese direkt am Entscheidungsprozess partizipieren zu lassen." (Quelle: Wikipedia )

Die Rechtslage spricht sich eindeutig für die Partizipation von Kindern und Jugendlichen aus:

Im Allgemeinen

•GG § 1, Abs. 1: Die Würde des Menschen ist unantastbar.

•BGB § 1631 Abs. 2: Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig. (Dies gilt auch für die Erziehung bei Fremdunterbringung!)
Im Besonderen

•SGB VIII (KJHG) § 8, Abs. 1: Kinder und Jugendliche sind entsprechend ihrem Entwicklungsstand an allen sie betreffenden Entscheidungen der öffentlichen Jugendhilfe zu beteiligen.

•SGB VIII (KJHG) § 9, Abs. 2: Bei der Ausgestaltung der Leistungen und der Erfüllung der Aufgaben sind die wachsende Fähigkeit und das wachsende Bedürfnis des Kindes oder des Jugendlichen zu selbständigem, verantwortungsbewußten Handeln sowie die jeweiligen besonderen sozialen und kulturellen Bedürfnisse und Eigenarten junger Menschen und ihrer Familien zu berücksichtigen

•SGB VIII (KJHG) § 36, Abs. 1: Der Personensorgeberechtigte und das Kind oder der Jugendliche sind vor der Entscheidung über die Inanspruchnahme einer Hilfe und vor einer notwendigen Änderung von Art und Umfang der Hilfe zu beraten und auf die möglichen Folgen für die Entwicklung des Kindes oder des Jugendlichen hinzuweisen. (...) Ist Hilfe außerhalb der eigenen Familie erforderlich, so sind die in Satz 1 genannten Personen bei der Auswahl der Einrichtung oder der Pflegestelle zu beteiligen. Der Wahl und den Wünschen ist zu entsprechen, sofern sie nicht mit unverhältnismäßigen Mehrkosten verbunden sind.

•UNO-Kinderrechtskonvention (von D 1992 ratifiziert), u.a.:
◦Kinder haben das Recht, bei allen Fragen, die sie betreffen, mitzubestimmen und zu sagen, was sie denken.
◦Kinder haben das Recht, sich alle Informationen zu beschaffen, die sie brauchen, und ihre eigene Meinung zu verbreiten.
◦u.v.m.

Schon Definition und Rechtslage stellen klar, dass Partizipation mehr umfasst, als "einfach nur" Entscheidungen an Kinder und Jugendliche zu delegieren. Aus Analyse und Reflexion der Praxis lässt sich ein Stufenmodell möglicher partizipativer Praxis ableiten:



Beginnend auf der Stufe der Nicht-Information, die als Stufe der Nicht-Beteiligung bezeichnet werden muss, geht es dann mit zunehmender Beteiligung bis zur Selbstbestimmung als höchster Stufe. In der Kinder- und Jugendhilfepraxis lässt sich dabei zumeist eine Mischung der verschiedenen Stufen in den verschiedenen Alltagsbereichen festhalten. Für Kinder und Jugendliche ist es dabei von entscheidender Bedeutung, dass Beteiligung unmittelbare Ergebnisse hervorbringt, sonst wird sie nachweislich nicht ernst genommen. Gelebte Mitgestaltung ist ein Prozess erlebter Mitwirkung.

Partizipation bedeutet also nicht "Ent-Machtung" der Betreuungs- und Bezugspersonen, sondern "Beachtung" der Interessen von Kindern oder Jugendlichen. Beteiligung ist für Kinder, Jugendliche und Erwachsene ein gemeinsamer Lernprozess: Betreute müssen erfahren, "dass es was bringt" und Betreuende müssen sich von einigen alten Überzeugungen und Haltungen verabschieden, die ihnen bisher angeblich "Orientierung und Sicherheit" bieten. Dies führt zu einer veränderten Gesprächs- und Diskussionskultur in der Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung, von der alle Beteiligten profitieren. Somit wird deutlich, dass Partizipation nicht nur eine Frage von Organisationsstrukturen und Methoden, sondern eine pädagogische Grundhaltung ist. Es geht um die Gestaltung eines "umfassenden Dialogs" zwischen den professionell Betreuenden und den uns anvertrauten Kindern und Jugendlichen. Partizipation ist daher als Konsolidation dieses Dialoges zu verstehen, individuell und institutionell.


Dialog - das Grundprinzip pädagogischen Handelns

Die Geschichte der individuellen menschlichen Entwicklung (Ontogenese) ist eine Geschichte zwischenmenschlicher Kommunikationsleistungen als Grundlage dialogischer Beziehung von Anfang an. Die Erkenntnisse der neurobiologischen Forschung belegen bereits differenzierteste Kommunikationsmuster zwischen Mutter und Kind im pränatalen Bereich (Hüther 2006). Unmittelbar nach der Geburt sichern "angeborene Auslösemechanismen (AAM)" den beginnenden Dialog zwischen Mutter und Kind. So führt z.B. bereits der Reflex des Säuglings, beim Anlegen zum Stillen den Kopf wegzudrehen, zu einer Zuwendungsreaktion der Mutter. Und die Anbahnung der sog. "Lächelreaktion" lässt sogar eine neue emotionale Qualität in diesem vorsprachlichen Dialog entstehen, um an dieser Stelle nur zwei Beispiele zu nennen (Jantzen 1987). So gilt bereits hier, im vorsprachlichen Bereich: "Die gemeinsame Sprache wird damit im Dialog immer wieder neu geschaffen. Damit ist der Dialog, in diesem weiten Sinne verstanden, Weg und Ziel menschlichen Handelns zugleich." (Rödler 1985)

Dieser beginnende Dialog ist und wird ein empfindlicher bleiben, anfällig für vielfältige Störungen. Der aktuellen Säuglingsforschung ist zwar zu entnehmen, dass es "intuitive Kompetenzen" in der Eltern-Kind-Beziehung gibt, die aber durch soziale und gesellschaftliche Bedingungen irritiert und beeinträchtigt werden können (Papou¨ek 1997). Die kindliche Entwicklung läuft also nicht nach einem festen, vorbestimmten Programm ab, sondern ist von der Qualität dieses Dialoges mit der Umwelt abhängig - oder wie Georg Feuser in Anlehnung an Martin Buber formuliert hat: "Der Mensch wird zu dem Ich, dessen Du wir ihm sind." (Feuser 1999) - im Positiven wie im Negativen. Die Entwicklung des Dialoges ist also wie bereits beschrieben ontogenetisch gesichert, sie ist aber in der Biographie vieler Kinder hochgradig gefährdet - oder anders ausgedrückt: Das, was als natürlicher Prozess vorgesehen ist, wird durch das Soziale beeinflusst, beeinträchtigt oder im Extremfall gar gefährdet. Dort, wo dieser Dialog zwischen Eltern und Kindern gestört ist, sind Hilfe und Unterstützung von außerhalb des Familiensystems notwendig. Somit wird die Korrektur der Fehlleistungen im Dialog mit dem Kind zur Aufgabe der Kinder- und Jugendhilfe. Diese Fehlleistungen haben allerdings fatale Folgen, denn sie zersetzen und zerstören den kindlichen "Glauben an die Menschheit", sprich, die Fähigkeit des Kindes zu vertrauen.

Vertrauen ist definiert als "Überzeugung, dass etwas oder jmd. zuverlässig und berechenbar ist" (Wörterbuch der deutschen Sprache). "Vertrauen kann [also] als Kern aller pädagogischen Verhältnisformen angenommen werden; nicht als Faktum, sondern als Ziel. Vertrauen muss aufgebaut und gefestigt werden, damit das Kind Vertrauen in die Welt und in die eigene Kraft entwickelt. (...) Vertrauen ist in erster Linie etwas, was das Kind dem Erwachsenen entgegenbringt, nicht etwas was vom Erwachsenen erzeugt werden kann." (Reiser 2001) Professionelle BetreuerInnen können zwar somit Vertrauen nicht erwirken, aber müssen dafür sorgen, dass ihr Verhalten in der pädagogischen Begegnung mit dem Kind zuverlässig und berechenbar ist. Dies bedarf Behutsamkeit, dem Wissen, dass sich traumatisierte Kinder vor Grenzüberschreitungen schützen und das jeder Vertrauensmissbrauch unmittelbar zu schweren Beziehungsschwierigkeiten führt (Herz 2005).

Martin Buber schreibt in seinen "Reden über Erziehung": "Indem der Erzieher so Mal um Mal gewahr wird, was dieser Mensch [das Kind] in diesem Augenblick braucht und was nicht, führt es ihn immer tiefer in die Erkenntnis, was der Mensch [das Kind] braucht, damit er werde; aber auch in die, was er, der ''Erzieher'', von dem Gebrauchten zu geben vermag, was nicht, - was schon, was noch nicht." Der Dialog zwischen Kind und PädagogIn wirkt also nicht nur einseitig, sondern auf beide Beteiligte (Saalfrank 2005). Und wenn die PädagogIn letztendlich dazu in der Lage ist, aufzunehmen und zu erkennen, was ihr Handeln in ihrem Gegenüber bewirkt und auslöst, geschieht das, was Buber mit dem Begriff der "Umfassung" beschrieben hat: "Ich schaue hierbei also sozusagen von der anderen Seite her." (Rödler 1998). Die Gestaltung dieses "umfassenden Dialogs" bildet eine grundlegende, wenn auch arbeitsintensive partizipative Grundlage in der Kinder- und Jugendhilfe.

Den gestörten Dialog wiederaufnehmen



Eine traumatische Lebenserfahrung führt beim Kind schlagartig zu einem Abbruch dieses Austausches mit seiner Umwelt, denn es erlebt nicht nur eine massive Fremdeinwirkung oder -bestimmung, sondern eine überflutende Existenzbedrohung, der es schutzlos ausgeliefert ist. Dieser Abbruch ist u.a. in der spezifischen cerebralen Verarbeitung des Erfahrenen begründet: "Die mit dem Trauma verbundenen körperlich - vegetativen Angstbegleiterscheinungen, Sinneseindrücke, äußerer Traumakontext (z.B. Tageszeit), Gefühle, Affekte und Kognition und auch die selbstorganisatorischen Schutzmechanismen (s.o. Hormone) werden fraktioniert abgespeichert, ''wie die Splitter eines zersprungenen Spiegels.... und damit ihrer Zusammengehörigkeit und Zuordnungsmöglichkeit entkleidet.'' (Lutz-Ulrich Besser, Fortbildungsskript). Hirnphysiologische Basis dieser Zersplitterungsverarbeitung traumatischer Erlebnisse ist die Vorherrschaft der Amygdala (statt des Hippocampus)." (Vogt 2002) Dies hat zur Folge, dass wichtige Informationen, Sinneseindrücke und Gefühle im nicht-sprachlichen und kognitiv nicht zugänglichen Teil des limbischen Systems ("emotionales Gehirn") abgespeichert werden. Je anhaltender eine traumatische Gewalterfahrung ist (z.B. wiederholte sexualisierte Gewalt am Kind) und je jünger das Kind ist, desto unzugänglicher sind diese Informationen kortikal abgelegt.

Dies stellt eine besondere Herausforderung an die Wiederaufnahme des Dialoges zwischen Kind und PädagogIn dar. Kommt ein traumatisiertes Kind in eine Kinder- und Jugendhilfemaßnahme ist es i.d.R. nicht dialogbereit im obigen Sinne. Im Gegenteil, eine stationäre Unterbringung kann u.U. selbst ein traumatisches Erlebnis für das Kind sein. Daher steht nach Aufnahme eines Kindes als allererstes die Gestaltung und Gewährleistung von Sicherheit im Vordergrund, das Schaffen des "Sicheren Ortes". Die Arbeit der Erwachsenen an diesem "Sicheren Ort" durch einen "umfassenden Dialog" ist grundlegende Voraussetzung zur Vertrauensbildung.

Welche Bedeutung Partizipation für die Vertrauensentwicklung hat, benennt Perry: "Wenn diesem [traumatisierten] Kind Wahl- oder Kontrollmöglichkeiten bei einer Handlung oder in der Begegnung mit einem Erwachsenen gegeben werden, wird es sich sicherer, wohler fühlen und es wird auf eine ''mündigere / kompetentere'' Art und Weise denken und handeln." (Perry 2002) Interessanterweise spricht auch Perry hier zunächst von einem anderen Fühlen, und erst danach von einem anderen Denken und Handeln: Nur auf der Basis neuwertiger, positiver emotionaler Erfahrungen, die sozusagen die negativen cerebralen Speicherungen langsam verändern und ersetzen, kann es so auch zu positiven Alternativen auf Handlungsebene kommen, die wiederum einen neuen inneren Erfahrungskontext herstellen. Damit ein Kind neue, stützende und verlässliche emotionale Erfahrungen machen kann, die einen zunehmenden Schutz vor Triggerungen oder gar Retraumatisierungen darstellen, haben sich die betreuenden PädagogInnen also der verschiedenen "Stufen der Partizipation" (s. Abb. o.) bewusst zu sein und diese sachgemäß zu berücksichtigen.

•Stufe 0 - Nicht-Information, Manipulation: für ein traumatisiertes Kind besteht auf dieser Stufe ein erhöhter Gefährdungsfaktor, alte Erfahrungen von Fremdkontrolle im neuen Umfeld machen zu müssen. Dem Kind sind Prozesse und Maßnahmen nicht transparent, es erlebt sich den Entscheidungen der BetreuerInnen und Fallverantwortlichen ausgeliefert ("Wir werden das im Team besprechen!").

•Stufe 1 - Information (Mindestanforderung!): Das Kind wird umgehend über alle Dinge, die es betreffen - neue Entwicklungen und Planungen, usw. - informiert. Das Kind erhält dadurch die Möglichkeit, Prozesse einschätzen zu lernen, d.h. eigene Ängste und Befürchtungen an reale Vorgänge und Ereignisse zu koppeln, die damit begreifbarer werden.

•Stufe 2 - Mitsprache: Das Kind wird selbstverständlich nach seiner Sichtweise und Meinung gefragt, die Weichen stellen jedoch die Betreuungspersonen. Wichtig ist es dem Kind das Angebot der Mitsprache zu machen, unter keinen Umständen darf es dazu gedrängt werden! Ein traumatisiertes Kind benötigt oft Zeit und positiver Erfahrungen, um Mitsprache für sich ernst zu nehmen! "Keine Entscheidung ohne das Kind gehört zu haben!" bedeutet einen wichtigen Erfahrungssprung für einen Menschen, dem bislang Kontrolle und das Recht auf eigene Meinung verwehrt war.

•Stufe 3 - Mitbestimmung: Wenn das Kind bereit und in der Lage ist, sich gleichberechtigt am Entscheidungsverfahren zu beteiligen, ist dies die Wiederaufnahme des dialogischen Prinzips, dass dem Kind umfangreiche Kontroll- und Wahlmöglichkeiten gewährleistet.

•Stufe 4 - Selbstbestimmung: Das Kind erlebt Eigenverantwortlichkeit, auch in Teilfragen. Wo immer es geht, ist Selbstbestimmung zu realisieren, z.B. bei "unsicheren" Besuchskontakten (z.B. Herkunftssystem, Täterpersonen, usw.). Das Kind hat so jederzeit die Möglichkeit, Kontakte abzubrechen oder gar nicht erst wahrzunehmen, wenn es ihm zu "eng" wird. Effekt ist eine zunehmend größer werdende Wahrnehmung der eigenen Selbstwirksamkeit.

Ergänzende Hinweise zu den "Stufen der Partizipation":

Stufe 0 ist umfassend und in jedem Fall zu vermeiden! Mindestleistung der PädagogInnen stellt Stufe 1 dar. Auch in Konfliktsituationen ist das Kind ständig über die nächsten Handlungsschritte der PädagogInnen zu informieren ("Ich werde Dir nicht wehtun, wenn..., dann werde ich dies oder das aus folgendem Grund tun!"). Die Stufen 2 bis 4 benötigen Unterstützung und genauer Beobachtung durch die PädagogInnen, auf keinen Fall darf das Kind sich überfordert oder mit Entscheidungen alleine gelassen fühlen.


Auf jeden Fall gilt für eine beteiligende pädagogische Praxis: "Alles das, was die Beziehungsfähigkeit von Menschen verbessert oder wieder herstellt, ist gut für''s Gehirn und gut für die Gemeinschaft, in der diese Menschen leben." (Hüther 2006)

Auch die Schwächsten haben eine Stimme




Die Beschäftigung mit dem Thema "Partizipation" hat mich noch zu einem weiteren Aspekt geführt, den ich abschließend vorstellen möchte: "Gewaltprävention unter Kinder und Jugendlichen durch Beteiligung"!

In einer Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung kommen zahlreiche Kinder zusammen, die über ähnliche Erfahrungen an emotionaler, physisch/psychischer und sexualisierter Gewalt verfügen. Bedauerlicherweise werden viele dieser Kinder und Jugendlichen innerhalb der Einrichtung erneut zu Gewaltopfern, denn unter den Kindern und Jugendlichen lässt sich oftmals die Existenz "grauer Hierarchien und Gewaltstrukturen" feststellen. Strukturen, auf die PädagogInnen oft selten Einfluss haben: Mobbing, Erpressung, sowie andere Formen der Gewalt. Oftmals entsteht diese Gewalt aus Gründen der Reinszenierung selbsterfahrener Gewalt oder mangels fehlender, weil nie gelernter, sozialer Verhaltensalternativen. Alles unter den Augen, aber oftmals ohne das konkrete Wissen des Fachpersonals. Jüngere Kinder sind diesen Gewaltstrukturen zunächst hilflos ausgeliefert, wachsen dann in diese hinein, mit dem Ziel in der Hierarchie aufzusteigen, so wird diese "graue Hierarchie" zu einer unendlichen Geschichte.

Wie ist dieser Teufelskreislauf zu durchbrechen? In den pädagogischen Klassikern des letzten Jahrhunderts sind bereits vielfältige Hinweise auf die Wirksamkeit partizipativer Praxis gegen Gewalt unter Kinder und Jugendlichen zu finden. Egal, ob bei Buber, Makarenko, Aichhorn, Korczack, Redl & Wineman, u.a., immer steht der Aspekt der Selbstwirksamkeit von Kindern und Jugendlichen im Mittelpunkt. Eine interessante Studie aus den Jahren 2000-03 kommt zu einem ähnlichen Ergebnis: Die finnische Psychologin, Dr. Jaana Juvonen, hat vor einigen Jahren zum Thema "Gewaltprävention" an Schulen in Los Angeles/USA geforscht und kam zu Antworten wie solch ein "Teufelskreis der Gewalt" unterbrochen werden kann (Juvonen 2003). In dieser Studie arbeitete sie heraus, dass gut gemeinte Appelle und Programme, die an die sog. "Rädelsführer" gerichtet sind, regelmäßig erfolglos bleiben. Grund dafür ist, dass diese "Bullys" (="Tyrannen") über eine hohe soziale Anerkennung der eigenen Peer-Group verfügen. Warum sollte sich ein "Bully" also deshalb ändern? Die Lösung liegt im Entzug der sozialen Anerkennung durch die Peer-Group (Juvonen 2003). Dies gelingt durch eine praktizierte Kombination aus Stärkung individueller Kompetenzen und Gewährung institutioneller Verfahren zur Beschwerde und Konsensfindung. Egal auf welcher Ebene, entscheidend ist die Erfahrung der Selbstwirksamkeit der Schwächeren.

"Bullying" (=Mobbing, Schikane, Terror) definiert sich als "Anzetteln von Schlägereien und Herumschubsen von anderen Kindern", "andere herunter machen und bloßstellen", sowie "gehässige Gerüchte über andere in Umlauf bringen". "Bullying" besteht also aus körperlichen Aggressionen, verbalen Bedrohungen und öffentlichen Demütigungen. Diese Beobachtungen, die Juvonen an öffentlichen Schulen machte, lassen sich ebenfalls in vielen Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen wiederfinden.

"Die Opfer reden nur widerwillig über ihre Notlage. (...) Sie leiden still und geben sich oft selbst die Schuld." (UCLA News 2003) Daher liegt ein erster notwendiger Schritt darin, ein Setting zu schaffen, in dem ein Kind, das Opfer wurde, sich sicher genug fühlt zu reden. Als weiteres hilft die Einführung von Streitschlichterprogrammen in der Einrichtung. So wird ein vorhandenes Gewaltproblem innerhalb der Einrichtung zum einen aus der "Grauzone" herausgeholt und öffentlich gemacht, zum anderen werden Kinder und Jugendliche gleichzeitig angeleitet, welche Verhaltens- und Bewältigungsstrategien gegen Gewalt hilfreich sind. Außerdem reduziert sich so nachweislich das Problem mit den "Zuschauern", die nur selten gegen die Schikanen intervenieren, sondern die Täter eher ermutigen und anfeuern oder sich sogar an den verbalen Demütigungen beteiligen.

Problematisch ist und bleibt allerdings die Gruppe der sogenannten "Bully-Opfer": Dies sind Kinder und Jugendliche, die selber schikanieren und schikaniert werden. Sie sind die mit Abstand am verhaltensauffälligste Gruppe. Sie sind unter den Gleichaltrigen am unbeliebtesten, stiften am meisten Unruhe und zeigen deutliche Anzeichen von Depression und Einsamkeit. In der gewaltpräventiven Arbeit stellen sie die risikoreichste und schwierigste Zielgruppe dar, die daher einer besonderen Beachtung bedarf (ebd.).

Juvonen empfiehlt, das Gespräch mit dem Kind zum Thema "Gewalt" so früh wie möglich zu suchen, möglichst bevor es selbst Gewalterfahrungen durch Gleichaltrige gemacht hat: "Hast Du schon mal mitbekommen, das einem anderen Kind was Schlimmes passiert ist? Was glaubst Du, wie sich dieses Kind gefühlt hat? Was sollte man dagegen machen? Was würdest Du tun?" Es ist wichtig, so viele Informationen wie möglich vom Kind zu erhalten, um im Ernstfall gemeinsam hilfreiche Strategien entwickeln zu können (ebd.). Im Gespräch mit einem traumatisierten Kind ist dabei Sorgfalt und Vorsicht geboten. Das Kind darf keinesfalls gedrängt werden. Es wird sich auf die Fragen einlassen, wenn es sich sicher genug fühlt.

Zur Prävention von Gewalt sind also folgende Beteiligungsstrukturen festzuhalten:

•Gewaltstrukturen in der Einrichtung öffentlich machen

•Gespräch mit dem Kind über Gewalt und mögliche Bewältigungsstrategien

•Regeln (gruppen- und einrichtungsintern) gemeinsam erstellen und Regelbrüche gemeinsam diskutieren und klären

•Programme zur Gewaltdeeskalation und Streitschlichtung installieren

•Beschwerdeverfahren einrichten und Vertrauensleute benennen

•Gemeinsame Gremien für Kinder, Jugendliche und Erwachsene schaffen, möglichst mit geregelter Beschlussfähigkeit

•regelmäßige, einrichtungsinterne Kinder- und Jugendbefragungen durchführen
Zusammenfassung


Ich habe dargestellt, dass die Partizipation bzw. Beteiligung von Kindern und Jugendlichen kein Modethema, sondern pädagogisches Grundwerkzeug ist. Sie sichert das Naturprinzip der "dialogischen Begegnung" auf sozialer Ebene. In der Kinder- und Jugendhilfe begegnen wir jungen Menschen, denen dieser Dialog durch ihre Familien, ihr soziales Umfeld verwehrt wurde. Deprivation, Vernachlässigung oder Gewalterfahrungen unterschiedlichster Art haben bei ihnen zu mehr oder minder schweren Beeinträchtigung sozial anerkannter kommunikativer Kompetenzen geführt. Dies stellt uns vor die spannende Entdeckeraufgabe, herauszufinden, wie der Dialog wieder aufzunehmen ist. Partizipatives Denken und Handeln ist i.d.S. ein wesentlicher Faktor heilpädagogischer Betreuung und Förderung. Der zu gewährleistende "Sichere Ort" stellt damit ein heilsames Feld dar, in dem das traumatiserte Kind Ich- und Handlungskompetenz, Selbstkontrolle und -wirksamkeit im gemeinsamen Raum des Zwischenmenschlichen erfährt.



© Martin Kühn, 2006


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Literatur:

Buber, M., "Reden über Erziehung", 1995, S. 45
Feuser, G., "Integration - eine Frage der Didaktik einer Allgemeinen Pädagogik.", in: Zeitschrift Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft, Heft 1., 1999
Herz, B., "Ist die ''Konfrontative Pädagogik'' der Rede wert?", BHP 04-2005, S. 364
Hüther, G., DVD "Brainwash: Einführung in die Neurobiologie für Pädagogen, Therapeuten und Lehrer", 2006
Jantzen, W., "Allgemeine Behindertenpädagogik", Bd. 1, 1987, S. 191 ff.
Juvonen, J. et alt., "Bullying Among Young Adolescents: The Strong, the Weak, and the Troubled", in: PEDIATRICS Vol. 112 No. 6 December 2003, pp. 1231-1237, 2003 (Internetveröffentlichung)
Juvonen, J., "Bullying in Schools Pervasive, Disruptive and Serious, UCLA Study Finds", in: UCLA News, 2003 (Internetveröffentlichung)
Klafki, W., "Pädagogisches Verstehen - eine vernachlässigte Aufgabe der Lehrerbildung", in: Klafki, Wolfgang: Erziehung - Humanität - Demokratie. Erziehungswissenschaft und Schule an der Wende zum 21. Jahrhundert. Neun Vorträge. Eingel. und hrsg. von Michio Ogasawara. Tokyo 1992. S. 135-153. (Internetveröffentlichung)
Papou¨ek, M., "Seelische Gesundheit in der frühen Kindheit", 1997 (Internetveröffentlichung)
Perry, B., "Surviving Childhood" Part III, 2002, (Internetveröffentlichung)
Reiser, H., "Die pädagogische Beziehung in den alten und in den neuen Arbeitsformen der Sonderpädagogik", in: Sonderpädagogik in Schleswig-Holstein, 2/2001, S. 19 ff. (Internetveröffentlichung)
Rödler, P., "Sisyphos - Gedanken zur Reflexion des Autismus". in: BHP 03-1985, S. 248 ff.
Rödler, P., "Wishful Thinking" - Zum Verhältnis zwischen Zeit und Wunsch, 1998 (Internetveröffentlichung)
Saalfrank, W.-T., "Bubers Wirkung auf pädagogische Einzelbereiche. Ein Überblick", in: Im Gespräch, Nr. 11/2005 (Internetveröffentlichung)
Wörterbuch der deutschen Sprache (Internetpräsenz)
Vogt, V., "Trauma und Gehirn", in: Dialog 1, Ausgabe 1, 02-2002


Isolierte Anfechtung von Kostenentscheidungen in Familiensachen


Die isolierte Anfechtung von Kostenentscheidungen ist nach einer Entscheidung des Oberlandesgerichts Stuttgart auch in Unterhalts- und Ehesachen gem. §§ 58 FamFG zulässig, sofern der Beschwerdewert von 600,- € gem. § 61 Abs. 1 FamFG überschritten wird.

Inwieweit in Ehe- und Familiensachen die isolierte Anfechtung einer Kostenentscheidung zulässig ist, ist in der Rechtsprechung und Kommentarliteratur umstritten. Zum Teil wird vertreten, dass Kostenentscheidungen in Unterhaltssachen auch dann nicht isoliert anfechtbar seien, wenn der Hauptsacheentscheidung ein Anerkenntnis zugrunde liege. Denn § 99 Abs. 2 ZPO könne keine Anwendung finden, da die Vorschrift im Zusammenhang mit § 93 ZPO zu verstehen sei. Nur dessen richtige Anwendung solle überprüfbar sein. Dagegen sei die Billigkeitsentscheidung gemäß § 243 FamFG nicht mit der formalen Prüfung vergleichbar.

Ein anderer Teil der Rechtsprechung wendet auf die isolierte Anfechtung von Kostenentscheidungen in allen Familiensachen die §§ 58 ff. FamFG an mit der Begründung, dass § 113 Abs. 1 FamFG die Rechtsmittelvorschriften des FamFG nicht ausschließe. Auch die Kostenentscheidung sei Teil der Endentscheidung und sonach gemäß §§ 58 ff. FamFG anfechtbar1. Aus dem Vorbehalt des anzuwendenden Verfahrensrechts in § 58 Abs. 1 2. Hs. FamFG ergebe sich jedenfalls in Unterhaltssachen nichts anderes, da § 243 FamFG als lex specialis die Vorschriften der ZPO über Kostenentscheidungen verdränge2.

Das OLG München wiederum hat die Anwendbarkeit von § 99 Abs. 2 ZPO bejaht, im Ergebnis allerdings die §§ 58 ff. FamFG angewandt3.

Schließlich wird auch vertreten dass sich die isolierte Anfechtbarkeit einer Kostenentscheidung nach §§ 113 Abs. 1 FamFG, 99 Abs. 2, 567 Abs. 1 Nr. 1 ZPO richte4. Dies wird damit begründet, dass § 113 Abs. 1 FamFG auch auf § 99 ZPO verweise und § 99 Abs. 2 ZPO eine andere Regelung der Anfechtbarkeit im Sinne des § 58 Abs. 1 FamFG darstelle; § 243 FamFG sei im Verhältnis zu § 99 Abs. 2 ZPO keine speziellere Regelung, da die Vorschrift die inhaltlichen Kriterien für die Kostenentscheidung in Unterhaltssachen regele und damit auch nur die §§ 91 bis 93, 97, 269 Abs. 3 ZPO verdrängen könne. Dies entspreche auch dem Willen des Gesetzgebers.


Das Oberlandesgericht Stuttgart folgt der Auffassung, dass die isolierte Anfechtung von Kostenentscheidungen auch in Unterhalts- und – wie vorliegend – in Ehesachen nach §§ 58 ff. FamFG stattfindet.

Die in der Gesetzesbegründung und in den Materialien zur Entstehung des FamFG geäußerte Rechtsauffassung, in Ehe- und Familienstreitsachen seien infolge der Verweisung nach § 113 Abs. 1 Satz 2 FamFG auf Kostenbeschwerden die §§ 91 ff. ZPO anzuwenden5, findet weder in § 58 FamFG noch in § 113 Abs. 1 FamFG eine Grundlage6. Denn gemäß § 58 Abs. 1 FamFG ist die Beschwerde das statthafte Rechtsmittel gegen Endentscheidungen, und zwar auch in Bezug auf Unterhalts- und Ehesachen. Die Kostenentscheidung ist aber eine Endentscheidung im Sinne von §§ 38 Abs. 1, 58 Abs. 1 FamFG, da durch sie der Verfahrensgegenstand jedenfalls teilweise, nämlich in Bezug auf die Kostenfrage, erledigt wird7.

Das Gesetz sieht für die isolierte Anfechtung von Kostenentscheidungen auch kein anderes Rechtsmittel im Sinne von § 58 Abs. 1 2. Hs FamFG vor. § 113 Abs. 1 FamFG verweist nicht auf § 99 Abs. 2 ZPO. Nach § 113 Abs. 1 FamFG sind zwar die Kostenvorschriften des FamFG in Familienstreitsachen und Ehesachen nicht anzuwenden. § 99 ZPO trifft aber keine Regelung über den materiellen Gehalt von Kostenentscheidungen, sondern nur über deren Anfechtbarkeit. Es handelt sich daher nicht um eine von der Verweisung in § 113 Abs. 1 FamFG erfasste Kostenvorschrift im Sinne der §§ 81 ff. FamFG, sondern lediglich um eine Rechtsmittelvorschrift8.

Bei der Kostenvorschrift des § 150 FamFG, welche die Kostentragungspflicht in Ehesachen regelt, handelt es sich um eine dem § 243 FamFG in seiner Systematik entsprechenden Vorschrift, so dass die isolierte Anfechtbarkeit von Kostenentscheidungen sowohl in Familienstreitsachen als auch in Ehesachen nach Ansicht des Senats gem. §§ 58 ff FamFG stattfindet.

Bei Anwendung der §§ 58 ff. FamFG auf Rechtsmittel gegen Endentscheidungen in Familienstreitsachen und Ehesachen entsteht auch keine Regelungslücke in Bezug auf Beschwerden gegen die Bewilligung oder Versagung von Verfahrenskostenhilfe, da es sich insoweit nicht um Endentscheidungen im Sinne von § 38 FamFG handelt.

Oberlandesgericht Stuttgart, Beschluss vom 2. August 2011 – 18 UF 223/11


1.OLG Bremen Beschluss vom 18.04.2011 – 4 WF 23/11; OLG Oldenburg FamRZ 2010, 1831 f.; OLG Hamm FamRZ 2011, 582↩
2.OLG Bremen und OLG Oldenburg a.a.O.↩
3.OLG München Beschluss vom 06.04.2010 – 2 WF 107/10↩
4.so OLG Köln FamRZ 2011, 579; OLG Oldenburg FamRZ 2011, 578; KG NJW 2010, 3588↩
5.vgl. BT-Drs. 16/11385 und 16/12727 Seite 60 sowie BT-Drs. 16/6308 S. 168↩
6.vgl. OLG Bremen a.a.O.; OLG Oldenburg FamRZ 2010, 1831 f.↩
7.Veskorn in Zöller, § 38 FamFG RN 3; Oberheim in SchulteBunert/Weinreich, Kommentar zum FamFG, 2. Aufl.2010, § 38 FamFG RN 6↩
8.vgl. zu § 91a ZPO ebenso OLG Oldenburg FamRZ 2010, 1693 f.↩

Sonntag, 28. August 2011

Zivilcourage

Papagei trickst Jugendamt aus


KURIOSES „Blue“ schreit „Papa“ und Familie Pfeiffer erhält Post von einer Sozialarbeiterin.

Sie hat es wahrscheinlich gar nicht mit Absicht getan, wollte auch niemandem schaden, sondern einfach nur gut gelaunt ein bisschen in ihrer Voliere vor sich hinbrabbeln. Doch was Blaustirnamazone „Blue“ (7) tat, wird wohl ewig in Erinnerung bleiben.

Vergangene Woche erhielten Dirk und Melanie Pfeiffer Post von einer Sozialarbeiterin des Jugendamtes. „Ich schreibe Ihnen, da ich aus Ihrer Nachbarschaft eine Meldung darüber bekommen habe, dass Ihr Kind wohl morgens sehr lange schreit. Ihre Nachbarn machen sich Sorgen.“ Konkret ging es um wiederholte „Papa“-Rufe. Weiter heißt es in dem Brief: „Aus diesem Grunde schlage ich vor, dass ich am kommenden Montag zu einem Gespräch zu Ihnen komme.“

Melanie Pfeiffer verstand zunächst nicht recht. „Erst mal war ich geschockt, mir ist richtig schlecht geworden.“ Sofort habe sie ihren Mann Dirk gerufen, gemeinsam begann man zu schmunzeln. „Unsere direkten Nachbarn wissen, dass unser Sohn Simon erst sieben Monate alt ist und noch gar nichts sagen kann.“ Die 35-Jährige findet es „super“, dass „jemand mal genau hinhört“ – „lieber einmal mehr das Jugendamt verständigen als einmal zu wenig“. Trotzdem hätte sie sich gewünscht, einfach angesprochen zu werden. „Obwohl ich mich das bei anderen wahrscheinlich auch nicht einfach so trauen würde“, gesteht sie.

Dann wurde den Pfeiffers klar: „Blue“ war „schuld“. Die Blaustirnamazone des Mitbewohners Klaus Epple aus dem Dachgeschoss ist nämlich ein absoluter Stimmen-Imitator. „Sie schreit durchaus morgens ,Papa‘, um meine Aufmerksamkeit zu erhalten“, schreibt der Verkäufer, der selbst in einem Zoofachhandel arbeitet, in einem Antwortbrief an die besagte Sozialarbeiterin.

Die Blaustirnamazone kann auch „Was ist los?“ rufen

Wie kommt die siebenjährige Blue darauf, täuschend echt in Kinderstimme „Papa“ zu schreien? „Das war so: Blue ist bei einer Familie in Remscheid aufgewachsen. Das Haus ging über zwei Etagen. Der Vater war oft im Keller und die Tochter rief oft von oben nach unten nach ihm.“ Dass die Blaustirnamazone anscheinend einen Narren an dem Mädchen gefressen hatte, beweisen auch ihre anderen Sprüche: „Sie sagt auch ,Was ist los?‘, ,Was soll das?‘ oder pfeift die Melodie von Pippi Langstrumpf.“ Wenn man ihr Futter in den Napf gebe, schmatze sie sogar vergnügt „mhhh“.

Klaus Epple ist sich der Lärmbelästigung durchaus bewusst. „Man hört den Papagei bis auf die Straße“, sagt auch Melanie Pfeiffer. „Und wir haben vor Kurzem noch gescherzt: ,Bald haben wir das Jugendamt da wegen ihres ,Papa‘-Geschreis‘.“ Blue hat nun einen anderen Besitzer gefunden. Das Jugendamt hat davon abgesehen, vorbeizukommen. Eins muss man der Amazonen-Dame aber lassen: Sie hat Talent.

http://www.solinger-tageblatt.de/Home/Solingen/Papagei-trickst-Jugendamt-aus-5113c270-e6cd-4c2a-8e11-a442b77d25ed-ds

Jugendamt - Familienhilfe - Leserkommentare

Sachlich präzise, ohne moralische Aufgeregtheit, fast im Stil einer Dokumentation, zeichnen Sie das Bild eines korrupten Hilfsnetzwerkes, in dem ehemalige sozialpädagogische Studienkollegen und Weiterbildungsgenossen teils in den Ämtern, teils an der Hilfefront, in einem inzwischen selbstverständlichen Komplott sich gegenseitig unterstützen im gemeinsamen Bemühen, diesen immens teuren und ineffektiven Apparat zu eigenem Nutz und Frommen am Laufen zu halten. Ich bin einer der dienstältesten Berliner Kinder- und Jugendpsychiater und kann Ihnen nach 30 Jahren „Kampf“ in dieser Szene versichern: Ihr Artikel spricht mir aus der Seele.

Es ist genau so, wie Sie es beschreiben, teilweise noch viel schlimmer. Was in Ihrem Artikel nicht zur Sprache kommt, ist die nicht seltene Übergriffigkeit von aufgezwungenen Familien- oder Jugendhilfe-Maßnahmen, die intakte Familien zerbrechen und hoffnungsvolle Entwicklungen junger Menschen irreversibel zerstören. Dr. Wolfgang Droll,

Berlin-Wilmersdorf




Samstag, 27. August 2011

Erfahrungsbericht Familienhilfe

Familienhelfer sollen eingreifen, wenn Eltern und Kinder miteinander überfordert sind. Doch das System der freien Träger, denen Berlin allein im vergangenen Jahr 408 Millionen Euro gab, hilft nicht den Menschen, sondern sich selbst.

Dass ich mal Sozialpädagogik studiert habe, halte ich heute für eine echte Jugendsünde. Obwohl ich damit zurzeit mehr Chancen auf dem Arbeitsmarkt habe, als in jeder anderen Branche. Das wird mir in dem Moment bewusst, als ich mich, neben meiner Tätigkeit als Journalistin, als Sozialpädagogin bewerbe. Fünf Jahre war ich jetzt komplett draußen, aber innerhalb von zwei Monaten habe ich wieder eine Stelle. Bei einem sogenannten „Freien Träger“ in der Jugendhilfe. Genauer gesagt, in der „Familienhilfe“.
Ich bin voller Elan, die Gesellschaft von unten zu verändern. Das ist doch eine vornehme Aufgabe, denke ich. Man teilt mir drei Problemfamilien zu.

Erster Fall: Alleinerziehende Mutter mit fünf Kindern von fünf verschiedenen Vätern, deren Namen sie nicht verrät. Drei-Zimmer-Wohnung für die ganze Familie. Die 38-jährige Mutter ist etwas irritiert, als nun auch noch zwei Sozialarbeiter in ihrem Wohnzimmer sitzen. Sie werden zehn Stunden in der Woche mit ihr verbringen. Frau Kallers* Widerstand gegen die Familienhilfe wurde vom Jugendamtsmitarbeiter ignoriert. Was ist zu tun? Warum wurde hier „Familienhilfe“ installiert? Das weiß niemand so genau.

Wir gehen mit den Kindern in den benachbarten Jugendclub, begleiten die Mutter zum Jobcenter. Eigentlich kommen sie gut zurecht, und den gewissen Geldmangel können wir auch nicht beheben. Im Grunde leisten wir da eine Art kostenlose Kinderbetreuung, aber ist das der Sinn von Familienhilfe? Das rein Praktische hätte man in vier Wochen regeln können, doch die Hilfe läuft nun schon seit eineinhalb Jahren, und das bedeutet Kosten von 36 000 Euro.

Mein zweiter Fall sind Mutter und Tochter aus einem Land auf dem südlichen afrikanischen Kontinent. Ich beneide die 11-Jährige ein bisschen um ihr äußerst stabiles Selbstbewusstsein. Die Mutter spricht nicht ausreichend Deutsch, als dass man mit ihr über Erziehungsfragen reden könnte. Außerdem wünscht sie das gar nicht: „Du helfen mein Tochter in Schule, sie nicht fleißig genug.“ So machte es jedenfalls meine Vorgängerin, eine ehemalige Lehrerin. Sie hat das Mädchen mit zu sich nach Hause genommen und ihr Nachhilfeunterricht gegeben. Als ich dem Jugendamtsmitarbeiter dies mitteile, ist er entrüstet und bricht die Hilfe konsequenterweise ab. Die Familienhilfe lief auch hier über eineinhalb Jahre, die Kosten betrugen 21 000 Euro.

Mein freier Träger ist sauer auf mich. Das sei doch so ein schöner leichter Fall gewesen, das hätte man noch eine ganze Weile weiterlaufen lassen können, erklärt mir der Geschäftsführer. Ein fachlicher Grund für die Familienhilfe scheint ihn nicht zu interessieren.

Nach ein paar Wochen beginnt mir dieser Betrieb unsympathisch zu werden. Ich sitze von bleierner Müdigkeit übermannt in stundenlangen Teamsitzungen, in denen es um irgendwelche innerbetrieblichen Schwierigkeiten geht. Es wird kaum ein Wort über den Umgang mit den Klienten verloren. Dafür gibt es doch die kollegialen Fachgespräche, die dann so aussehen, dass man gemeinsam zum Italiener um die Ecke geht und sich dafür drei geschlagene Arbeitsstunden aufschreibt. Langsam beginnt mir zu dämmern, warum ich mich immer ein bisschen für meinen Beruf geschämt habe. Was machen die da eigentlich?

(*Die Namen aller genannten Familien wurden von der Redaktion geändert)

http://www.tagesspiegel.de/berlin/hilflose-helfer-wenn-politik-den-missstand-verwaltet/4527696.html

Zu dritt allein


Vater, Mutter, Kind – so einfach wäre das. Aber so einfach ist es oft nicht mehr. Nach Scheidungen gibt es nicht selten Streit, Wut und verzweifelte Zweikämpfe zwischen den Eltern. Dann ist Hilfe von außen nötig: Wer darf wen wann sehen?

Der Mann und die Frau mit dem Notizblock sitzen in einem Garten bei Münchehofe, südlich von Berlin. Am Tisch unterm Vordach der Laube. Überm Dach hängt der Augusthimmel. Grau. Wolkenschwer. „Was schreiben wir?“, fragt die Frau. „Kino“, sagt der Mann.

Sie notiert das Wort. Er zieht an einer Zigarette. „Und?“, fragt sie. Ein Regentropfen fällt auf den Rasen. „Schwimmbad“, sagt er. Verzieht das Gesicht zum Fragezeichen. Zuckt mit den Schultern. Jetzt stehen zwei Worte auf dem Papier.

„Und?“ Immer mehr Regen. Die nächste Zigarette. Die Frau drängt. „Wenn eine Fee vorbeikäme, und Sie hätten drei Wün...“ Der Mann fällt ihr ins Wort.

„Hier?“ Er verschluckt sich an der Frage und hustet. „Hier kommt doch keine Fee vorbei!“

Dann aber fällt ihm doch noch was ein. Sie schreibt: Eis essen. Drei Worte haben sie, drei bescheidene Wünsche. Die Frau wird sie der Tochter des Mannes vorlegen sowie deren Mutter, seiner Exfrau. Die beiden sollen entscheiden, was der Vater und die 14-Jährige am übernächsten Samstag gemeinsam unternehmen. Er weiß, sie würden alles ablehnen. Wenn es nicht doch so was wie Zauber gäbe.

Jahrelang hat seine Exfrau verhindert, dass er und seine Tochter sich sehen. Gutachten wurden erstellt, Prozesskosten erstattet. Sozialarbeiter, Jugendamt und Gericht fanden keine Beweise für die Anschuldigungen der Frau gegen den Vater. Dennoch sind die Worte Vergewaltigung und sexueller Missbrauch mittlerweile das Einzige, was das Kind noch mit ihm in Verbindung bringt. Er sagt, er habe ihr Laufen beigebracht, Fahrradfahren und Schwimmen. Bevor er sich von ihrer Mutter getrennt habe, sei sie ein Papakind gewesen. Heute nennt sie ihn: „der Arsch“. Nun hat eine Familienrichterin den unheilvollen Verlauf der Ereignisse gebremst. Wer ab jetzt auch nur einmal verhindert, dass Vater und Tochter sich regelmäßig sehen, zahlt 25 000 Euro Strafe.

Wenn Eltern sich trennen, lässt das Bürgerliche Gesetzbuch sie nicht einfach machen, was sie wollen. Unabhängig davon, wer das Sorgerecht hat: Dem Kind steht es zu, mit Vater und Mutter zusammen zu sein. Das sogenannte Umgangsrecht gilt auch für denjenigen, der fortan nicht mit dem Kind zusammenlebt. Bekriegen sich Paare nach der Trennung dauerhaft, anstatt sich abzusprechen, mischt sich der Staat ins Privatleben ein. Er schickt sogenannte Umgangsbegleiter. Mitarbeiter des Jugendamtes, des Kinderschutzbundes oder eines freien Trägers der Jugendhilfe sind anwesend, wenn das Kind beim anderen Elternteil ist, beaufsichtigen die Übergaben oder übernehmen sie gleich ganz, damit Vater und Mutter sich nicht begegnen.

Der Staat hat auch den Laubenbesitzer und die Frau mit dem Notizblock zusammengebracht. Der Mann musste sich erst daran gewöhnen, dass die Umgangsbegleiterin mit ruhiger Stimme seine äußerst beunruhigenden Angelegenheiten bespricht. Sie übt sich in Geduld, wenn er rauchend um Worte ringt. Schlecht sieht er aus. Er ist die tragische Figur in der Geschichte vom Verlust einer Tochter. „Wird schon“, sagt sie am Gartentor, bevor sie wieder in ihr Auto steigt. Ein Lächeln gerät ihm ins Gesicht, das erste an diesem Nachmittag, und es hängt schief. Er glaubt nicht dran, dass die Geschichte noch gut endet.

Das Auto von Cornelia Knöfel ist ein Taubenschlag. Ein Telefon vibriert immerfort. Nachrichten landen. Sie soll noch mal im Jugendamt Lübben vorbeischauen. Eine Pflegemutter in Straupitz möchte nicht, dass die Kinder am Wochenende schon wieder den Vater sehen. Ein Mann will mit der Tochter zusammen sein, hat aber kein Geld, um sie mit dem Bus von der Mutter in Mittenwalde abzuholen. Knöfel nimmt einen Schluck aus dem Becher, der rechts neben ihr steht, und achtet auf das andere Telefon, das sie durch den Landkreis Dahme-Spreewald navigiert. Der Kaffee ist kalt. Sie hat ihn heute Morgen zu Hause in Berlin aufgebrüht.

Sie ist 48 Jahre alt, verheiratet, und hat drei Kinder. Sie ist Sozialpädagogin, Erziehungsberaterin, Dozentin der Erwachsenenbildung und Chefin von „Familienbande Plus“, einer gemeinnützigen Truppe von Sozialpädagogen, die im Auftrag des Jugendamtes im brandenburgischen Dahme-Spreewald-Kreis dem Umgangsrecht auf die Sprünge hilft. Nachmittags, abends und an Wochenenden, immer wenn Eltern sich die Kinder überlassen, sind sie und ihre Kollegen auf Spielplätzen, in Kinos und Eiscafés zugange. Sie besuchen Zoos, den Zirkus oder das Spaßbad. Sie führen Elterngespräche und ringen mit Streitenden um verbindliche Absprachen. Sie stellen Hilfepläne auf und rasen am Weihnachtstag über Landstraßen, damit ein Vater in ihrem Beisein sein Kind beschenken kann.

An einem der wenigen schönen Sommersonntage dieses Jahres steht Cornelia Knöfel morgens in Luckau im Spreewald bereit, um die Übergabe eines kleinen Jungen zu übernehmen. Der Vater sitzt in ihrem Auto, als sie durch den Vorgarten geht und bei der Mutter klingelt. Das Kind steht schon bereit. „Hat se ooch die Zahnbürste einjesteckt?“, lässt sich der Exmann aus dem Auto vernehmen. „Ist die Zahnbürste im Rucksack?“, fragt Knöfels ruhige Stimme. „Na logisch“, faucht die Exfrau im Halbdunkel des Flurs. „Hat se wieder nich an die Krankenkarte jedacht?“ Der Mann im Auto randaliert wie ein eingesperrter Hund. „Die Krankenkarte doch sicher auch“, sagt Knöfel und lächelt zuversichtlich, obgleich das Kläffen des Vaters bis zur Haustür dringt.

Mit etwa 550 streitenden Elternpaaren ist der Landkreis befasst. Sie kommen aus allen Schichten der Bevölkerung. Ihr Benehmen ist in den Akten der Familiengerichtshilfen auf den Jugendämtern dokumentiert, sie selbst gehen in den Ämtern ein und aus. Noch vor acht Jahren gab man streitenden Eltern dort folgende Ratschläge: Reichen Sie sich die Hand, wenn Ihr Kind dabei ist, sagen Sie etwas zueinander, sehen Sie sich in die Augen! Heute hingegen führen Väter und Mütter erbitterte Zweikämpfe. Die verbalen Entgleisungen sind bedrohlich, der Respekt ist gleich null. Weil es das Internet gibt, braucht niemand mehr zu brüllen, damit die ganze Kleinstadt Bescheid weiß. Immer mehr Alkohol ist im Spiel, und gern wird auch mal mit gut gefüllten Waffenschränken gedroht. Heute, so sagt man im Amt, haben streitende Eltern ihr Kind aus dem Blick verloren. Immer öfter muss der sozialpsychiatrische Dienst alarmiert werden, weil das Wohl eines Kindes gefährdet ist.

Drei Kinder, deren Väter in den vergangenen Wochen im Jugendamt Lübben vorsprachen, waren noch nicht einmal geboren. Weil keine Vornamen eingegeben werden konnten, weigerte sich das Computerprogramm, sie überhaupt zu registrieren. Männer wollen mit zum Ultraschall gehen und bei der Geburtsvorbereitung dabei sein. „Sie wollen heute nicht mehr nur Beschützer, Verdiener, Unterhaltszahler, sondern wirklich ein Vater sein“, sagt Cornelia Knöfel. „Doch die Macht der Mütter ist ungebrochen. Auf Familiengerichten urteilen meist Richterinnen, in Jugendämtern sitzen vorwiegend Frauen. Will eine Mutter für ihr Kind sorgen, darf sie das, weil vorausgesetzt wird, dass sie es kann. Väter müssen es erst beweisen.“

Nur wenn Vater und Mutter zustimmen, werden in hochstrittigen Fällen Umgangsbegleiter eingesetzt. „Familienbande Plus“ übernimmt derzeit 20 Fälle: Eltern, die sich misstrauen und beschuldigen, die unter psychischen Problemen leiden, trinken, Drogen nehmen. Eine Mutter prügelt. Männer sind verzweifelt, weil sie ihre Kinder nicht zu sehen bekommen, Frauen leiden, da sie den Mann, der sie schlecht behandelt hat, nicht loswerden, weil er der Vater ihres Babys ist. Trennung bringt oft finanzielle Schwierigkeiten, meist dem, der mit dem Kind zusammenlebt. Ein Drittel des Streitpotenzials entsteht durch Armut. Drei Väter sind wegen sexuellen Missbrauchs angezeigt. Verfahren laufen. Seit zwei Jahren, seitdem Knöfels Familienbande im Landkreis arbeitet, hat sich ein derartiger Verdacht aber nicht bestätigt.

Frau S., ein zartes, blondes Wesen, gerade 23 Jahre alt, hat den Streit im Gesicht. Sie ist verprügelt worden. Zwölf Tage ist das her, sie hatte selbst mehr als zwei Promille. Auch ihr Mann hatte gesoffen, dann war da noch der Ex, der ständig Stress macht, weil er seinen Sohn sehen will und keine Gelegenheit, die sie ihm bieten, recht ist. Es muss laut geworden sein. Jemand hat das Jugendamt gerufen, der Dreijährige und seine einjährige Schwester wurden zu einer Pflegemutter gegeben. Ein Gericht wird entscheiden, ob die Kinder zurückkommen. Heute dürfen die Eltern den Jungen und die gemeinsame Tochter für zwei Stunden sehen. Im Erdgeschoss eines Plattenbaus in Lübben hat die „Familienbande“ eine Wohnung eingerichtet. „Meine Frau braucht ein Taschentuch“, sagt Herr S., als Cornelia Knöfel die Tür öffnet. Der 28-Jährige trägt Sportsachen und wippt auf Turnschuhen wie einer, der loslaufen und sich selbst entkommen will. „Sie schämt sich so. Sie ist nicht mehr aus dem Haus gegangen. Ich musste sogar die Wäsche vom Balkon holen.“

In der Wohnung gibt es ein Spielzimmer. Der Junge lässt die Eltern beim Toben nicht aus den Augen. So oft sie können, versenken beide ihre Nasen in den weichen Haaren der Tochter. Die Umgangsbegleiterin sitzt am Boden und schaut der Familie zu, die es miteinander immer so schön wie jetzt haben könnte.

Zwei Stunden rasen vorbei. Bausteine, Bälle, Puppen, Matten und Kissen müssen aufgeräumt werden. Der Junge brüllt, als man ihm die Mütze aufsetzt. Er hört nicht mehr auf. Wie von Sinnen stürzt die Mutter ins Bad. Er soll die Tränen nicht sehen. „Er hat Tante zu mir gesagt!“, schreit sie, als das Auto der Pflegemutter mit den brüllenden Kindern vom Hof fährt. Seine Frau mit beiden Armen umklammernd versucht der Mann, sie zu beruhigen: „Nein, da hast du dich verhört!“ Cornelia Knöfel steht daneben. Erst nach einer Weile kommt ihre ruhige Stimme gegen die Eltern an. „Es ist doch gut so“, sagt sie. „Hätten die beiden nicht so geschrien, müsste ich mir Sorgen machen.“

In der Erdgeschosswohnung ist auch Raum, um Vätern und Müttern ungestört zuzuhören. Cornelia Knöfel hat Papier und Stift. Sie zeichnet: Mutter und Oma, die trinken. Einen Onkel, der prügelt. Einen Vater, der erst nach 17 Jahren im Leben des Sohnes auftaucht. Der seit zehn Jahren einen Besuch verspricht und bis heute nicht da war. Sie malt den Opa, der sich auf dem Dachboden das Leben nahm. Den Bruder, der ums Sorgerecht für sein Kind kämpfte, sich dann hinter der Garage erhängte. Als sie fertig ist, überreicht sie das Papier. Es sieht aus wie der harmlose Stammbaum der Familie S. und offenbart, dass Eltern und Kinder nicht nur Haarfarbe und Nasen, sondern auch unbeantwortete Fragen, Geheimnisse, Konflikte, Gewohnheiten, Krankheiten geerbt haben. „Ich will’s nicht“, sagt Frau S. und schiebt ihre Familie weg. „Sie haben’s in der Hand, ein paar Probleme zu lösen, die Ihre Verwandten nicht angepackt haben“, erwidert die Umgangsbegleiterin. „Es ist ein Geschenk.“

Auch der Mann mit der Gartenlaube bei Münchehofe kann noch mit einem Geschenk rechnen. Die Treffen mit seiner Tochter sind richterlich erzwungen. Cornelia Knöfel ist stets dabei, und es scheint, als wäre doch eine Fee vorbeigekommen. Als könnte zwischen Vater und Kind wieder etwas von dem entstehen, was mal war. Als könnte der Tag kommen, an dem das Kind zur Mutter sagt: Am Wochenende will ich zu Papa.

An einem Augustabend in der Küche der „Familienbande“. Herr F., ein Mann, der wie ein großer Junge aussieht, bereitet das Abendbrot zu. Vor einiger Zeit hat er seine Kinder von der psychisch kranken Mutter weggeholt und zu Pflegeeltern gebracht, weil er selbst seit der Trennung von ihr obdachlos war. Jetzt hat er zwar wieder eine Wohnung, aber dort sitzt er oft nur und kämpft mit Depressionen. Die Pflegeeltern wollen, dass er die Kinder, die er nur alle zwei Wochen sieht, zum Abendbrot zurückbringt. Aber er will das nicht. Er isst in der Erdgeschosswohnung mit ihnen. Aus einer Tasche holt er Hausschuhe und Sabberlatz. Und eine Liste der Lebensmittel, gegen die das Mädchen allergisch ist. Er studiert sie aufmerksam, wie eine Landkarte für unwegsames Gelände. „Oh“, sagt er. „Da kann ich die Nektarinen ja wieder mitnehmen.“

„Mama?“, ruft die kleine Nora. Sie läuft durch alle Zimmer der Erdgeschosswohnung. Cornelia Knöfel schüttelt mit dem Kopf. „Mama?“ Herr F. sagt: „Mama ist nicht da.“ Und seine Tochter weint. Er versucht, die Zweijährige hochzuheben, aber das gelingt nicht, weil er schon ihren kleinen Bruder auf dem Arm hält. Die Kleider der beiden passen nicht zu den ausgeleierten Socken und dem Schlabberpullover ihres Vaters. Sie leben jetzt in einem wohlhabenden Haus. Kürzlich hat das Jugendamt erfahren, dass die Pflegeeltern sich Mama und Papa nennen lassen. Ein Mitarbeiter ist hingefahren und hat vereinbart, dass das zu unterlassen ist. Dran gehalten haben die Pflegeeltern sich nicht. „Mama ist nicht da“, wiederholt Herr F. , das ist traurig. Noch trauriger ist: dass man nicht weiß, wen seine Tochter, wenn sie ruft, eigentlich sucht.

Cornelia Knöfel könnte helfen, den Abendbrottisch abzuräumen, aber sie rührt sich nicht. Herr F. soll es hinkriegen, dass zwei Kinder an ihm zerren und trotzdem das Geschirr nicht herunterfällt. Sie steht starr daneben, als er im engen Flur mit vier kleinen Schuhen, den Jacken und dem Gepäck jongliert. Sie wartet ab, bis er mit den Gurten in ihrem Auto klarkommt. Als sie bei den Pflegeeltern klingeln, hält er sich im Hindergrund, verschämt, als hätte er die Kinder heute Nachmittag gestohlen. Er müsste eine Therapie machen, seine Depression bekämpfen, das Sorgerecht beantragen. Er wäre kein wohlhabender, aber ein guter Vater. Der leibhaftige. Er winkt ab, wenn die Umgangshelferin ihm das vorschlägt. Er kann sich das nicht vorstellen. „Bitte!“, sagt sie. Das ist kein Wunsch. Sie braucht keine Fee. Sie arbeitet mit ihm. Sie wird ihn überreden.


http://www.tagesspiegel.de/zeitung/zu-dritt-allein/4545078.html

Einschulung - Hört auf eure Kinder


Tag der Einschulung

Allen Kindern,

die an diesem großen Tag einen Elternteil und Familienangehörige vermissen, wünschen wir einen guten Start!

Und den Elternteilen und Familienangehörigen, die an diesem Tag ausgegrenzt werden, nur weil ein Elternteil es nicht dabei haben möchte, oft mit familiärer Hilfe oder auch durch Hilfe staatlicher Machtinstrumente, wünschen wir ungebrochene Kraft und den Mut nicht aufzugeben, um immer für ihr Kind da zu sein.

Initiative „Hört auf Eure Kinder“ sorgerechtsprojekt@t-online.de

Hessen - Kinder hinter Mauern


In Hessen wird ein geschlossenes Heim für Kinder bis 13 Jahren gebaut– erstmals seit Jahrzehnten. Im Oktober eröffnet der katholische Träger die Einrichtung im Main-Kinzig-Kreis. Dabei hatte der Landtag geschlossene Heime einstimmig abgelehnt.

Erstmals seit Jahrzehnten schafft Hessen wieder ein geschlossenes Heim für Kinder. Am 1. Oktober wollen die katholischen „Salesianer Don Boscos“ das Haus mit der 3,50 Meter hohen Mauer in Sinntal (Main-Kinzig-Kreis) eröffnen, wie Einrichtungsleiter Franz Harings der Frankfurter Rundschau am Freitag bestätigte.

Aufgenommen werden könnten bis zu acht Jungen von zehn bis 13 Jahren. Dabei könne es um Kinder gehen, die von zu Hause abgehauen sind, nicht zur Schule gehen und sich „jeglichem pädagogischen Einfluss verweigern“, erläuterte Harings. Voraussetzung für die Unterbringung sei immer ein richterlicher Beschluss.

DON-BOSCO-Heim
1,3 Millionen Euro gibt das Land als Zuschuss für den Ausbau der Jugendeinrichtung der Salesianer Don Boscos im Main-Kinzig-Kreis. Insgesamt kostet der Ausbau nach Angaben der Salesianer 4,7 Millionen Euro. Davon werden neben dem Neubau für die geschlossene Einrichtung auch weitere Arbeiten auf dem Gelände bezahlt.

3,50 Meter hoch ist die Mauer, die den Innenhof des neuen Heims umgibt.

Acht Jungen von zehn bis 13 Jahren können im neuen „geschützten Kinderheim“ unterkommen. Für sie sollen elf Betreuer zur Verfügung stehen.

Im Jugendhilfezentrum Sinntal-Sannerz leben heute 48 junge Männer zwischen 14 und 21 Jahren. Weitere 66 Jugendliche, darunter auch Mädchen, machen bei Don Bosco eine berufliche Ausbildung. Eine Schule gehört ebenfalls zu der Einrichtung. (pit.)


Geschlossene Heime wurden in Hessen schon lange aus pädagogischen Gründen abgeschafft. Nach Angaben der Grünen war das 1978. Kinder auf der schiefen Bahn wurden jedoch vereinzelt in solche Institutionen in anderen Bundesländern geschickt. Nach Angaben des Sozialministeriums von Minister Stefan Grüttner (CDU) betraf das seit 2005 mehr als 40 Kinder. „Solche geschützte Unterbringung moderner Prägung hat mit der geschlossenen Unterbringung vergangener Zeiten nichts gemein“, betonte das Ministerium.

Die Grünen mahnten eine breite Debatte über die Notwendigkeit und das Konzept einer solchen Einrichtung an. Ihr Sozialpolitiker Marcus Bocklet sagte am Freitag in Wiesbaden, die geplante Eröffnung des Heims sei ein „Paradigmenwechsel“. Im Fachausschuss des Landtags habe die Regierung „blankgezogen“ und auf Nachfrage keinerlei Konzepte für die Einrichtung vorlegen können.

Zudem steht das Vorgehen nach Ansicht des Grünen im Widerspruch zu einem einstimmigen Beschluss des Landtags aus dem vorigen Jahr, der von CDU und FDP angeregt worden war. Darin heißt es: „Eine geschlossene Unterbringung von Kindern und Jugendlichen außerhalb des Jugendstrafvollzugs ist abzulehnen.“ Vorangegangen waren ausführliche Debatten über die Missstände in Kinder- und Jugendheimen in der Nachkriegszeit bis in die 70er Jahre.

Die CDU entgegnete, das neue Heim widerspreche dem damaligen Beschluss nicht. „Die geschützte Unterbringung dient einer intensiven pädagogischen Betreuung und ist mit den Kinderheimen der 50er und 60er Jahre nicht zu vergleichen, die mit Entwürdigung und Repressalien verbunden waren“, sagte der sozialpolitische Sprecher der CDU, Ralf-Norbert Bartelt.

Sein FDP-Kollege René Rock unterstützte die Einrichtung, um „hochgradig delinquenten, noch strafunmündigen Kindern“ gerecht zu werden, „die durch erhebliche Selbst- und Fremdgefährdung sowie durch gravierende Verhaltensauffälligkeiten in Erscheinung treten“.

Trotz ihrer Kritik an der Regierung lehnten die Grünen eine geschlossene Unterbringung nicht vollends ab. Sie sei als allerletzte Möglichkeit denkbar, sagte Bocklet. Dies gelte aber nur „unter klaren Bedingungen“ und wenn geklärt sei, wie es für die Kinder nach der Entlassung aus dem Heim bis zur Volljährigkeit weitergehe.

SPD und Linke wandten sich hingegen grundsätzlich gegen geschlossene Heime. Sie funktionierten „auch als allerletztes Mittel nicht“, urteilte der SPD-Familienpolitiker Gerhard Merz. Die Linken-Abgeordnete Marjana Schott sagte: „Anstatt Kindern durch solche Maßnahmen Perspektivlosigkeit und Ablehnung auf eine der härtesten Weisen zu vermitteln, sollte das Land für eine langfristige und frühzeitige Jugendhilfe sorgen.“

Don-Bosco-Pater Harings sagte, es gehe nicht um eine „gefängnisähnliche“ Unterbringung. „Wir sind eine Jugendhilfeeinrichtung.“ Auch wenn der Richter die Kinder für sechs Monate einweise, dürften sie in dieser Zeit stufenweise wieder hinaus, etwa für erlebnispädagogische Aktivitäten.

„Ich glaube, dass es junge Menschen gibt, die diese Hilfe brauchen“, betonte Einrichtungsleiter Harings. Nur habe man die bisher „in andere Bundesländer abgeschoben“. Das könne sich nun ändern.

http://www.fr-online.de/rhein-main/kinder-hinter-mauern/-/1472796/9555676/-/index.html